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Veröffentlicht: 30.01.2013, 17:00 Uhr

Debattenkultur Die Medien im Zeitalter der Erregbarkeit

Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden? Wie verlor die journalistische Debatte an Relevanz? Bemerkungen zum „Fall Brüderle“ und zum „Fall Steinbrück“.

© picture alliance / dpa Achtung, Aufnahme läuft: Das Verhältnis von Journalisten und Politikern ist auf dem Prüfstand

Brüderle, Anmache, Sexismus“ - wer in drei oder zehn Jahren diese Stichworte in irgendeine Suchmaschine des Internets eingibt, wird Zeuge eines seltsamen Anfalls von öffentlichem Irrsinn werden. Tausende Seiten über einen offenkundig beschwipsten Politiker mit eingeschränktem Anstandsgefühl und Zehntausende empörte Frauen, die sich über chauvinistischen Sexismus echauffieren. Alles überlebt im Netz für immer.

In derselben Zeit zog die Bundeswehr mit ein paar Flugzeugen in einen weiteren Krieg, drohte die Energiewende zu scheitern, löste sich die „beste Regierung“ seit der Wiedervereinigung (Angela Merkel) in ihre Koalitionsbestandteile auf, beugten sich Ökonomen, Soziologen und Politiker besorgt über die nationale Einkommensschere zwischen Armen und Reichen, kollabierten Universitäten und Schulen - aber nein, die „Causa Brüderle“ löste die nicht minder irrwitzige Beschneidungsdebatte ab und beschäftigte Heerscharen von Journalisten, Bloggern und Talkshow-Gästen mitsamt ihren Millionen Lesern und Zuschauern, die sich gerade von der Diskussion über Peer Steinbrücks Pinot-Grigio-Bemerkung erholt hatten.

Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden? Und wie kam es zu diesem erstaunlichen Relevanzverlust der journalistischen Debatte?

Die Sonntagsprediger von heute

Eines fällt sofort auf: Der neue mediale Raum, in dem gesprochen, geschrieben und gesendet, in dem gehört, gelesen und getwittert wird, hat zwei menschliche Fähigkeiten verloren: zu vergessen und zu verzeihen. Das ist bedauerlich, denn demokratische, politische Öffentlichkeit ist ein anderer Name für das permanente Selbstgespräch von Menschen in Gesellschaft unter freiheitlichen Bedingungen.

Naumann empfindet "Cicero"-Chefposten als "reines Vergnuegen" © ddp Vergrößern Michael Naumann ist Direktor der Barenboim-Said Akademie in Berlin. Er war Kulturstaatsminister bei Gerhard Schröder, Kandidat der SPD zur Hamburger Bürgerschaftswahl, Herausgeber der „Zeit“ und Chefredakteur von „Cicero“

Im besten Fall kreist dieses Gespräch um Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit, am meisten jedoch in unseren Tagen um Alltagsthemen: Kita, Schule, Rente, Brot- und Milchpreise, die Verspätungen der Deutschen Bahn, „Tatort“, Bayern München, Thomas Gottschalk oder das britische Königshaus. Aber es geht auch um angebliche oder reale ethische Verfehlungen der Entscheidungsträger, Stichwort „Christian Wulff“ oder Pädophilie in Sakristeien und Internaten. In diesen Fällen übernehmen die Medien die normativen Leerstellen der Kirchen. Und so wie einst in mancher Sonntagspredigt wird regelmäßig übertrieben.

Eine große Raupe Nimmersatt

Die deutsche Öffentlichkeit, genauer, ihre journalistischen Repräsentanten, kann sehr nachtragend sein, und das ist kein schöner Charakterzug. Vielleicht liegt es daran, dass wir in Deutschland seit je dazu neigen, politische Diskussionen als agonalen Zeitvertreib zu verstehen. Es geht um Sieg oder Niederlage. Wir sind eine Rechthaber-Nation, die sich mit den Talkshows eine Bühne leistet, auf der es stets um alles oder nichts geht. Es darf gebrüllt werden.

Die deutschen Medien gleichen bisweilen einem großen, gefräßigen Tier. Den armen Philipp Rösler hatte es kurz vor der Niedersachsen-Wahl fast schon vertilgt, und Christian Wulff ist bereits verdaut. Ihre fette Beute war bis vor kurzem der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück. In ein paar Monaten wird es Angela Merkel treffen, denn der mediale Hunger auf prominente Politiker ist unstillbar.

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