Home
http://www.faz.net/-gsb-xr9r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Das Prinzip Facebook Zu schön, um gefährlich zu sein

22.11.2010 ·  Alle Kommunikation soll über Facebook laufen. So wünscht es Mark Zuckerberg. Er macht sich zunutze, dass vielen Menschen Einfachheit wichtiger ist als Datenschutz.

Von Friederike Haupt
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (4)

Toll, so ein Chatprotokoll. Man kann darin nachlesen, worüber irgendwer irgendwann mal in einem Chat geschrieben hat. Im Internet nachzulesen ist auch ein Chatprotokoll, das inzwischen sieben Jahre alt ist. Damals hieß Facebook noch „The Facebook“, und Mark Zuckerberg führte die Geschäfte von seiner Studentenbude in Harvard aus.

„Wenn du jemals Informationen über irgendjemanden in Harvard brauchst, frag einfach“, schrieb Zuckerberg in einem Instant Messenger an einen Freund, „ich habe mehr als 4000 E-Mails, Bilder, Adressen.“

Der Kumpel fragte: „Was? Wie hast du das denn hingekriegt?“

Und Zuckerberg antwortete: „Die Leute haben es einfach eingegeben. Ich weiß nicht, warum. Sie ,vertrauen mir'.“ Und dann, es muss nicht übersetzt werden, tippte er: „Dumb fucks.“

Vom Vertrauen in einen Fremden

Nun, sieben Jahre später, vertrauen noch viel mehr Menschen Mark Zuckerberg: Mehr als 500 Millionen sind es. Manche von ihnen sagen, der Chatdialog von damals sei Ausdruck des Humors von Mark Zuckerberg. Die meisten kennen ihn gar nicht. Ein paar warnen auch, der Zuckerberg von damals habe es gar nicht so lustig gemeint - und er sei heute noch derselbe. Die Privatsphäre seiner vertrauensseligen Kunden bedeute ihm wenig. Seit drei Tagen streiten die Allestollfinder und die Kritiker mal wieder besonders heftig: Zuckerberg hat Facebooks neues Nachrichtensystem „Messages“ vorgestellt. Es soll, wenn erst einmal alle dabei sind, die klassische E-Mail ersetzen. Bis dahin werden alle Nicht-Facebook-Nachrichten der Nutzer - Mails von der Bank, Messenger-Nachrichten von Freunden, SMS vom Chef - integriert. Ein Kommunikationskanal für alles, das ist der Plan.

Man kann nicht behaupten, dass Zuckerbergs Idee schlecht sei. Sie ist sogar genial. Denn die Mehrzahl der Menschen interessiert sich weniger für Datenschutz als für schnelle, einfache, billige Kommunikation. Als vor einigen Monaten ein Blog über den neuen Facebook-Log-In berichtete, sammelten sich schnell unzählige wütende Kommentare darunter - die Menschen hatten, wie jeden Tag, bei Google „Facebook Log In“ eingegeben und suchten nun vergeblich im Blog nach dem Feld zum Anmelden. Diese Menschen sind froh über alles, was die Kommunikation im Internet simpler macht. Das Thema Datenschutz ist für sie mit einem Satz erledigt: „Ich habe doch nichts zu verbergen.“ Darauf setzt Zuckerberg - mit Erfolg.

Vertrauensbruch ist die Regel im Spiel

Dabei ist die Geschichte von Facebook eine Geschichte der Vertrauensbrüche. Schon an der Uni bediente sich Zuckerberg der Ideen von Freunden, die er bald darauf ignorierte, um sein Netzwerk zu gründen. Als ihn die Freunde darauf ansprachen, sagte er, es sei allein seine Idee gewesen (wie auch jetzt wieder die Facebook-Entwickler behaupten, sie hätten „Messages“ schon erfunden, bevor Google sein ganz ähnliches Mitteilungssystem „Wave“ vorgestellt habe, was im Mai 2009 der Fall war). Der junge Student lud Daten hinein, auf die zuzugreifen ihm niemand erlaubt hatte; er gab die Daten von Nutzern und deren Freunden an andere Unternehmen weiter. Hier ein Onlinespiel, dort eine attraktive App, schnell anmelden und losspielen - schon waren Name und Mailadresse, oft auch mehr an den Anbieter übermittelt. Wie das „Wall Street Journal“ im Oktober berichtete, war das bei den zehn beliebtesten Facebook-Apps ausnahmslos der Fall.

Im Frühjahr noch waren Daten sogar an Firmen übermittelt worden, wenn man nur auf deren Anzeigen klickte. Fast gleichzeitig präsentierte Zuckerberg den neuen „Like“-Button, der in jede Internetseite integrierbar ist und deren Nutzer mit Facebook verbindet. Dass dabei auch gleich Daten über das Nutzungsverhalten der Menschen mitgeliefert werden, war Zuckerberg keine Erwähnung wert. Doch welche Auswirkungen das Sammeln und Auswerten von Daten, die über Name und Alter hinausgehen, also Daten etwa über Verhaltensmuster, Vorlieben und Eigenschaften von Menschen, haben kann, ist den meisten Facebook-Nutzern nicht bewusst.

So gingen zwar in den vergangenen Jahren immer mal wieder eher mittellaute Aufschreie durch die Online-Gemeinschaft, wenn sich herausstellte, dass der Datenschutz weiter aufgeweicht worden war; und am 31. Mai dieses Jahres riefen Facebook-Kritiker den ehrenwerten, aber eher unnützen „Quit Facebook Day“ aus. Aber daran, dass schon heute mehr Menschen über Facebook kommunizieren als mit E-Mails, ändert das nichts; an den wachsenden Nutzerzahlen auch nicht. „Messages“ wird diesen Trend verstärken; es klingt für die meisten zu schön und zu praktisch, um gefährlich zu sein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr