Home
http://www.faz.net/-gqz-74u6e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Debatte um New York Post Der Tod auf dem Titel

Mit dem Foto einer nahenden U-Bahn, die einen Mann überfahren wird, hat die New York Post für große Diskussionen gesorgt. Dem Fotografen wird unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen, die Zeitung als Schande für die Stadt beschimpft.

© New York Post Vergrößern Diese Titelseite sorgt in Amerika für Aufruhr. Wir haben Teile des Bildes unkenntlich gemacht.

Auf dem Bild sieht man einen Mann mit dunklen Haaren. Er steht auf den Gleisen, sein Blick ist von der Kamera abgewandt. Im Hintergrund sieht er, wie auf ihn eine U-Bahn zurast. Sie ist nur etwa 20 Meter entfernt und wird ihn überfahren, weil er sich nicht mehr auf den Bahnsteig retten kann. „Dieser Mann wird sterben“ titelt die New York Post mit großen Lettern. Darunter: „DOOMED“ – dem Untergang geweiht.

Dieses Titelbild der New York Post vom Dienstag hat für Aufruhr in der amerikanischen Metropole gesorgt. Ist es vertretbar, ein solches Bild auf die erste Seite einer Zeitung zu heben, es zu drucken? Sollte ein Fotograf eine solche Situationen fotografisch dokumentieren oder eher eingreifen und helfen? Darüber diskutieren Amerikaner im Fernsehen und im Internet.

„Niemand hat geholfen“

Fotograf Umar Abbasi verteidigte seine Position in der New York Post: Im Augenwinkel habe er den Mann auf die Schienen stürzen sehen, als die Ankunft der Bahn über die Lautsprecher angekündigt wurde. Dann sei er losgelaufen und habe wild fotografiert, in der Hoffnung, dass der Bahnfahrer die Kamerablitze erkennen und die Bahn stoppen würde. „Das Opfer war zu weit von mir entfernt, als ich losgerannt bin“, sagte Abbasi. „Niemand, der näher stand, versuchte ihm zu helfen.“ Später sei ihm aufgefallen, dass der Mann nicht geschrien oder um Hilfe gerufen hätte.

Das Drama ereignete sich im New Yorker Stadtteil Manhattan, nur unweit vom Times Square. Vor dem Unglück hatte sich das Opfer mit einem Obdachlosen auf dem Bahngleis gestritten. Ein Verdächtiger, der den Mann auf die Gleise gestoßen haben könnte, hat sich inzwischen gestellt – er wurde festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft.

Erinnerung an Pulitzer-Preis-Foto aus dem Sudan

In den Vereinigten Staaten nahmen zahlreiche Medien das Thema auf – viele Leser der New York Post zeigten sich empört über die Wahl des Titelbildes. Vor allem auf Twitter machten sie ihrem Ärger Luft. Es sei unglaublich, dass die New York Post das Foto gedruckt habe und dass das Bild überhaupt entstanden sei. Viele Leser zeigten sich schockiert und bezeichneten die Zeitung als „Schande für die Stadt“. Abbasi selbst habe die Kritik laut New York Post sehr verwundert. Die Kritiker wären nicht dabei gewesen, hätten nicht gesehen, wie schnell alles passierte.

Zur Verteidigung zitierte die New York Post neben den Aussagen von Umar Abbasi einen anonymen Kommentator, der an ein Bild erinnerte, das 1993 den Pulitzer-Preis gewonnen hatte. Kevin Carter hatte damals ein halb-verhungertes Mädchen im Sudan fotografiert und damit ebenfalls eine Debatte über die ethische Verantwortung von Fotografen angestoßen.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zug mit 150 Reisenden geräumt Mann von S-Bahn in Eschborn überfahren

Zwischen den Haltestellen Eschborn und Eschborn-Süd ist ein Mann von einem Zug überfahren und getötet worden. Er war nach ersten Ermittlungen über die Gleise gelaufen. Mehr

19.05.2015, 17:30 Uhr | Rhein-Main
Fotografin Anja Niedringhaus Die Kamera schafft etwas Distanz

Für ihre bewegenden Bilder aus dem Irak-Krieg gewann Anja Niedringhaus 2005 den Pulitzer-Preis. In einer Slideshow für FAZ.NET erinnerte sich die Fotografin 2009 noch an jeden Moment ihrer Einsätze in dem Golf-Staat. Mehr

09.01.2015, 17:09 Uhr | Politik
Fotografien von Anton Corbijn Abschied von der großen Liebe

Kein Fotograf hat der Rockmusik ein härteres Gesicht gegeben als Anton Corbijn. Zu seinem sechzigsten Geburtstag blicken zwei Museen in Den Haag auf sein fotografisches Werk. Mehr Von Freddy Langer

20.05.2015, 15:02 Uhr | Feuilleton
Überwachungsvideo Rollstuhlfahrer fällt auf Bahngleise

Ein Mann ist mit seinem Rollstuhl von einem Bahnsteig auf die Gleise der Washingtoner U-Bahn gestürzt. Mehr

22.04.2015, 09:27 Uhr | Gesellschaft
Künstler Richard Prince 90.000 Dollar für ein Instagram-Foto

Der Künstler Richard Prince stellt auf der Frieze Art Fair in New York großformatige Drucke von Instagrambildern aus und verkauft sie für viel Geld. Die Urheber hat er nicht gefragt. Darf der das? Mehr Von Andrea Diener

26.05.2015, 15:05 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.12.2012, 14:34 Uhr

Über alles

Von Niklas Maak

Irrsinn an der Magazinfront: Die „Auto Bild“ wirbt für ein Modell des Halbkettenfahrzeugs „Opel Blitz Maultier“ und Reisemagazine vermitteln fast den Eindruck, der Holocaust sei Berlins spannendste Seite. Mehr 3