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TV: „Zur Hölle mit den anderen“ : Zwei Paare steigen in den Ring

Man glaubt es kaum: Katrin (Britta Hammelstein, links) und Sandra (Mira Bartuschek) waren einmal gute Freundinnen. Bild: SWR/Johannes Krieg

Die besinnlichen Tage sind vorbei. Im Ersten treffen vier Freunde aus Studienzeiten aufeinander. Es dauert nicht lange, da heißt es: „Zur Hölle mit den anderen“. Es kommt zu einem sehr unterhaltsamen Showdown.

          Friede den Menschen, die guten Willens sind? Unter plätzchensüßer Harmoniesucht wenigstens auf Festtagszeit begrabene Konflikte? Ein liebliches Lächeln, während einem das Messer in der Tasche aufgeht? Nichts da, Weihnachten ist vorbei, und als Antidot für all jene, die etwaige Beklemmungen falscher Eintracht abschütteln müssen oder einfach nur zum Vergnügen zwei einander an die Gurgel springende Paare im Nahkampf beobachten mögen, bietet das Erste im noch neuen Jahr ein reinigendes Psychogewitter. Alles muss raus in „Zur Hölle mit den anderen“, die versteckten Ressentiments und die nagende Eifersucht, alte Aggressionen und lange genährte Ablehnungen und vor allem die eigene Gehässigkeit. Mit schamloser Boshaftigkeit verschafft sich Luft, was nicht länger unter dem Deckel zu halten ist.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei hat alles so freundschaftlich angefangen. Als Studentinnen waren Katrin Krämer (Britta Hammelstein) und Sandra Schätzle (Mira Bartuschek) unzertrennlich. Neun Jahre nachdem sie einander aus den Augen verloren haben, treffen sie sich zufällig wieder – und verabreden sich auf ein nettes Treffen mit Mann und Kind bei den Schätzles. Man tauscht Bussis zur Begrüßung und artige Floskeln über das schmucke Eigenheim mit Pool; die lieben Kleinen Fatme und Frederik spielen miteinander, und die Väter preisen die Vorzüge ihrer Partnerinnen: Sandra glänzt als diplomierte Turbo-Mutter und Vollzeit-Hausfrau, die Seidenblusen näht, bäckt wie eine Weltmeisterin und einem ambitionierten Literaturzirkel vorsteht; Katrin betreut als Kulturmanagerin diese unfassbar wichtige Fotoausstellung in Chile.

          Die Männer wiederum spiegeln in umgekehrter Zuordnung die Kind-oder-Karriere-Entscheidung der Frauen. Erik (Holger Stockhaus) spielt den Versorger mit Vierzehn-Stunden-Job in einem Chemieunternehmen, dem tote Vögel herzlich egal sind. Steffen (Felix Knopp) lebt als umweltschutzbewegter Journalist in Dauer-Elternzeit sein Faible für Mutter-Kind-Turnen aus. Und da dachte man schon, die Tatsache, dass er Vegetarier ist und Erik Fleischberge an den Grill schleppt (und sonst nichts), berge das größte Konfliktpotential. Da hatte allerdings die langzeitstillende Sandra auch noch nicht den Vierjährigen von der Brust gezupft und die Milchpumpe angesetzt. Den Gästen gehen die Augen über.

          „Die Hölle, das sind die anderen“, wusste schon Jean-Paul Sartre, und sein Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ dürfte ebenso wie Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ die Drehbuchautorin Nicole Armbruster inspiriert haben. Den Abgrund des Tragischen reißt sie gleichwohl nicht auf, sondern lässt ihre Charaktere in dieser leichtgängigen Komödie wahlweise mit Wasserpistolen, Wein- oder Schnapsglas in der Hand von einem Wortgefecht zum nächsten jagen, in dem scharf geschossen wird. Der Regisseur Stefan Krohmer inszeniert das Kammerspiel mit wachsender Lust an der Überdrehtheit; nur vor der letzten Verausgabung, die aus dem gelungenen Film mit pointierten Dialogen womöglich einen herrlich verrückten, herausragenden hätte machen können, schreckt er zurück.

          Es beginnt scheinbar harmlos: Katrin (Britta Hammelstein) und Sandra (Mira Bartuschek).

          Dabei gibt es so viel aneinander zu hassen, weil jeder dem anderen die Unzulänglichkeiten in dessen vermeintlich perfektem Leben vor Augen führt. Das Kind der Übermutter beißt den Vater, das Kind der Karrierefrau isst Fertigfraß – und warum trägt es einen arabischen Namen? Der Karrieremann fühlt sich vom Ökovater in seinem Selbstwertgefühl bedroht und umgekehrt. Die Partnerschaften selbst erweisen sich als explosiv. Vor der Tiefkühltruhe knallt es, dabei geht es doch nur um Brokkoli. Derweil schreit Fatme nach ihrer Spielzeugküche, als hätten die Mütter nie Genderstudies belegt.

          Als nur noch Feindseligkeit in der Luft prickelt, reicht es Katrin und Steffen. Sie wollen abreisen, tun es aber doch nicht. Was schade ist, denn eine Stunde konzentrierter Furor über die so unsäglich verminten Felder von Partnerschaft, Familie, Berufstätigkeit, Emanzipation und Erziehung wären packender gewesen als anderthalb Stunden Beziehungsarbeit auf dem Weg zur totalen Erschöpfung. Am Morgen danach scheint die Sonne, als wäre nichts gewesen. Will noch jemand zum Frühstück bleiben?

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