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Siegfried-Lenz-Film im ZDF : Wenn Zeit keine Rolle mehr spielt

  • -Aktualisiert am

Gegen alle Konvention: Der Oberprimaner Christian (Jonas Nay) liebt seine Lehrerin Stella (Julia Koschitz). Bild: ZDF und Hannes Hubach

Endloser Sommer: Das ZDF zeigt mit „Schweigeminute“ eine exzellente Siegfried-Lenz-Verfilmung. Sie handelt von der verbotenen Liebe zwischen einem Schüler und seiner Lehrerin.

          Beim Hafenfest am Ende der Sommerferien ist es um Christian (Jonas Nay) längst geschehen. Etwas hat ihn, den für sein jugendliches Alter viel zu Ernsten, verändert. Schon beim traditionellen Tauziehen der Männer hat der angehende Abiturient ungewöhnliche Kräfte gezeigt. Zuvor hatte ein einziger Blick genügt, um dieser schönen Undine zu verfallen. Undine, Melusine, Nixe, Meerjungfrau – und neue Englischlehrerin der Oberprima des Lessing-Gymnasiums. Also als Frau für Christian im gesellschaftlichen Sinn tabu.

          In der weithin bekannten späten Novelle „Schweigeminute“ von Siegfried Lenz steht Stella Petersen (Julia Koschitz), die Englischlehrerin der Oberprima, vor allem für ein von der schwarzen Romantik geschätztes Bild des Weiblichen. Undine zieht den wehrlosen Jüngling unter Wasser, ins Verderben. Melusine ist alterslos verführerisch. Zeit und das Vergehen der Zeit spielen eine Rolle nur für die prosaischen Geister, die der Vergänglichkeit mit Stoppuhr und Sekundenzeiger mechanisch nachmessen. Die Zeitspanne der Liebenden bemisst sich so nicht.

          Romantik und Erotik

          Der Skandal, der in der Liebesbeziehung eines achtzehnjährigen Schülers mit einer reiferen Frau liegt, ist dem Verzauberten unverständlich. Romantische Liebe und erotische Anziehung sind nicht ganz von dieser Welt, auch wenn sie Erfüllung im Hier und Jetzt suchen. Lenz spielt in „Schweigeminute“ virtuos mit dem Motiv des weiblichen Überwirklichen. Stella ist bei ihm vielleicht nur eine Liebesprojektion, vielleicht eine Personifizierung der Sehnsucht, sicher aber wirkmächtiger und lebensverändernder als alle anderen Erscheinungen, die die Veränderungen des Heranwachsenden begleiten.

          Noten vergibt sie auch, im Fach Englisch: Stella (Julia Koschitz).

          Kann aus einer solchen Vorlage noch etwas anderes als Fernseh-Edelkitsch für jenes Publikum werden, das Bücher noch auf Papier liest, vor einem mit den üblichen Verdächtigen der deutschen Nachkriegsliteratur gut bestückten Regal? Im Gegensatz zu vorausgegangenen Siegfried-Lenz-Verfilmungen, wie beispielsweise „Die Flut ist pünktlich“ (2014), die elegische Schöner-Wohnen-Gediegenheit zelebrierte, wirkt die ZDF-Literaturverfilmung von „Schweigeminute“ (Buchbearbeitung André Georgi, Claudia Kratochvil und Thorsten M. Schmidt, Letzterer auch Regie) lichtdurchflutet und sommerleicht. Das Szenenbild (Jerome Latour) und die Inszenierung verorten die „Schweigeminute“ Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Julia Koschitz, als Stella wunderbar besetzt, hat in London studiert und gelebt und bringt mit knappen Röcken, kurzen Shorts und einer frechen Kurzhaarfrisur einen Hauch „Swinging Sixties“ in das Hafenstädtchen, in dem die Männer, einige sichtbar kriegsversehrt, hauptsächlich mit Steinfischen ihr Geld verdienen.

          Stella ist alleinstehend, mutwillig, lebenslustig und unkonventionell. Sie lebt zwar selbstbestimmt, ist aber zurückgekehrt, um ihrem erblindenden Vater Johann (Hermann Beyer) beizustehen. Ihr sexuelles Abenteuer mit Christian in einer Fischerhütte ist nicht mehr als ein Moment der Selbstvergessenheit. Der junge Mann aber macht Pläne für die Zukunft. Jonas Nay spielt ihn als unbeirrt Entschlossenen, fast unangreifbar. Es wird getuschelt. Christians Eltern (Uwe Preuss und Nina Petri) warnen, verständnisvoll. Direktor Block (Alexander Held) nimmt den Jungen beiseite. Lehrer Kugler (Johannes Allmayer), eifersüchtig, spricht mit dem Vater. Auf dem Meer geschieht ein Unglück – das den Undine-Mythos auf den Kopf stellt.

          Hannes Hubachs spielerisch-präziser Kamerablick überzeugt durchweg. Gedreht wurde auf der dänischen Insel Bornholm, das Meer spielt wie bei Lenz eine Hauptrolle. Statt Edelkitsch gibt es bildhafte meteorologische Stimmungen, die diese Liebesgeschichte miterzählen, ohne überbedeutungsvoll wirken zu wollen. Von den Lenz-Verfilmungen der vergangenen Jahre ist diese, nicht zuletzt wegen des überzeugend geglückten Zusammenspiels zwischen Julia Koschitz und Jonas Nay, zweifellos die gelungenste.

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