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Debattenkultur Die Medien im Zeitalter der Erregbarkeit

 ·  Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden? Wie verlor die journalistische Debatte an Relevanz? Bemerkungen zum „Fall Brüderle“ und zum „Fall Steinbrück“.

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Brüderle, Anmache, Sexismus“ - wer in drei oder zehn Jahren diese Stichworte in irgendeine Suchmaschine des Internets eingibt, wird Zeuge eines seltsamen Anfalls von öffentlichem Irrsinn werden. Tausende Seiten über einen offenkundig beschwipsten Politiker mit eingeschränktem Anstandsgefühl und Zehntausende empörte Frauen, die sich über chauvinistischen Sexismus echauffieren. Alles überlebt im Netz für immer.

In derselben Zeit zog die Bundeswehr mit ein paar Flugzeugen in einen weiteren Krieg, drohte die Energiewende zu scheitern, löste sich die „beste Regierung“ seit der Wiedervereinigung (Angela Merkel) in ihre Koalitionsbestandteile auf, beugten sich Ökonomen, Soziologen und Politiker besorgt über die nationale Einkommensschere zwischen Armen und Reichen, kollabierten Universitäten und Schulen - aber nein, die „Causa Brüderle“ löste die nicht minder irrwitzige Beschneidungsdebatte ab und beschäftigte Heerscharen von Journalisten, Bloggern und Talkshow-Gästen mitsamt ihren Millionen Lesern und Zuschauern, die sich gerade von der Diskussion über Peer Steinbrücks Pinot-Grigio-Bemerkung erholt hatten.

Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden? Und wie kam es zu diesem erstaunlichen Relevanzverlust der journalistischen Debatte?

Die Sonntagsprediger von heute

Eines fällt sofort auf: Der neue mediale Raum, in dem gesprochen, geschrieben und gesendet, in dem gehört, gelesen und getwittert wird, hat zwei menschliche Fähigkeiten verloren: zu vergessen und zu verzeihen. Das ist bedauerlich, denn demokratische, politische Öffentlichkeit ist ein anderer Name für das permanente Selbstgespräch von Menschen in Gesellschaft unter freiheitlichen Bedingungen.

Im besten Fall kreist dieses Gespräch um Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit, am meisten jedoch in unseren Tagen um Alltagsthemen: Kita, Schule, Rente, Brot- und Milchpreise, die Verspätungen der Deutschen Bahn, „Tatort“, Bayern München, Thomas Gottschalk oder das britische Königshaus. Aber es geht auch um angebliche oder reale ethische Verfehlungen der Entscheidungsträger, Stichwort „Christian Wulff“ oder Pädophilie in Sakristeien und Internaten. In diesen Fällen übernehmen die Medien die normativen Leerstellen der Kirchen. Und so wie einst in mancher Sonntagspredigt wird regelmäßig übertrieben.

Eine große Raupe Nimmersatt

Die deutsche Öffentlichkeit, genauer, ihre journalistischen Repräsentanten, kann sehr nachtragend sein, und das ist kein schöner Charakterzug. Vielleicht liegt es daran, dass wir in Deutschland seit je dazu neigen, politische Diskussionen als agonalen Zeitvertreib zu verstehen. Es geht um Sieg oder Niederlage. Wir sind eine Rechthaber-Nation, die sich mit den Talkshows eine Bühne leistet, auf der es stets um alles oder nichts geht. Es darf gebrüllt werden.

Die deutschen Medien gleichen bisweilen einem großen, gefräßigen Tier. Den armen Philipp Rösler hatte es kurz vor der Niedersachsen-Wahl fast schon vertilgt, und Christian Wulff ist bereits verdaut. Ihre fette Beute war bis vor kurzem der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück. In ein paar Monaten wird es Angela Merkel treffen, denn der mediale Hunger auf prominente Politiker ist unstillbar.

Nomaden in der rhetorischen Halbwüste

Der politische Journalist will nicht regieren. Er empfindet sich als vierte Macht im Staate und bisweilen als Kontrollorgan moralischer Korrektheit. Manche Hauptstadtjournalisten schnuppern an der Macht, aber streben sie nicht an, sondern wollen sich allenfalls in ihrem Glanz ein wenig sonnen und - beraten. Ansonsten warten sie geduldig auf die nächste Beute: Dummköpfe und Charaktermasken, davon sind sie überzeugt, wachsen auch in der Politik immer wieder nach. Beklagen sich Politiker über Umgangston oder gar Manipulation, gilt das als „Medienschelte“ - ein Begriff, der als unziemliche Urteilsschelte bekannt war, jetzt aber die Empfindlichkeit der politischen Medien charakterisiert.

Die schnell dahingesagte politische Torheit - wie zum Beispiel der Vergleich von George W. Bush mit Adolf Hitler (Herta Däubler-Gmelin) - kann sich, wird sie einmal öffentlich, zum abrupten politischen Karriereende auswachsen. Unverzeihlich! Und jede lockere Plauderei über die Gehaltsfrage von Bundeskanzlern taugt als Appetitanreger der Medien. Da kennen sie keinen Spaß. Und so kam es, dass Peer Steinbrück aus der Gnade gerade derjenigen Journalisten gefallen ist, die in der Vergangenheit sein Interview-Parlando als eine Art Kuraufenthalt im Vergleich zu Angela Merkels rhetorischer Sahelzone nicht laut genug preisen konnten. Der Medienschwarm hat die Richtung gewechselt - wie tausend Wildenten auf der Suche nach Futter und neuen Landeplätzen.

Ein Hamlet ist Steinbrück nicht

Der „Fall Steinbrück“ kann wie der „Fall Brüderle“ als Lehrbeispiel für den Relevanzverlust politischer Journalistik dienen. Hinter der Kritik an Steinbrück verbirgt sich ein kunstkritisches Rollenspiel der Medien. Inzwischen wird Politik als Theateraufführung verstanden, deren Schauspieler weniger an Sachkompetenz, sondern am eleganten Bühnenauftritt gemessen werden. Smarte Protagonisten wie Guttenberg hatten das verstanden. Er hätte es viel weiter gebracht, hätte er nicht einen fremden Text vorgetragen. Peer Steinbrück hingegen wird nicht an dem gemessen, was er ist, was er geleistet hat und leisten könnte, sondern was er in improvisierten Nebenbemerkungen dahingeredet hat, statt dem üblichen Kandidatentext zu folgen. Und der ist eine Kunstform, solange er vom Bühnennebel der Vieldeutigkeit verschleiert wird. Steinbrück ist einfach zu konkret. Ein Hamlet ist er nicht.

Zum anderen aber erwächst der journalistische Maßstab der Steinbrück-Kritiker aus der kuriosen Annahme, die typischen Lebensumstände des SPD-Wählers genau zu kennen. Irgendwie scheint er einer tief verarmten Gesellschaftsschicht anzugehören, die es vor den Scherzen des Kandidaten zu schützen gilt. Steinbrück habe gegen den Comment der SPD verstoßen.

Fettnäpfchen-Frequenz in Feedback-Kreisläufen

Wenn es im Parteienstreit darauf ankommt, entwickelt eben mancher Journalist ein erstaunliches Gefühl von sozialer „Compassion“ für die Schwachen und Armen im Lande, um ein Wort Willy Brandts zu benutzen. Aber in Wirklichkeit ist das ehemalige treue Wählermilieu der SPD - die Arbeiterschaft im weitesten Sinne - inzwischen so zersplittert und zahlenmäßig so gering, dass ihre Wahlkampfmanager auf der verzweifelten Suche nach Mehrheiten in der „neuen Mitte“ der Dienstleistungsgesellschaft sind. Und die „neue Mitte“, so pflegte Gerhard Schröder das Dilemma zu bezeichnen, „fährt Porsche“. Noch ein sarkastischer Tabubruch.

Zur Dialektik der modernen Öffentlichkeit zählt inzwischen der wundersame Sachverhalt, dass die Vorstellung eines korrekten sozialdemokratischen Comments in der medialen Kritik überhaupt erst entsteht - und alsdann, ist diese Vorstellung einmal Wort oder Bild geworden, ihre Wirkung in demoskopischen Umfragen entfaltet. Die Meinungsumfragen wiederum verfestigen die Gewissheit der Steinbrück-Kritiker, mit ihrer Konzentration auf die sogenannte „Fettnäpfchen-Frequenz“ richtig zu liegen - sie betrachten wohlwollend das Resultat ihrer Kommentare in den wöchentlichen Beliebtheits-Umfragen. Damit sind wir aber auf der Oberfläche der Oberfläche des politischen Diskurses angelangt.

Peinliche Oden an die Heroen der Bankwirtschaft

Mehr noch, fehlt jenes Gefühl von Compassion dem Kandidaten Steinbrück? Dann wäre er vor Jahren schon FDP-Mitglied geworden. Sein Problem ist womöglich ein anderes: Seine nationalökonomische Kompetenz kommt einher mit der zweihundert Jahre alten Überzeugung dieser Wissenschaft, mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit die Steuerungsmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft und ihres absehbaren Schicksals exakt definieren zu können. Dieser historische Irrtum verbirgt sich nicht nur in Karl Marx’ „Kapital“, sondern in jeder beliebigen akademisch-statistisch gestützten Wachstumsprognose unserer Tage.

Doch dass Steinbrück bereit ist, finanzpolitische Irrtümer seiner eigenen Amtszeit im Kabinett Angela Merkels zuzugeben, wird ihm ausgerechnet von denen vorgehalten, die selbst mit jener felsenfesten Überzeugung ihre neoliberalen Wirtschaftskommentare zu schreiben pflegten, deren Relevanz von der Wirklichkeit bekanntlich überholt wurde. Haben die journalistischen Propheten der entfesselten Bankwirtschaft je eine öffentliche Bilanz ihrer peinlichen Oden an die Heroen in den Chefetagen von Frankfurts Geldinstituten gezogen?

Ironie verkauft sich nicht

Peer Steinbrücks Kandidatur fällt in eine Phase der Sozialdemokratie, in der die hundertfünfzig Jahre alte Partei nach einem neuen „Narrativ“ sucht, nach einer programmatischen Identität, die ihr zentrales historisches Anliegen, nämlich die Sicherung sozialer Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Gesellschaft, glaubhaft der Öffentlichkeit vermittelt. Das Urheberrecht auf diese Überzeugung liegt bei ihr, und sie hat im Lauf ihrer Geschichte bitter dafür bezahlt. Ihr modernes Problem ist, dass „soziale Gerechtigkeit“ von Wahlperiode zu Wahlperiode dem Wandel der Gesellschaft angepasst werden muss. Die Medien neigen allerdings dazu, legislative Korrekturen, „Nachbesserungen“, als Eingeständnisse persönlicher Kurzsichtigkeit, wenn nicht Inkompetenz auszustellen. Der Zwang zur unterhaltsamen Personalisierung von Politik lässt ihnen keine andere Wahl.

Steinbrücks erstes Problem ist es, der eigenen Partei klarzumachen, dass die Suche nach jenem „Narrativ“ nicht damit beginnen kann, die Erfolge der sogenannten Agenda-Politik der Schröder-Regierung als sozialdemokratischen Sündenfall zu desavouieren. Das zweite Problem ist sein eigenes: Wie mache ich das einer Öffentlichkeit klar, deren mediale Akteure die Komplexität des politischen Prozesses auf Psychogramme der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft reduzieren?

Als Erstes wird sich der Kandidat fortan aller Ironie enthalten müssen, denn Ironie „verkauft sich nicht“. Als Zweites wird er das Gefühl im Gespräch mit den Medien unterdrücken müssen, er müsse sich einer gezielten Verschwörung gegen seine Person erwehren. Und als Drittes muss er verstehen, dass der Hauptstadtjournalismus einer Kampfsportart gleicht, in der die Regeln von Tag zu Tag wechseln.

Und noch etwas: Alle Versuche der Politiker, die Medien mit persönlichen Leidensgeschichten, süßen Homestorys und altmodischen Freundschaftsangeboten zu umgarnen, sind immer gescheitert. Das Medien-Tier wird nimmer satt.

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