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„Die Füchsin“ in der ARD : Eine Fähe muss tun, was eine Fähe tun muss

  • -Aktualisiert am

Auf frischer Tat: Die für eine dubiose Sicherheitsfirma arbeitende Xuân Lan (Bolor Gansuh, links) hat Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) entführt. Bild: WDR/Martin Rottenkolber

In der ARD-Serie „Die Füchsin“ zeigt eine ehemalige Agentin der Stasi, was sie gelernt hat. Jetzt kämpft sie auf eigene Rechnung gegen den Klassenfeind. Das ist leider nicht sehr originell.

          Wendegewinner sehen anders aus. Nicht so blass und verhärmt wie diese nicht mehr junge Frau Fuchs. Wie das gleichnamige Tier hat sie sich, zwar schlau und listig, doch durch zu viele Kämpfe angeschlagen, in ihren Bau verkrochen und leckt die Wunden. Aber irgendeinen Grund muss es ja geben, morgens aufzustehen. Selbst als arbeitslose Ex-Stasispitzelin in trister Hochhauswohnung ohne jeden persönlichen Akzent, spärlich grundgesichert mit Hartz IV von jenem Staat, den sie aus Überzeugung bekämpft hat. Ablenkung von den wiederkehrenden Albträumen wäre so ein Grund. Wiedergutmachung von Schuld ein anderer. Wobei Ex-Agentin Anne Marie Fuchs (Lina Wendel) immer der Ansicht war, auf der Seite der Guten zu stehen.

          Als ihr aber dämmerte, dass es mit dem Arbeiter- und Bauernstaat und dem Sozialismus so nichts werden würde, hatte sie beim Ministerium für Staatssicherheit gekündigt. Der Preis, den sie für den Ausstieg bezahlt hat, hat sie gebrochen. Fuchs kennt zwar alle Tricks der Überwachung; die Nutzung falscher Identitäten und Beschaffung geheimer Information sind ihre zweite Natur – aber wozu? Zwar riecht sie geradezu, wenn jemand etwas verbergen will und hat die entsprechenden Verhörtechniken parat, gilt trotz dieser Spitzenqualifikationen aber als schwer vermittelbar. Außerdem ist sie wegen Landesverrats vorbestraft.

          Zu viele Nebenfiguren, mit denen die Regie nichts anzufangen weiß

          Anders als ihr ehemaliger Führungsoffizier Olaf Ruhleben (Torsten Michaelis). Der residiert mittlerweile in einem schicken Düsseldorfer Büroglaspalast mit seiner aufstrebenden Sicherheitsfirma und hat als Expertin für interne Sicherheit die kampfkunstgeschulte Xuân Lan (Bolor Gansuh) engagiert, die neben spektakulären Verteidigungstechniken das Anzapfen von Überwachungskameras draufhat und sich mit Drohnen beschäftigt. Eiskalt gucken ist ihre Spezialität, Differenzieren weniger. Neben diesem Actionfilm-Abziehbild sieht die räudige „Füchsin“ zwar doppelt so alt aus, wirkt aber gleich viel lebendiger.

          Der eigentliche Fall ist leider kaum gelungen: Seicht und vorhersehbar, hat er viele Nebenfiguren, mit denen die Regie (Samira Radsi, „Deutschland 83“) nichts anfangen will und vor allem die Kamera (Guntram Franke) nichts anfangen kann, die ständig unnötige Füllbilder präsentiert. Eine Aktivistin, die sich mit der „Westdeutschen Kohle AG“ angelegt hat, wird in ihrem Haus erschlagen. Das Dorf Ekenbach sollte bald dem Braunkohletagebau weichen, auf einer Bürgerversammlung warb ausgerechnet die Tochter der Aktivistin, Katja Mehring (Tanja Schleiff) als Pressesprecherin des Konzerns für die Umsiedelung. Der Bürgermeister, René Röpers (Dirk Borchardt), tröstet Mehring, während ihr Mann Carsten (Isaak Dentler) in seiner wirtschaftlich angeschlagenen Sand- und Kiesgrube illegalen Nebengeschäften nachgeht. Da der Kommissar Ralf Eisner (Robert Dölle) spannungsdramaturgisch relevant im Finsteren tappt, muss die Ex-Agentin ran. Dann segnet auch noch der Mann der Aktivistin das Zeitliche. Die Protagonisten kommen einer groß angelegten kapitalistischen Immobilienschweinerei auf die Spur. Das wirkt angesichts der Größenverhältnisse mitunter unglaubwürdig und wird mit immer wiederkehrenden gleichen Bildern aus der Sandgrube oder vom Tagebaubagger in die Länge gezogen.

          Gut, dass es den Kleinhändler Yussef el Kilali (Karim Cherif) gibt, der in der zweiten Folge der Reihe „Die Füchsin“, „Spur auf der Halde“, wieder für alles (Zwischen-)Menschliche zuständig ist. Mit seiner Angetrauten, der Cafébetreiberin Simone Papst (Jasmin Schwiers) und einer weit verzweigten arabischen Verwandtschaft sorgt er dafür, dass die „Füchsin“ nicht zu viel Ex-DDR-Tristesse verbreitet. Auch seine Nichte Saida (Sara Fazilat, die gerade bereits in „Dimitrios Schulze“ als komisches Talent auffiel) ist erneut als Freizeithackerin mit Geschäftssinn dabei. Anne Marie Fuchs und Yussef el Kilali, die DDR-Stasispionin und der gefühlige Araber, das ist die gelungene Idee des Drehbuchs von Ralf Kinder, sind ein ungleiches Paar, gründen aber dennoch ihre kleine Privatdetektei und legen sich erfolgreich mit den Großkopferten an.

          Wendel und Cherif, beides glücklicherweise im Fernsehen nicht so bekannte Erscheinungen, spielen ihre Figuren nuanciert. Manche Szenen, etwa wenn Kilali aus dem Auto auf der Suche nach Informationen seinen gesamten Clan abtelefoniert, nehmen die Stereotypen erfolgreich aufs Korn. Eine gewisse Sorgfalt steckt auch in den surrealen Visualisierungen der Traumsequenzen. Und in den Details. Wenn die „Füchsin“ die Sohle ihres Schuhs anklebt, beschwert sie ihn mit zwei Bänden ihrer schmalen Bibliothek. Beide Bücher, die „Deutsche Geschichte“ und „Die Stasi im Westen“, sind als Nachschlagewerke nutzlos geworden. Ihre Geschichte, so wird dem Publikum gesagt, muss die Ex-Stasiagentin nun selber umschreiben.

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