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Veröffentlicht: 24.07.2007, 12:23 Uhr

Das Geschäft mit der Astrologie Die Seelenverkäufer

Im Fernsehen blüht das Geschäft mit der Astrologie. Seelenverkäufer spielen mit der Psyche ihrer Opfer und terrorisieren sie mit haarsträubenden Wahrsagen. Ein Selbstversuch von Melanie Mühl und Michael Hanfeld.

von und
© Pein Die Karten lügen nicht: Im Studio von Astro TV

Nachts tritt auf das Ehepaar. Sie spricht sehr laut und sehr bestimmend. Er ist kaum zu verstehen. Sie sind die Entertainer der Verzweiflung. Vor Millionen Fernsehzuschauern, aber unter Ausschluss einer wachsamen Öffentlichkeit, verkaufen sie Prophezeiungen. Offenbar sind sie Stars in ihrer Branche. Bei ihnen löst man das Ticket für ein Paralleluniversum aus Schmerz und Leid. „Lorelei und Luke“: Tausende liefern sich ihnen aus und zahlen ihr letztes Geld für einen Anruf, selbst wenn die Verbindung mit dem Übersinnlichen nicht zustande kommt. Wir können uns nicht auf den Bildschirm beschränken. Wir wollen sehen, wie es bei den Boten der Unterwelt aussieht. Denn nicht nur im Fernsehen, sondern auch in Privatsprechstunden bei ihnen zu Hause sagen Luke und Lorelei die Zukunft voraus.

Melanie Mühl Folgen: Michael Hanfeld Folgen:

Das Heim des „hellsichtigen Ehepaares“ liegt am Rande eines Dorfes im Bayerischen Wald. Ein Einfamilienhaus mit winzigen Fenstern und weitläufigem Hof. Es ist eine jener beklemmend ordentlichen Wohngegenden, in der alles schon auf den ersten Blick vorhersehbar scheint. Streng parzellierte Grünbereiche, in der Auffahrt parken Mittelklassewagen, keine Menschenseele weit und breit. Man hört nur das Summen der Stromleitungen vom naheliegenden Umspannwerk.

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Privataudienz in derangiertem Ambiente

Luke öffnet die Tür. Er steht da in Badeschlappen, das rosafarbene Freizeithemd hängt ihm über seine Hose. Im Hintergrund hört man eine Frauenstimme telefonieren. „Du bist zu früh, du musst warten“, sagt Luke barsch. Er schließt die Tür. Wer Lorelei und Luke zu Hause aufsucht, wird zu einer Audienz empfangen.

astro 02 © Pein / F.A.Z. Vergrößern Was mag uns diese Karte sagen?

Der Hausflur ist eng und düster, die Decke hängt tief. In der Küche türmt sich Bügelwäsche. „Es gibt vor lauter Arbeit nicht einmal mehr Zeit für den Haushalt“, sagt Luke. Man prallt zurück vor diesem Mann. Etwas Rohes, Aggressives, Derangiertes geht von ihm aus, von seiner Physiognomie, seinem bellenden, raunzenden Ton. Man versteht ihn kaum. Er lallt. Jeder Satz, den Luke hervorbringt, scheint ihn Mühe zu kosten und wirkt wie ein Glückstreffer. Wir gehen ins Arbeitszimmer. Hinter einem Schreibtisch sitzt Lorelei, Lukes etwas fahrige, wortführende Partnerin. Vor ihr liegen die Kipperkarten, in denen sie die Zukunft liest. Wir müssten uns beeilen, sagt sie zur Begrüßung, ohne sich zu erheben. In einer Stunde rufe wieder jemand an.

Durch tiefe Täler musst du wandern

Der Ton ist schroff. Du wirst erst mit vierzig glücklich und musst die nächsten zehn Jahre tiefe Täler durchschreiten, sagt Lorelei. Da könne man nichts machen, so stehe es in unserem Lebensbuch geschrieben. Die Karten hat sie noch nicht gelegt.

Wir machen einen zaghaften Versuch, das Schicksal milde zu stimmen: „Dauert es tatsächlich noch zehn Jahre, bis ich glücklich werde?“ „Das ist so eine, der muss man die Sätze auf die Stirn tackern, damit sie kapiert, was los ist“, sagt Luke, als seien die beiden unter sich. Sein Sohn sei genauso, der habe drei Autounfälle gehabt, obwohl man ihm seit Jahren sage, er solle nicht rasen. Ein hoffnungsloser Fall.

„Einfühlsame Hilfe“

An jedem Wochenende tritt das „hellsichtige Ehepaar“ bei dem Sender Telemedial auf, der mit „seriöser, kompetenter und einfühlsamer Hilfe in allen Lebensfragen“ wirbt. Im Originalton des Fernsehens klingt das so:

Hier ist Andrea (der Name wurde von der Redaktion geändert).

Lorelei: Hallo Andrea, dein Geburtsdatum ohne Jahr.

Andrea: 15. 1.

Lorelei: Was ist deine Frage?

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