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Veröffentlicht: 31.12.2016, 13:44 Uhr

Sparzwang beim Fernsehen Als die Tiere den BR verließen


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Natürlich wissen die Tierfilmer selbst, dass es für sei keinen Artenschutz gibt. Schließlich seien sie selbst einst angetreten, um einen anderen Stil in der Tierfilmerei zu etablieren als der berühmte Bernhard Grzimek, „der sich in Deutschland im Botanischen Garten unter eine Palme setzte und so tat, als sei er in Afrika“, oder der schulmeisterliche Heinz Sielmann oder der besorgte Horst Stern. „Wir mussten etwas Neues finden“, beschreibt Arendt die Ausgangslage. Sie erfanden den authentischen Tierfilm, der ohne Musik auskam und ohne zugekaufte Bilder, der in Echtzeit gedreht wurde - nach langem Warten, gern auch als Känguru verkleidet. Ihren ersten Film „Singende Vögel“ schlugen sie dem Wissenschaftsredakteur Alfred Breitkopf vor, einem Mathematiker, der sich eifrig Notizen machte und vom Fernsehdirektor Helmut Oeller den Bescheid erhielt, er solle „die jungen Leute mal machen lassen“.

Die Filme bleiben im Archiv wenn sie kein anderer Sender ankauft

Die Filme kamen gut an, und schnell wurde an die beiden herangetragen, mit Fremdmaterial zu arbeiten und mehr Filme abzuliefern, solange sie so gefragt seien. „Wir sind uns aber treu geblieben“, sagt Arendt. Das betraf auch die eher frechen Texte ihrer Filme. Der Fernsehdirektor Oeller gab ihnen schriftlich, die Redaktion „Natur und Tiere“ im BR sei nur durch ihr Engagement entstanden. Oellers Nachfolger Gerhard Fuchs schrieb einen Lobbrief, stellte aber die Belieferung der ARD mit „Tiere vor der Kamera“ ein, „weil das zu teuer sei und auf diesem Sendeplatz Unterhaltung laufen sollte“, erinnern sich Arendt und Schweiger. Sie nahmen es zudem hin, dass Breitkopfs Nachfolger Udo Zimmermann die Entlohnung um die Hälfte reduzierte. „Aus geschäftlicher Perspektive war das Filmen seither für uns uninteressant“, sagt Schweiger. „Wir konnten uns das nur leisten, weil wir schon vorher viel investiert hatten, zum Beispiel in den Unimog, in dem wir unsere Expeditionen unternommen und den wir 1980 angeschafft haben.“

Mit dem sind sie auch durch Australien gefahren und haben die Filme für 2017 gedreht. Sie taten, wie sie es seit 38 Jahren gehalten haben. Der vom Bayerischen Rundfunk Anfang dieses Jahres versendete Pressetext habe ja erklärt, dass die Reise fortgesetzt würde. Nun bleiben die Filme im Archiv in Weil am Rhein, wenn sie nicht ein anderer Sender ankauft.

Selbst Wiederholungen erzielen beim BR immer noch gute Quoten

Arendt und Schweiger treibt die Sorge um, dass mit ihrem Aus ein ganzes Genre zu Grabe getragen wird. Auch andere ARD-Sender widmeten dem Tierfilm nur noch eine halbe Stelle. Einzig der NDR lasse Stücke in prächtiger BBC-Optik produzieren, die aber mit dem klassischen Naturfilm nichts mehr zu tun hätten. Dabei erzielen selbst die Wiederholungen alter Arendt-Schweiger-Filme beim BR immer noch gute Quoten, das Publikum für diese Art des Tierfilms ist offensichtlich da.

Dass an dieser Stelle am Programm gespart wird, begründet der BR indes mit dem Hinweis, es herrsche allgemein Kostendruck. Man habe sich „von mehreren lieb gewordenen Formaten trennen“ müssen. Der Rundfunkbeitrag sei seit 2009 nicht mehr erhöht, sondern 2015 sogar gesenkt worden, und der BR sei „in puncto Einnahmeentwicklung das Schlusslicht unter den ARD-Anstalten“. Er müsse sich „stärker einschränken als andere Sender“. Dass der interne Senderumbau, der Umzug aus der Münchner Innenstadt nach Freimann, der bis 2021 abgeschlossen sein soll, und hohe Pensionskosten auf das Budget drücken, sollte man freilich auch erwähnen.

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Ernst Arendt und Hans Schweiger wären gern im Guten mit dem Bayerischen Rundfunk auseinandergegangen. „Wenn du bei Siemens vierzig Jahre ordentliche Arbeit ablieferst, bekommst du auch ein Dankeschön“, sagt Arendt. „Wenn man uns zu einem Kaffee eingeladen und sich etwas Zeit genommen hätte. Aber so? Wir haben auch unseren Stolz - und so viel Material. Da hätte man sicher noch mehrere ,Best of-Tiere vor der Kamera‘ draus machen können.“ Doch beim Bayerischen Rundfunk ist für die beiden Tierfilmer die Expedition zu Ende. Deren letzte Etappe schlägt sich nicht auf dem Bildschirm nieder, sie fand hinter der Kamera statt.

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