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Depublizieren : Die Leere hinter dem Link

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Erst werden die Beiträge produziert, dann ins Netz gestellt, dann wieder gelöscht: alles von Gebührengeldern für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein Bericht aus einem absurden System.

          Es ist nicht so, dass Volker Denkel für die Arbeit, die er gerade macht, auch noch einen pompösen Titel haben wollte. Aber wenn, dann läge der Name auf der Hand. Er ist Depublizist. Denkel ist preisgekrönter Online-Journalist. Gemeinsam mit seiner Kollegin Katharina Wilhelm hat er anlässlich einer Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum im vergangenen Jahr ein Special für den Hessischen Rundfunk entwickelt, das in interaktiver Form „das Rätsel Frau“ in den Bildern des italienischen Malers ergründete. Dafür wurde er mit dem Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten ausgezeichnet und für den Grimme-Online-Award nominiert.

          Kein Witz

          Volker Denkel arbeitet immer noch in der Multimedia-Abteilung des Hessischen Rundfunks, aber im Moment publiziert er nicht. Er ist einer von drei Redakteuren und zwei Technikern, die jetzt mehrere Monate lang damit beschäftigt sind, Inhalte aus den Online-Angeboten des HR herauszunehmen.

          Im Zwölften Rundfunkstaatsvertrag, der letztes Jahr in Kraft trat, haben die Ministerpräsidenten dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Internet neue Grenzen gesetzt. Einige wenige Inhalte sind gar nicht mehr zulässig - diese Angebote wie die Kontaktbörse „Liebesalarm“ von Eins Live und die Urteilsdatenbank des ARD-Ratgebers Recht sind längst gelöscht. Aber auch die meisten anderen Inhalte dürfen nur noch eine begrenzte Zeit im Netz bleiben. Um die Vorgaben zu erfüllen, haben ARD und ZDF „Verweildauerkonzepte“ entwickelt, in denen festgelegt ist, welche Arten von Inhalten welche Lebensdauer bekommen. Deren Genehmigung und Umsetzung muss bis Ende August abgeschlossen sein. Deshalb sind in den Online-Redaktionen der Anstalten in diesen Wochen viele Leute wie Volker Denkel damit beschäftigt, etwas zu tun, das das Gegenteil dessen ist, was sie eigentlich als ihre Arbeit verstehen. „Ich werde von Rundfunkgebühren dafür bezahlt, mit Rundfunkgebühren erstellte Inhalte zu löschen“, fasst ein verantwortlicher Redakteur den Irrwitz zusammen.

          Keine Ahnung

          Ein großer bürokratischer Aufwand steckt hinter alledem. Ungezählte Arbeitsgruppen haben Hunderte Seiten dicke Konzepte entwickelt oder für ihre Redaktionen erarbeitet, wie die Vorgaben darin umgesetzt werden sollen. Ganze Sendungen oder einzelne Inhalte werden den verschiedenen Verweildauerstufen zugeordnet. Der Bayerische Rundfunk hat für seine Mitarbeiter eine praktische Verkehrsscheibe entwickelt, eine bunte, beidseitig bedruckte Schablone, auf der sie ablesen können, welche Inhalte welcher der sieben Audio- und Video- oder der sechs Text-, Bild- und Multimedia-Kategorien zuzuordnen sind. Aktuelle Videos zum Beispiel dürfen nur sieben Tage online sein, Bildungsinhalte fünf Jahre, die Standardlebensdauer für die meisten Inhalte ist ein Jahr.

          In einigen Sendern mussten ältere Redaktionssysteme überhaupt erst mühsam um die Möglichkeit ergänzt werden, Inhalten ein Verfallsdatum zu geben. Und wenn einmal der komplette Bestand durchgearbeitet und kategorisiert ist, werden studentische Hilfskräfte noch eine Weile damit beschäftigt sein, Links auf den Seiten zu entfernen, die plötzlich ins Leere führen.

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