Home
http://www.faz.net/-gqz-6jyu5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Depublizieren Die Leere hinter dem Link

Erst werden die Beiträge produziert, dann ins Netz gestellt, dann wieder gelöscht: alles von Gebührengeldern für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein Bericht aus einem absurden System.

© Kat Menschik Vergrößern

Es ist nicht so, dass Volker Denkel für die Arbeit, die er gerade macht, auch noch einen pompösen Titel haben wollte. Aber wenn, dann läge der Name auf der Hand. Er ist Depublizist. Denkel ist preisgekrönter Online-Journalist. Gemeinsam mit seiner Kollegin Katharina Wilhelm hat er anlässlich einer Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum im vergangenen Jahr ein Special für den Hessischen Rundfunk entwickelt, das in interaktiver Form „das Rätsel Frau“ in den Bildern des italienischen Malers ergründete. Dafür wurde er mit dem Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten ausgezeichnet und für den Grimme-Online-Award nominiert.

Kein Witz

Mehr zum Thema

Volker Denkel arbeitet immer noch in der Multimedia-Abteilung des Hessischen Rundfunks, aber im Moment publiziert er nicht. Er ist einer von drei Redakteuren und zwei Technikern, die jetzt mehrere Monate lang damit beschäftigt sind, Inhalte aus den Online-Angeboten des HR herauszunehmen.

Im Zwölften Rundfunkstaatsvertrag, der letztes Jahr in Kraft trat, haben die Ministerpräsidenten dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Internet neue Grenzen gesetzt. Einige wenige Inhalte sind gar nicht mehr zulässig - diese Angebote wie die Kontaktbörse „Liebesalarm“ von Eins Live und die Urteilsdatenbank des ARD-Ratgebers Recht sind längst gelöscht. Aber auch die meisten anderen Inhalte dürfen nur noch eine begrenzte Zeit im Netz bleiben. Um die Vorgaben zu erfüllen, haben ARD und ZDF „Verweildauerkonzepte“ entwickelt, in denen festgelegt ist, welche Arten von Inhalten welche Lebensdauer bekommen. Deren Genehmigung und Umsetzung muss bis Ende August abgeschlossen sein. Deshalb sind in den Online-Redaktionen der Anstalten in diesen Wochen viele Leute wie Volker Denkel damit beschäftigt, etwas zu tun, das das Gegenteil dessen ist, was sie eigentlich als ihre Arbeit verstehen. „Ich werde von Rundfunkgebühren dafür bezahlt, mit Rundfunkgebühren erstellte Inhalte zu löschen“, fasst ein verantwortlicher Redakteur den Irrwitz zusammen.

Keine Ahnung

Ein großer bürokratischer Aufwand steckt hinter alledem. Ungezählte Arbeitsgruppen haben Hunderte Seiten dicke Konzepte entwickelt oder für ihre Redaktionen erarbeitet, wie die Vorgaben darin umgesetzt werden sollen. Ganze Sendungen oder einzelne Inhalte werden den verschiedenen Verweildauerstufen zugeordnet. Der Bayerische Rundfunk hat für seine Mitarbeiter eine praktische Verkehrsscheibe entwickelt, eine bunte, beidseitig bedruckte Schablone, auf der sie ablesen können, welche Inhalte welcher der sieben Audio- und Video- oder der sechs Text-, Bild- und Multimedia-Kategorien zuzuordnen sind. Aktuelle Videos zum Beispiel dürfen nur sieben Tage online sein, Bildungsinhalte fünf Jahre, die Standardlebensdauer für die meisten Inhalte ist ein Jahr.

In einigen Sendern mussten ältere Redaktionssysteme überhaupt erst mühsam um die Möglichkeit ergänzt werden, Inhalten ein Verfallsdatum zu geben. Und wenn einmal der komplette Bestand durchgearbeitet und kategorisiert ist, werden studentische Hilfskräfte noch eine Weile damit beschäftigt sein, Links auf den Seiten zu entfernen, die plötzlich ins Leere führen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Intelligente Städte Abfalleimer ruft Müllabfuhr

Denkt die Stadt von Morgen mit? Auch für Frankfurt gibt es Ideen, wie die Stadt zu einer sogenannten Smart City werden könnte. Technologiekonzerne wollen bei der Stadtplanung mitmischen. Mehr Von Rainer Schulze

14.04.2015, 10:33 Uhr | Rhein-Main
Internet Googles Vision von der totalen Vernetzung

Aktienkurse, Katzenvideos, Nachrichten: Wer im Internet sucht, der findet - und das meist mithilfe der Suchmaschine Google. Doch der Technologiekonzern will längst mehr sein: Das Internetunternehmen hat sich selbst zum Weltverbesserer erklärt. Und schraubt schon heute an einem komplett vernetzten Morgen Mehr

14.02.2015, 13:44 Uhr | Wirtschaft
Löschung von Artikeln Die Hand, die Buzzfeed füttert

In der Vergangenheit hat Buzzfeed wiederholt Artikel gelöscht, die der hauseigenen Werbeabteilung gegen den Strich gingen. Das soll nicht mehr vorkommen. Kann man das glauben? Mehr Von Andrea Diener

20.04.2015, 21:23 Uhr | Feuilleton
Operation Onymos Online-Drogenhandel aufgeflogen

Bei der Operation Onymos sind internationale Ermittler gegen illegale Plattformen für Rauschgifthandel im Internet vorgegangen. Im sogenannten Darknet sind einige Drogen beschlagnahmt worden. Mehr

11.11.2014, 16:52 Uhr | Gesellschaft
Google und Facebook Die Macht der Monopole

Die Politik muss sich mit dem Einfluss der Online-Konzerne befassen. Doch wie reguliert man Google, Facebook und Co.? Vielleicht können wir Anreize schaffen. Mehr Von Axel Wintermeyer

22.04.2015, 11:11 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.07.2010, 12:48 Uhr

Konfetti-Platz

Von Andreas Rossmann

Erst vor vier Jahren wurde ein Kölner Platz nach Karl Küpper benannt, dem einzigen Karnevalisten, der den Nazis entgegenspottete. Doch mit seinem Andenken ist bald Schluss: Die Stadt wünscht sich Bunteres. Mehr