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„Das Wunder von Berlin“ Die Parolen der Landesverteidigung

27.01.2008 ·  Das ZDF zeigt einen „Mauerfilm“, wie er noch nicht da war. „Das Wunder von Berlin“ schildert die Wende aus Sicht eines Grenzers, der als Junge ein Punk war - die DDR als Adoleszenzdrama und Familiengeschichte.

Von Heike Hupertz
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Mit der Nervosität der Altmännerriege des Politbüros bricht kurz vor dem Ende der DDR der Aberwitz offen aus. Selbst die Radio-Eriwan-Witze werden nun als staatsgefährdende Provokation behandelt. Am 19. November 1988 untersagt die Regierung die Postzustellung der auf deutsch erscheinenden sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“, nachdem sich neben den Scherzen, die besonders gern „Versorgungsengpässe“ aufs Korn nehmen, darin immer häufiger durch die Gorbatschowsche Glasnost- und Perestrojka-Politik geprägte Artikel finden. Damit ist der „Sputnik“ zum Unmut vieler DDR-Bürger faktisch verboten. Kein Jahr mehr wird es bis zur Maueröffnung dauern.

In Roland Suso Richters neuem großem Fernsehfilm „Das Wunder von Berlin“ bemüht sich eine Kundin vergeblich darum, von der Buchhändlerin Hanna Kaiser (Veronica Ferres) ein Exemplar des aktuellen „Sputnik“ und einen Band mit Schriften Gorbatschows zu bekommen. Gefährlich laut schimpfend verlässt sie den Laden. Für den Professor (Hermann Beyer) allerdings, der ihren Sohn Marco (Kostja Ullmann) für das - vorerst unerreichbare - Studium der Germanistik begeistert, zieht Hanna heimlich ein Exemplar der „Bückware“ unter der Ladentheke hervor. An Flucht indes denkt Hanna nicht. Mit ihrem Mann Jürgen, der bei der Staatssicherheit im Bereich Rückwärtige Dienste arbeitet und Luxusgüter beschafft, führt sie ein privilegiertes Leben im Häuschen mit eigenem Garten.

Schiefer Haussegen

Daheim liest ihr Schwiegervater, der Stalingrad-Überlebende und Spätheimkehrer Walter (Michael Gwisdek) zum Missvergnügen seines Stasi-Sohns offen den „Spiegel“. Im Fernsehen laufen Westsender. Hanna hat sich eingerichtet in der DDR. Das heißt nicht, dass sie sich mit allem abgefunden hat. Als sie sich für die Aktivitäten des Neuen Forums zu interessieren beginnt und die Oppositionelle Juliane (Anna Loos) trifft, hängt der Haussegen noch schiefer als bisher. Denn Sohn Marco, der in seiner frühen Jugend als Leistungsschwimmer zu den schönsten sozialistischen Hoffnungen berechtigte, ist Punk. Und Punk ist in der DDR nicht eine Null-Bock-Lebenshaltung, sondern wie der „Sputnik“ als zersetzender Widerstand eingestuft und verboten.

Als Marco Kaiser bei einer Razzia gegen seine Band verhaftet wird, handelt sein linientreuer Vater ein Geschäft aus. Wenn der Sohn sich für drei Jahre als NVA-Soldat für den Grenzdienst verpflichtet, wandert er nicht nach Bautzen, und darf studieren. Dass die DDR zu jenem Zeitpunkt schon Geschichte sein wird, kann oder mag keiner der Beteiligten ahnen. Und niemand kann wissen, dass Marco am 9. November 1989 nach der Mobilmachung der Truppen mit der Waffe in der Hand in der Nähe des Brandenburger Tores stehen wird, bereit, den Befehlen seiner Vorgesetzten zu folgen.

Drama und Zeithistorie

Seit einigen Jahren schon hat der Komplex Mauerbau und Mauerfall Konjunktur im deutschen Fernsehspiel. Gerade erst wurde der Mauerfall volljährig, aber kein anderer Stoff bietet, so scheint es, eine angemessenere Gelegenheit, Drama und Zeithistorie, beziehungsweise Einzelschicksal und Weltpolitik anschaulicher zu verbinden. Der Stoff ist eine reine Produzentenfreude, und vom Interesse der Zuschauer darf man getrost ausgehen. Es gilt lediglich, eine Perspektive zwischen nah und fern einzunehmen.

Vieles steht und fällt hier mit dem Drehbuch. Es gibt die mehr authentisch-erinnernde Innen- und die mehr analytisch-bemühte Außensicht. Ost- oder Westdominanz? Politik oder Alltag? Action oder feinsinnige Komposition? Zahlreiche Filme konzentrierten sich bisher auf die Menschen, die flüchteten (wie „Prager Botschaft“), eher gestreift wurden jene, die blieben („Nikolaikirche“). Roland Suso Richter selbst hat mit der Fluchtgeschichte „Der Tunnel“ 2001 einen filmischen Meilenstein beigetragen.

Die Gesichter von Ferch und Ferres

Spätere Generationen werden das Genre „Mauerfilm“ vor allem mit den Gesichtern Heino Ferchs („Die Mauer - Berlin '61“) und Veronica Ferres („Die Frau vom Checkpoint Charlie“) verbinden. Heino Ferch wird in der kollektiven Erinnerung derjenige sein, der die Mauer mit eigenen Händen untergraben, überwunden oder auch mal stabilisiert hat, und Veronica Ferres wird als diejenige gelten, die immer und überall ihre oder fremder Leute Kinder wie eine Löwin vor Zwangsadoption oder der Mauer im Kopf bewahrt hat. Natürlich ist das ungerecht. Dass beide auch anderes darstellen (können), versteht sich von selbst. Aber zum einen sind die besseren unter diesen Spielfilmen keine Starvehikel, sondern große Ensemblefilme. Zum anderen wird man wahrscheinlich schon bald vergessen haben, dass gerade die unglaublichsten der behandelten Lebensgeschichten auf tatsächlichen Erlebnissen basieren.

Beispielsweise auf den Erlebnissen Tilo Kochs, der zwanzig war, als er am Tag, als die Mauer fiel, am Checkpoint Charlie auf Demonstranten zielen sollte. Seine Jugenderinnerungen zeichnet „Das Wunder von Berlin“ nach. Mit Thomas Kirchner fand sich zudem ein Autor, der die DDR noch als Jugendlicher erlebte. Kirchner war siebenundzwanzig und arbeitete am Maxim-Gorki-Theater, als die Mauer fiel. „Das, was mir in bisherigen DDR-Filmen fehlt, ist das glaubwürdig Verführte“, sagte Kirchner dieser Zeitung beim Besuch der Dreharbeiten. Und Koch berichtete davon, wie die Armee seinen „Korpsgeist“ weckte.

Geschmack an den Parolen

Kostja Ullmann, der im Film die Wandlung des rebellischen Jugendlichen zum, subjektiv empfunden, verantwortlichen Beschützer der Frauen und Kinder des DDR-Staates glaubwürdig spielt, steht mit seiner Rolle als Marco Kaiser gleichsam in Gegenrichtung zur Gesamtheit der Bewegungen, die man „Zeitläufte“ nennt. Während um ihn herum mit dem Vertrauen ihrer Bürger der Arbeiter- und Bauernstaat den Bach runtergeht, bekommt er trotz des Einflusses seiner kritischen Freundin Anja (Karoline Herfurth) durch den Major Wolf (André Hennicke) Geschmack an den Parolen der Landesverteidigung.

„Das Wunder von Berlin“, das schon im Titel den Mauerfall mit einem anderen mentalitätsprägenden „Wunder“ - dem von Bern - auf eine historische Stufe stellt, ist schnell gefilmt und bleibt trotzdem prägnant nah an den Personen und ihrem Alltag (Kamera: Holly Fink). Der Film zeigt die DDR als Adoleszenzdrama und Familiengeschichte. Parallel zu dem Staat, an den er glauben will, zerfällt die Illusion von heiler Familie des strammen Genossen Jürgen Kaiser. Heino Ferch ist die eigentlich tragische Figur in dieser Geschichte. Ein Vater, der schon lange seine Autorität und die Liebe seiner Frau verloren hat. Zu seiner Geliebten Marion (Gesine Cukrowski als Stasi-Wendehals) mag er nicht stehen, weil dies die Karriere kosten könnte. Ein Verbohrter, der sich nur noch zu helfen weiß, indem er sämtliche „Spiegel“-Exemplare des verachteten Vaters („Altnazi“) und alle kritischen Bücher im Haus in einer ebenso symbolischen wie sinnlosen Aktion verbrennt.

Die Macht der Gedankenfreiheit

Überhaupt besticht „Das Wunder von Berlin“ vor allem dadurch, dass der Film sich zwar ganz auf die spektakulären Erinnerungen Tilo Kochs einlässt, daneben aber eine Art Subfilm des Zusammenbruchs mitlaufen lässt. Immer wieder baut Kirchners Drehbuch dokumentarische Szenen ein. Die Figuren sehen fern, sie lesen und machen sich ihren Reim. Einmal sehen wir den inzwischen verstorbenen Ulrich Mühe bei einer Versammlung des Neuen Forums sprechen. „Das Wunder von Berlin“ ist auch ein Film über die destabilisierende Wirkung der Medien in Diktaturen. Und nicht zuletzt handelt es sich auch um einen Film über die Macht der Gedankenfreiheit.

Wären die alten Männer des Politbüros länger an der Macht geblieben, sie hätten neben dem „Sputnik“ Hölderlins Roman „Hyperion“ mit seiner Deutschenschelte ebenso verbieten müssen wie Schillers „Ode an Freude“ mit ihrem Freiheitspathos, von Heines „Wintermärchen“, das Marco seiner Freundin Anja begeistert deklamiert, ganz zu schweigen. Hätte man das Absurde mit mehr System betrieben, man hätte - wie die Filmfigur Marco - den politischen Dichter Heine als romantischen Punk entlarven und der Konterbande überführen können. Immerhin der unverbindlichen Kitschprosa Saint-Exupérys konnte man sich an höchster Stelle des Staates sicher sein. Für den Grenzschützer Marco Kaiser taugen die Worte des „Kleinen Prinzen“ am Ende zur Rechtfertigung des Schießbefehls. Dass aber nicht zuletzt die Radio-Eriwan-Witze die Mauer durchlöcherten wie Schweizer Käse, hatten die Soldaten in der Kaserne nicht bemerkt.

„Das Wunder von Berlin“ zeigt das ZDF am Sonntag um 20.15 Uhr.

Quelle: F.A.Z., 25.01.2008, Nr. 21 / Seite 46
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