Home
http://www.faz.net/-gsb-765yb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Debattenkultur Die Medien im Zeitalter der Erregbarkeit

Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden? Wie verlor die journalistische Debatte an Relevanz? Bemerkungen zum „Fall Brüderle“ und zum „Fall Steinbrück“.

© picture alliance / dpa Vergrößern Achtung, Aufnahme läuft: Das Verhältnis von Journalisten und Politikern ist auf dem Prüfstand

Brüderle, Anmache, Sexismus“ - wer in drei oder zehn Jahren diese Stichworte in irgendeine Suchmaschine des Internets eingibt, wird Zeuge eines seltsamen Anfalls von öffentlichem Irrsinn werden. Tausende Seiten über einen offenkundig beschwipsten Politiker mit eingeschränktem Anstandsgefühl und Zehntausende empörte Frauen, die sich über chauvinistischen Sexismus echauffieren. Alles überlebt im Netz für immer.

In derselben Zeit zog die Bundeswehr mit ein paar Flugzeugen in einen weiteren Krieg, drohte die Energiewende zu scheitern, löste sich die „beste Regierung“ seit der Wiedervereinigung (Angela Merkel) in ihre Koalitionsbestandteile auf, beugten sich Ökonomen, Soziologen und Politiker besorgt über die nationale Einkommensschere zwischen Armen und Reichen, kollabierten Universitäten und Schulen - aber nein, die „Causa Brüderle“ löste die nicht minder irrwitzige Beschneidungsdebatte ab und beschäftigte Heerscharen von Journalisten, Bloggern und Talkshow-Gästen mitsamt ihren Millionen Lesern und Zuschauern, die sich gerade von der Diskussion über Peer Steinbrücks Pinot-Grigio-Bemerkung erholt hatten.

Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden? Und wie kam es zu diesem erstaunlichen Relevanzverlust der journalistischen Debatte?

Die Sonntagsprediger von heute

Eines fällt sofort auf: Der neue mediale Raum, in dem gesprochen, geschrieben und gesendet, in dem gehört, gelesen und getwittert wird, hat zwei menschliche Fähigkeiten verloren: zu vergessen und zu verzeihen. Das ist bedauerlich, denn demokratische, politische Öffentlichkeit ist ein anderer Name für das permanente Selbstgespräch von Menschen in Gesellschaft unter freiheitlichen Bedingungen.

Naumann empfindet "Cicero"-Chefposten als "reines Vergnuegen" © ddp Vergrößern Michael Naumann ist Direktor der Barenboim-Said Akademie in Berlin. Er war Kulturstaatsminister bei Gerhard Schröder, Kandidat der SPD zur Hamburger Bürgerschaftswahl, Herausgeber der „Zeit“ und Chefredakteur von „Cicero“

Im besten Fall kreist dieses Gespräch um Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit, am meisten jedoch in unseren Tagen um Alltagsthemen: Kita, Schule, Rente, Brot- und Milchpreise, die Verspätungen der Deutschen Bahn, „Tatort“, Bayern München, Thomas Gottschalk oder das britische Königshaus. Aber es geht auch um angebliche oder reale ethische Verfehlungen der Entscheidungsträger, Stichwort „Christian Wulff“ oder Pädophilie in Sakristeien und Internaten. In diesen Fällen übernehmen die Medien die normativen Leerstellen der Kirchen. Und so wie einst in mancher Sonntagspredigt wird regelmäßig übertrieben.

Eine große Raupe Nimmersatt

Die deutsche Öffentlichkeit, genauer, ihre journalistischen Repräsentanten, kann sehr nachtragend sein, und das ist kein schöner Charakterzug. Vielleicht liegt es daran, dass wir in Deutschland seit je dazu neigen, politische Diskussionen als agonalen Zeitvertreib zu verstehen. Es geht um Sieg oder Niederlage. Wir sind eine Rechthaber-Nation, die sich mit den Talkshows eine Bühne leistet, auf der es stets um alles oder nichts geht. Es darf gebrüllt werden.

Die deutschen Medien gleichen bisweilen einem großen, gefräßigen Tier. Den armen Philipp Rösler hatte es kurz vor der Niedersachsen-Wahl fast schon vertilgt, und Christian Wulff ist bereits verdaut. Ihre fette Beute war bis vor kurzem der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück. In ein paar Monaten wird es Angela Merkel treffen, denn der mediale Hunger auf prominente Politiker ist unstillbar.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Italien und Deutschland Deutschland ist für uns der Bösewicht - zu Unrecht

Die Beziehung zwischen Italien und Deutschland ist zentral für Europa. Doch zur Zeit steckt der Dialog zwischen beiden Ländern in einer tiefen Krise. Der römische Philosoph und Deutschland-Kenner Angelo Bolaffi weiß warum. Mehr Von Sandra Kegel

12.12.2014, 14:48 Uhr | Feuilleton
Angela Merkel wird sechzig

Jeder vierte Bundesbürger wünscht sich die gebürtige Hamburgerin auch in zehn Jahren noch als Bundeskanzlerin. Angela Merkel entschied sich trotz erfolgreichen Physikstudiums für eine politische Karriere. Mehr

17.07.2014, 09:35 Uhr | Politik
TV-Kritik: Maybrit Illner Ihr hört uns sowieso nicht mehr zu

Was passiert in Dresden unter dem Stichwort Pegida? Ist es der Tiefpunkt unseres politischen Systems? Klar ist, es betrifft unser Verständnis von Politik. Das wurde in der Sendung von Maybrit Illner deutlich. Mehr Von Frank Lübberding

12.12.2014, 04:19 Uhr | Feuilleton
Ex-Bundespräsident Wulff Griffe in untersten Schubladen

In seinem Buch schildert Wulff, wie er die Dinge rund um seinen Rücktritt vor zwei Jahren sieht. Dabei spart er nicht mit Angriffen auf die Justiz und die Medien. Mehr

01.12.2014, 15:41 Uhr | Politik
Merkel auf dem CDU-Parteitag Nach dem Motto: Warten wir es doch einfach mal ab

Die Rede der CDU-Vorsitzenden hat die Akzente gesetzt, die Angela Merkel schon immer als Kanzlerin gesetzt hat. Vieles wird damit aber nicht angesprochen, was längst hätte angesprochen werden müssen. Das überlässt die CDU der Straße. Ein Kommentar. Mehr Von Jasper von Altenbockum

09.12.2014, 14:17 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.01.2013, 17:00 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr 7 4