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TV-Satire „Sketch History“ : Je später der Abend, desto älter die Witze

  • -Aktualisiert am

Meister, ich hätte da mal eine Frage: Alexander Schubert kommt als Zuhörer der Bergpredigt nicht ganz mit. Bild: ZDF und Kristof Galgoczi Nemeth

Was wollten wir schon immer über Geschichte wissen und haben es nie verstanden? Wie war das mit der Bergpredigt und der Meuterei auf der Bounty? Die ZDF-Satire „Sketch History“ macht sich darauf einen Reim.

          Perillos von Athen hatte vor 2564 Jahren eine Idee. Der Messinggießer fertigte einen hohlen Bronzeochsen, in dem sich ein Gefangener über offenem Feuer rösten ließ. Tyrannen, dachte Perillos, haben doch stets Verwendung für Foltergeräte. Phalaris, ein Tyrann aus Sizilien, war beim Verkaufsgespräch Feuer und Flamme. Weil ihn nach einer Vorführung verlangte, wurde Perillos kurzerhand selbst in den Ochsen gesteckt.

          Man muss nicht lange suchen, um gleichermaßen Grausames wie Abseitiges in der Historie zu finden. Die Weltgeschichte ist ein Reservoir des Irrsinns. Das lädt geradezu ein, die Quellen gegen den Strich zu bürsten. Leider interessieren Quellen die neuen Historienkasper des ZDF nicht die Bohne. Alexander Schubert, Matthias Matschke, Antoine Monot Jr., Max Gierhaus, Isabell Polak, Judith Richter, Holger Stockhaus und Carsten Strauch interessieren sich stattdessen nur für sich selbst und jagen Klio, die Muse der Geschichtsschreibung, von einem Kalauer zum nächsten.

          Das wirkt wie Improvisationstheater, in dem immer einer alle anderen ausstechen will. Auch Bastian Pastewka macht als Sprecher im Off nicht die beste Figur: „1962, das Jahr des Grauens: Kuba-Krise, Marilyn Monroe stirbt, und Campino wird geboren“, lautet eine seiner behäbigen Pointen.

          „Sketch History“ (Regie Tobi Baumann und Erik Haffner) heißt das neue Witzformat des Senders. Hier wird nicht das Kuriose ins Absurde gedreht, wie es Monty Python vorgemacht hat, sondern mit dem Holzhammer verulkt, was zum Kanon der Menschheitsgeschichte gehört. Der Aufwand ist beachtlich, ein wahres Kostüm- und Bildbearbeitungsfest. Los geht es mit der Meuterei auf der Bounty, die von verweichlichten Luxusknaben angezettelt wurde, weil die Daunenkissen klumpten und zu wenig Pediküresets an Bord waren. Das ist noch das beste Gegennarrativ der Premiere, weil es auf der tropischen „Brotfrucht“ herumreitet, deren Transport zu den Antillen tatsächlich die Mission der Bounty war. Wenn Schubert als Schiffskoch im Zeitzeugeninterview fuchtelnd erklärt, wie er sämtliche Speisen und Getränke „ausse die Brotefruchte“ herstellte, blitzt für einen Moment ein Funke Monthy-Python-Charme auf, weil die Szene an den berühmten „Spam“-Sketch der britischen Komiker erinnert.

          Wild im Westen: Holger Stockhaus, Matthias Matschke, Max Giermann, Alexander Schubert, Carsten Strauch (von links).

          Kurz darauf marschiert Schubert als Römerlusche Brutus zu Caesar, um eine siegreiche Schlacht zu melden, doch Caesar - das ist schon der ganze Witz - erweist sich als quer durch die Geschichte gekickter Klaus Kinski. Der dreht gleich zur großen Kinski-Show auf, und zwar besser als das Original (so etwas kann Max Giermann, der schon der bessere Stefan Raab war): „Was interessiert mich denn dein blödes Gallien?“, „Ihr kommt hier angeschissen mit euren römischen Scheißvisagen“, et cetera et cetera, bis Brutus mit dem Dolch liebäugelt.

          Freuen darf man sich in den kommenden Folgen auf kleine Scherze mit Kolumbus, Hannibal, Kleopatra und Kennedy, auf naive Zwischenfragen bei der Bergpredigt, einen Slapstick-Thesenanschlag in Wittenberg und allfällige Hitler-Parodien. Gelegentliches Grinsen ist nicht ausgeschlossen, doch dafür wird reichlich Juckpulver verschossen. Die Geschichte sei das Bett, das der Strom des Lebens sich selbst grabe, hat Friedrich Hebbel gesagt. „Sketch History“ weckt Schlafende nicht auf, dafür ist die Stromstärke zu gering.

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