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Dave Eggers Diese Zeitung kostet sechzehn Dollar

16.01.2010 ·  Der Amerikaner Dave Eggers schreibt nicht nur Bestseller. Er hat mit dem „San Francisco Panorama“ eine einmalige Zeitung herausgebracht. Sie ist sehr teuer - und findet reißenden Absatz.

Von Jordan Mejias
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, New York. Um ein paar Ecken windet sich die Menschenschlange an Buchregalen entlang, und kaum einer der Wartenden dürfte älter als dreißig sein. Es sind also Mitglieder jener Generation, die sich elektronisch mit Nachrichten, sorry, falscher Begriff, mit Information zu versorgen pflegt. Aber sie alle stehen hier in der New Yorker Buchhandlung "Strand" an, um eine Zeitung zu kaufen. Gut, der Herausgeber ist auch da, um das Blatt zu signieren, und wenn sie eines seiner Bücher gekauft oder mitgebracht haben, schreibt er ihnen gern auch seinen Namen hinein. Dave Eggers aber ist diesmal aus San Francisco nach New York vor allem gekommen, um für die klassische Informationsvermittlung auf Papier, die Tageszeitung, nicht nur Werbung zu machen, sondern eine Liebeserklärung abzugeben.

Es ist ein typischer, weil von allen Zeittrends unbeeindruckter, gleichwohl unvermeidbar hipper Eggers-Einfall. Als Allroundgenie des amerikanischen Literaturlebens schreibt der neununddreißigjährige Wahlkalifornier seit seinem Welterfolg mit "A Heartbreaking Work of Staggering Genius" nicht nur Bestseller, er leitet zudem sein eigenes Verlagshaus, in dem auch seine Literaturzeitschriften "McSweeney's und "The Believer" erscheinen, und hat die gemeinnützige Organisation 826 National gegründet, die in ihrem Hauptsitz in San Francisco und in Filialen in sieben Städten Kinder und Jugendliche fürs geschriebene Wort zu begeistern sucht, inzwischen mit erstaunlichem Erfolg. Für den vor kurzem angelaufenen Film "Where the Wild Things Are" hat er das Drehbuch geschrieben und das ihm zugrundeliegende Bilderbuch von Maurice Sendak zu einem Roman ausgebaut. Dass Eggers nun auch eine Zeitung herausgebracht hat, passt nur allzu gut in seinen unangepassten, grenzüberschreitenden Berufslebenswandel.

Die erste Ausgabe zu Liebhaberpreisen

Eine einzige Ausgabe ist bislang erschienen, schon Anfang Dezember in San Francisco, aber seitdem wächst um sie eine Aura geradezu legendären Zuschnitts. War das dicke Zeitungsbündel am Erscheinungstag noch für fünf Dollar auf den Straßen von San Francisco zu bekommen, muss der Leser, der sie im "Strand" erwirbt, bereits sechzehn Dollar hinblättern, und auch bei diesem Preis ist "San Francisco Panorama" noch jeden Cent wert. Offiziell als Ausgabe des vierteljährlich erscheinenden Literaturmagazins "Timothy McSweeney's Quarterly Concern" deklariert, erinnert dieses "Panorama" im Retrolook an die besten, üppigsten Zeiten des Printmediums, will indes zugleich die Zukunft anpeilen.

Der schnell entzückte Leser weiß gar nicht, wo auf den großformatigen Seiten und in welchem der reichbebilderten Bücher er sich zuerst verlieren soll. Vom Fundament der Lokalnachrichten aus kommt die ganze Welt in Sicht, beschrieben von Journalisten, unter denen Pulitzerpreisträger und berühmte Schriftstellernamen wie Nicholson Baker und William T. Vollmann auftauchen. Für den Sportteil ist kein Geringerer als Stephen King tätig geworden, und in der üppigen Comic-Beilage fehlt auch Art Spiegelman nicht. Die Book Review allein umfasst rund hundert Seiten, auf denen Interviews, Essays und frisch ausgedachte Erzählungen neben den erwarteten Kritiken ihren Platz finden. Ein nicht bloß visuell sehr verlockendes Magazin liegt bei, und separate Zeitungsbücher bekommen auch Kultur und Essen. Kurz, "San Francisco Panorama" wuchert dort mit Pfunden, wo heutzutage sonst oft Magersucht grassiert.

Und die Finanzen?

Am Abend vor seiner überlangen Signierstunde im "Strand" erklärte Eggers in der New School, warum er sich als Zeitungsverleger und -herausgeber betätigt hat. Er wollte einfach noch mal das verführerische Potential des Informationsträgers vorführen und ausreizen, allerdings nicht als Nostalgieübung, sondern als Anregung, wie im Internetzeitalter die Zeitung neu florieren könnte. Auch ohne Aussicht, in der zunehmenden Rasanz des Nachrichtentransfers mitzuhalten, so Eggers, biete sich ihr dennoch ein weites Wirkungsfeld in Form von ausführlichen Hintergrundberichten und Reportagen, wie sie in Magazinen zu finden sind, und von opulenten Layouts, wie sie auf keinen Bildschirm passen.

So wären auch die Finanzen ins Lot zu bringen. Eggers sagt derart reformierten Zeitungen zwar nicht voraus, als gigantische Profitmaschinen zu enden, aber einem Verlag, der sich Medienimperiumsgelüsten versagt und nebenbei auch keine Baseballmannschaft aufkauft, müssten sich in seinem Szenario die schönsten Chancen, wirtschaftliche inbegriffen, bieten. Es sei einfach eine Größenfrage. Kleinen Unternehmen wie dem seinen, Firmen, die realistisch ihre Leserschaft einschätzten und ihre Kreativität nicht vernachlässigten, werde es an Kunden kaum mangeln, auch wenn sie wahrscheinlich nicht nach Millionen, sondern nach Zehn- und Hunderttausenden zählen. Der "Los Angeles Times" hatte Eggers zuvor verraten, all seine Volontäre kauften sich den "New Yorker" und "Mother Jones", aber für eine Zeitung wollten sie nichts bezahlen. Darum wollte er wissen, was passiert, wenn eine Zeitung auch mit analytischen, literarisch anspruchsvollen Magazinbeiträgen nicht geizte.

Der Erfolg seines "San Francisco Panorama" hat ihn in seinen Ansichten und Vermutungen bestärkt. Jetzt müsste der Coup lediglich Tag auf Tag gelingen. Die Leute, wünschte Eggers sich, sollten die Zeitung in die Hand nehmen und sagen: "Ich hatte völlig vergessen, was gedruckte Nachrichten alles können." Jetzt wissen sie es wieder. Jetzt warten sie vielleicht darauf, dass herkömmliche Zeitungen sich an Eggers' besonderem Blatt ein Beispiel nehmen.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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