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Das ZDF verfilmt Bayreuth : Wenn Wagner-Zwerge in Wahnfried wüten

  • -Aktualisiert am

Applaus, Applaus: Diese Familie beklatscht sich selbst, allen voran Cosima Wagner (Iris Berben, Mitte). Bild: Hannes Hubach

Seit hundertfünfzig Jahren streiten sich die Wagners um ihr Erbe: Eine deutsche Musikerfamilie im Dauerclinch. Fürs ZDF-Fernsehspiel schrecken sie jetzt vor gar nichts mehr zurück. Nicht mal vor Mord.

          Dies ist kein Film über Wagner. Deshalb beginnt er mit Liszt. Und ein bisschen wie „Amadeus“. Markerschütternd schreit eine Stimme aus dem Off, die wir alsbald Iris Berben alias Cosima zuordnen können. Sie schreit, sie brüllt, immer wieder, wie einst Salieri bei Milos Forman. Und: „Wagner è morto!“, tönt gleich darauf das Echo der Zeitungsjungen in den Gassen von Venedig.

          Cosima Wagner, geborene Liszt, hat ihren Mann umgebracht, den Komponisten Richard Wagner, ihn, den „Meister“, und sie gebraucht zu der „mordlichen Tat“ (wie es im „Siegfried“ ihres nun unsterblich verblichenen Gatten heißt) kein selbstgeschmiedetes Drachenschwert und keinen Wotans-Speer - in diesen Kreisen mordet man mit Musik.

          Franz Liszts „Totentanz“ eröffnet mit „Dies irae“-Klängen die großangelegte Familiensaga „Der Wagner-Clan“. Der Musikkenner ahnt: Jetzt wird es schlimm, um nicht zu sagen: götterdämmerlich. Einen „Eventfilm“ nennt das ZDF diese Produktion von Oliver Berben und Gero von Boehm, befremdlich genug bei der musikhistorischen Materie; aber genau das hat die Regisseurin Christiane Balthasar inszeniert: eine spektakuläre, oft spektakelhafte Revue von Intrigen, verletzten Eitelkeiten, Eifersüchteleien und zerstörten Lebensträumen, gespiegelt an einer Familie, die man heute schonungslos als „dysfunktional“ bezeichnen würde.

          Der Meister, der Tode geweiht: Richard Wagner (Justus von Donanyi) und seine Ehefrau Cosima (Iris Berben)
          Der Meister, der Tode geweiht: Richard Wagner (Justus von Donanyi) und seine Ehefrau Cosima (Iris Berben) : Bild: Hannes Hubach

          Deren einziger innerer Zusammenhalt ist die ins Maßlose übersteigerte Verherrlichung ihres großen Ahnherrn. Und da sich von dessen künstlerischem Erbe recht üppig leben lässt, so jedenfalls die Botschaft des Films, hat man umso mehr Zeit, mit allen theatralischen Mitteln um Macht und Einfluss im Wagner-Universum zu wetteifern: als befände man sich fortwährend in einem Drama des Riesen.

          Oder auch nur in einer Seifenoper. Im Zentrum dieses Walkürenritts der Wagner-Zwerge steht Frau Cosima - herrische Meister-Witwe und fanatische Hort-Hüterin in Personalunion. Die historische Cosima war eine schillernde, ebenso kunstsinnige wie machtbewusste Figur, in ihrem politischen Fanatismus aber auch von verheerender Wirkung auf die weitere Wagner-Rezeption. Iris Berben scheitert an der Komplexität dieser Persönlichkeit. Sie gibt die dauerverstimmte Clan-Chefin, steif, in prachtvollen, ständig wechselnden Roben und Masken. Aber maliziös herabgezogene Mundwinkel formen noch keinen Charakter. Traurig, wie wenig Profil die Rolle etwa in den Gerichtsszenen gewinnt, in denen Cosima vor ihrer ältesten Tochter Isolde die Vaterschaft Wagners verleugnet. Dies ist leider auch kein Film über Cosima Wagner.

          Heimliche Liebschaft: Siegfrid Wagner (Lars Eidinger) und Dorian Davies (Vladmier Burlakov)
          Heimliche Liebschaft: Siegfrid Wagner (Lars Eidinger) und Dorian Davies (Vladmier Burlakov) : Bild: Hannes Hubach

          Die Ungeheuerlichkeit mit Isolde hat tatsächlich so stattgefunden. Fiktion ist dagegen der „Mord“ am vergötterten Richard. Aber weil’s ein weiteres „Event“ ist und die Regisseurin obendrein vom Krimi kommt, gesteht ihr das effektsichere Drehbuch von Kai Hafemeister diese und etliche weitere Freiheiten zu. Dass Richard Wagner, etwas täppisch gespielt von Justus von Dohnányi, buchstäblich an einer Überdosis Liszt-Musik krepiert (der er doch in Wahrheit unschätzbar viel verdankte), gehört zu dem seltsamen Umgang des Filmes mit Originalkompositionen. Wagners Musik erklingt hier nämlich nur als Soundtrack zu Sex and Crime.

          Der Ritt der Walküren rhythmisiert ein historisch zweifelhaftes Techtelmechtel zwischen Cosima und ihrem ideologischen Einflüsterer Houston Stewart Chamberlain, den Heino Ferch allerdings zum operettenhaften Strippenzieher verkleinert. Dabei war der Rassentheoretiker Chamberlain einer der wichtigsten Stichwortgeber Adolf Hitlers. „Onkel Wolf“ tritt am Ende auch selbst schemenhaft in Erscheinung - und wird sogleich mit dem Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ begrüßt. Man darf das ironisch finden. Oder geschmacklos. Das Bacchanal aus „Tannhäuser“ untermalt sogar eine regelrechte Orgie, bei der es, im Synchronschnitt, erst Isolde (Petra Schmidt-Schaller) mit dem bald geschassten Hoffnungsträger Franz Beidler (Felix Klare), dann Eva Wagner (Eva Löbau) mit dem ungeliebten Chamberlain, Richard Wagner mit einer seiner Musen und Meister-Sohn Siegfried mit seiner großen Liebe Dorian (Vladimir Burlakov) treibt.

          Der Wagner-Clan tanzt
          Der Wagner-Clan tanzt : Bild: Hannes Hubach

          Dem Schicksal des homosexuell veranlagten Siegfried Wagner, der vom Clan durch die arrangierte Heirat mit Winifred Williams (resolut: Katharina Haudum) kindersegensreich „umgepolt“ wird, widmet das Drehbuch überraschend viel Raum. Dank der Charakterisierungskunst von Lars Eidinger sind dies die glaubwürdigsten Szenen des Films.

          Eidinger zeichnet den vielfältig begabten, aber von den familiären Erwartungen überforderten Komponistenspross als melancholischen Dandy, ketterauchend, in sich gekehrt, weltfremd und fremdbestimmt zugleich. „Die beste Familie ist die, die weit weg ist“ lautet sein Credo. Aber natürlich wird nichts aus der geplanten Flucht auf die Fidschi-Inseln. Stattdessen drückt Filmbösewicht Chamberlain dem heimlichen Geliebten Siegfrieds, als er die beiden inflagranti erwischt, eine Pistole in die Hand. Der Rest ist Operette.

          „Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte“ läuft am Sonntag, 23. Februar, um 20.15 Uhr im ZDF.
           

          Quelle: F.A.Z.

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