Die Euphorie der Gastgeber der Fußballeuropameisterschaft ist inzwischen der Ernüchterung gewichen. Die polnische Mannschaft blieb hinter den Erwartungen zurück, den Ukrainern wurde im Spiel gegen England von den Schiedsrichtern ein Tor gestohlen. Alle haben gesehen, dass der Ball hinter der Linie war, nur der Mann nicht, auf den es ankam. Der Trainer Oleg Blochin wollte sich in seiner Wut gar nicht mehr einkriegen.
Wer das Spiel gesehen hat, kann ihn verstehen. Doch wie hat es angefangen, was war vor der Euro? Bevor die deutschen Nationalkicker heute gegen das griechische Abwehrbollwerk anrennen, schaut der Spartensender ZDFinfo zurück und auf die Gastgeberländer - bevor sich die Blicke von Abermillionen Fußballfans gen Osten richten.
„Immer gen Osten“ geht der vielfach ausgezeichnete Journalist Wolfgang Büscher, Redakteur der „Zeit“. Siebenhundert Kilometer sind es, um genau zu sein, die er per pedes zurücklegt, von Breslau nach Lemberg. Mit dem Auto wäre er nach einigen Stunden am Ziel - „doch erlebt hätte ich nichts“. Einen „Pakt mit dem Land will er schließen“ und den besiegelt er mit Unvoreingenommenheit, Neugierde und Ausdauer. Was er dafür bekommt?
Bilder und Geschichten, die auf der Straße liegen und die man nur einsammeln muss. Allerdings muss man dafür auf Land und Leute zugehen, auf Augenhöhe. Aber das versteht sich für den Weltenwanderer Büscher von selbst. Auf dieselbe Weise hat er schon die Vereinigten Staaten durchquert, von Norden nach Süden, zu Fuß.
Rast im schlesischen Wirtshaus
„Ein Fenster geht auf“, sagt Büscher. Geplant hat er so gut wie nichts, „ verlässliche Schuhe“ hat er dabei. Er trifft eine alte Frau, die erzählt, dass sie ihr Leben lang einsam war, einen Feuerwehrmann, der seinen Freund in Lemberg nicht mehr besuchen kann, ihm nun aber einen Videogruß schickt, einen Jäger auf Spurensuche. Schlesische Wirtshäuser gibt es fast überall, in einem wird gerade eine Roma-Hochzeit gefeiert.
Zwei Arbeiter hocken in einer Bretterbude am Rande einer Abraumhalde, der eine hat nicht mehr viel vor, der andere große Pläne. Ein Hotel und Restaurant will er eröffnen. Wovon und wie? Im ehemaligen Kohlerevier stehen die Häuser so schief, dass Büscher drinnen der Schwindel überfällt. Kurz vor Kattowitz ist seine Wanderung eine „durch die stillgelegte Verlorenheit“.
Doch Polen ist noch lange nicht verloren, im Gegenteil, es ist im Westen angekommen. Überall wird gebaut, der Wohlstand kommt an. Die Polen, meint Büscher, seien am Ziel ihrer Geschichte. Und die Ukrainer? Den Austritt aus der EU habe er sich „komplizierter vorgestellt“, sagt Büscher am Grenzübergang.
Auf seinem Weg nach Lemberg sieht er dann einen Osten, der wirklich noch Osten ist, sogar die Gesichter der Menschen seien anders. Doch könne man auch sehen, „wie dieses Europa heilt“. Es gebe doch Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen, Polen und Ukrainern, sagt der Feuerwehrkommandant in Lemberg, dem Büscher den Videogruß des Freundes vorspielt: „Menschen helfen einander, und das ist das Wichtigste.“ Die Ukrainer, sagt Büscher, dächten noch nach über Europa. „Irgendwann werden sie damit fertig sein.“
Das Prinzip Oligarchie
Die antiken Staatstheoretiker verstanden unter Oligarchie die gesetzlose Herrschaft reicher Leute mit dem Zweck, ausschließlich den eigenen Interessen zu dienen. In der ukrainischen Gegenwart sind Oligarchen wie Alexander Jaroslawski aus Charkiw oder Rinat Achmetow aus Donezk milliardenschwere Geschäftsleute, deren ursprüngliche Kapital-Akkumulation mit der Ende der Sowjetunion einsetzt. Aus welchen Quellen sich ihr rascher Reichtum speiste und mit welchen Methoden er errungen wurde, darüber will in dem noch jungen Staat so recht niemand reden, die Oligarchen selbst naturgemäß am allerwenigsten.
Dass es dem Reporter Dietmar Schumann gelang, immerhin drei der einflussreichsten Paten des Landes vor die Kamera zu locken, kommt deshalb fast einem Mirakel gleich und sichert seiner Dokumentation über die „Liga der Milliardäre“ besondere Aufmerksamkeit. Es ist der Fußball, der die Türen zu den wirklich mächtigen Männern der Ukraine zumindest einen Spalt breit öffnete. Die Oligarchen haben die Europameisterschaft zu ihrer Sache gemacht. Sie haben dem Volk einige prächtige Fußballtempel beschert, die auch nach dem Turnier ihren Zweck erfüllen werden, ist doch die nationale Profiliga fest in ihren Händen.
Achmetows Klub Schachtjor Donezk hat 2009 den Uefa-Cup geholt und ist damit jedenfalls sportlich in Europa angekommen. Auf absehbare Zeit wird dies wohl das einzige konkrete Ergebnis beim ukrainischen Nachdenken über eine Zukunft in der EU bleiben müssen.
Neben Wolfgang Büschers fußläufiger Hommage an die Gastgeber der EM und Schumanns kurzem Blick in die Machtzentren der Ukraine lässt sich die Zeit bis zum Beginn unseres Viertelfinales gegen die Griechen mit kundig aufbereiteter Folklore überbrücken. Lukas Podolski und Miroslav Klose dürfen ob ihrer polnischen Herkunft dabei nicht fehlen. Für das ZDF sind Armin Coerper vom polnischen Posen und Anne Gellinek vom ukrainischen Charkiw aus aufeinander zugereist: Ihr „Rendezvous im wilden Osten“ ist höchst informativ und viel seriöser, als es der Titel ihres Films vermuten lässt.
Kurz vor dem Anpfiff empfängt uns dann noch Guido Knopp, der Chefhistoriker vom Lerchenberg. Er und die Seinen haben die Zuschauer über die berühmtesten deutschen Fußballer abstimmen lassen. Dass dieses Ergebnis nicht sonderlich überrascht - Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Fritz Walter bilden das Heldentrio -, kommt gerade zupass. Denn eine Überraschung wollen wir auch von 20.45 Uhr an keineswegs.
Zur Wanderung
Thomas Brockhoff (thomasbrockhoff)
- 23.06.2012, 19:46 Uhr