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„Das Terror-Trio“ bei Arte Vieles ist immer noch unaufgeklärt

Die Dokumentation „Das Terror-Trio“ führt noch einmal das Versagen der Geheimdienste vor Augen und fragt, warum die Mordserie der NSU an keiner Stelle unterbrochen wurde. Gelegenheiten gab es genug.

© dpa Ungestörtes Morden: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.l.)

Manchmal hilft Optimismus nicht weiter. Vergangene Woche, als Beate Zschäpe von der Bundesanwaltschaft wegen „Mittäterschaft“ und nicht bloß wegen „Beihilfe“ in zehn Morden und 15 Raubüberfällen angeklagt wurde, war Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sogar sehr optimistisch, als er sagte: „Die Aufklärung geht voran“.

Dass von „Aufklärung“ im Fall NSU keine Rede sein kann, höchstens von einer Reihe aufgeklärter Vertuschungsversuche, das führt die Dokumentation „Das Terror-Trio – Warum die Behörden versagten“ noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen. Wie konnten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ein Jahrzehnt lang ungestört morden, umgeben von Spitzeln und V-Männern nahezu aller deutschen Geheimdienste? Warum wurde die Mordserie nicht unterbrochen? Genug Gelegenheiten hat es gegeben.

Die erste bereits Ende der neunziger Jahre, als Polizisten die Garage Uwe Böhnhardts durchsuchten. Sie fanden Nazi-Propagandamaterial, Waffen und ein Kilogramm TNT in Rohrbomben. Doch noch bevor die Garage aufgebrochen war, konnte sich der ebenfalls anwesende Böhnhardt ungehindert in sein Auto setzen und davonfahren. Uwe Mundlos war bereits seit 1994 im Visier der Behörden. In der Bundeswehr wurde der rechtsextreme Panzergrenadier schnell aktenkundig, was seiner Beförderung zum Obergefreiten und der späteren Teilnahme an Schießübungen nicht im Weg stand. Nur widerwillig hat das Verteidigungsminsterium eingeräumt, dass man ihn damals als Spitzel gewinnen wollte, doch Mundlos lehnte die Zusammenarbeit ab.

Geschichte eines Versagens

Angesichts solcher Erkenntnisse, die zeigen, wie nah die Behörden den Terroristen entgegen früherer Dementis tatsächlich waren, ist es fast bewundernswert, wie diplomatisch Sebastian Edathy, Leiter des NSU-Untersuchungssaushusses, bleiben kann, wenn er sagt, es fehle an der „ausreichenden Bereitschaft, uns mit dem Material zu versorgen, um dem Aufklärungsauftrag gerecht zu werden“.

Roland Eckert, emeritierter Soziologe der Universität Trier, kommt die Expertenrolle in dieser Dokumentation zu. Er findet deutlichere Worte und benennt immer wieder das komplette Versagen eines Geheimdienst-Apparats, der zum „Staat im Staate“ wurde, dessen Abteilungen untereinander jedoch ebenso wenig kooperierten, wie derzeit die Regierung mit dem Untersuchungsausschuss.

Ingar Klees und Marcus Weller, die Autoren der Doku, hätten bei der Geschichte dieses Versagens die stetig treibende Hintergrundmusik etwas stärker dosieren können - der Gegenstand ist dramatisch genug. Denn wenn die Dokumentation mit der Frage nach der Reform der Geheimdienste endet, ist längst klar geworden, dass damit alleine noch nichts gewonnen wäre. Die richtigen Bedrohungsanalysen lagen vor, zum Beispiel in einem internen Papier des Verfassungsschutzes aus dem Jahr 2004, in denen auch das „Terror-Trio“ namentlich gelistet wird.

„Die Ausländer machen die Probleme“

Doch statt den eigenen Analysen nachzugehen, wiederholte sich immer wieder das gleiche Muster: Wie nach bei dem ersten Mord an dem türkischen Blumenhändler Enver Şimşek im September 2000 in Nürnberg, gingen die Behörden immer wieder von Fällen organisierter Kriminalität aus, forschten in den Familien der Opfer nach Anzeichen für Drogen- und Menschenhandel, verfolgten angebliche Verdächtige bis in den Balkan. So auch im Juni 2004, als eine NSU-Nagelbombe in Köln 26 Menschen schwer verletzte, und sich der damalige Innenminister Otto Schily bereits einen Tag später sicher war, dass die Tat keinen terroristischen Hintergrund habe, sondern dem „kriminellen Millieu“ zuzuorden sei.

Wenn man nun all diese Fälle noch einmal komprimiert vor Augen hat, lässt sich die Serie an Ermittlungspannen mit den Worten Eckerts relativ einfach erklären: Die generelle Haltung war:  „Die Ausländer machen die Probleme“. Sie sei in den Behörden so verbreitet gewesen, dass man alles andere ausgeblendete.

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Das Terror-Trio - Warum die Behörden versagten läuft am Dienstag, 13. November, um 22 Uhr bei Arte.

Quelle: F.A.Z.

 
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