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Das Fernsehen und seine Zahlen : Die große Quoten-Lüge

Viertel nach acht schlägt ihre Stunde: Christine Neubauer, die Allzweckwaffe des öffentlich-rechtlichen Begütigungsfernsehens Bild: ARD Degeto/Reiner Bajo

Die Mächtigen des Fernsehens behaupten immer wieder, sie machten Programme für die Mehrheit der Menschen im Land. Stimmt aber nicht. Die Mehrheit schaut überhaupt nicht fern.

          Unter all den Schrecken unserer Gegenwart, welche man einem normalen Menschen niemals an den Hals wünschen möchte, ist dieser hier einer der furchtbarsten: dass eines Tages ein freundlicher Mensch von der Gesellschaft für Konsumforschung vor der Tür steht, einem sagt, dass man für die Fernseheinschaltquotenmessung ausgewählt sei. Und dann kommen die Techniker, bauen die Messgeräte ein und verstopfen alle freien Ecken mit ihren Kabeln. Und der arme Mensch, der sich nicht lange als Ausgewählter fühlen wird, muss einen Knopf drücken, wenn er sein Gerät einschaltet, einen weiteren, wenn sich die Frau dazusetzt, noch mal, wenn die Kinder kommen, wenn sie wieder gehen. Und wenn er in die Ferien geht, muss der Mensch sich erst abmelden bei der GfK.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Schriftsteller Joseph von Westphalen hat neulich all das erlebt, und in dem Bericht, den er darüber verfasst hat, erzählte er von Ehekrächen, dem Gefühl, überwacht zu werden. Und vermutete schließlich, dass nur Menschen, die sonst nichts zu tun und keinerlei anspruchsvollere Interessen als das Fernsehen haben, sich auf diesen Terror einlassen würden. Leute also, denen das Frühlingsfest der Volksmusik kein Schrecken, sondern erholsame Unterhaltung ist.

          Man muss nicht ganz so weit gehen, es reicht schon, sich vorzustellen, was eine alleinerziehende Mutter den Leuten von der GfK sagen würde. Oder ein Ehepaar mit drei Kindern und zwei Berufen. Eine Studentin, ein Künstler oder ein Rentnerpaar, das zwar Zeit, aber ein zu geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer hat, als dass die Geräte dazu passen würden. Geld gibt es nicht – und ein Appell an Common Sense und staatsbürgerliche Verantwortung liefe ins Leere, weil genau diese Leute die Quotengläubigkeit ohnehin kritisieren.

          Quote als Allzweck-Argument

          Es ist also mehr als bloß ein Verdacht, dass die Einschaltquote nicht etwa misst, wie viele Menschen welche Sendungen sehen. Sie misst vielmehr, wann, was und wie lange jene Leute sehen, die Zeit und Nerven genug haben, an der Quotenmessung teilzunehmen. Die Differenz, der systematische Messfehler ist evident – die tatsächliche Quote kann nur niedriger sein als das, was die GfK veröffentlicht. Verständlicherweise hat aber niemand ein Interesse, diesen Messfehler genauer bestimmen zu wollen.

          Denn die Quote, also die Zahl derer, die eine bestimmte Sendung gesehen haben, ist zur entscheidenden Legitimation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens geworden. Zum wichtigsten Argument gegen alle Kritik. Wenn mal wieder jemand kommt und sich mokiert, über die trostlose Machart und die papiernen Dialoge, die dämlichen Storys, die immer gleichen Besetzungen, die Totalredundanz der Drehbücher und die verdammte Geldverschwendung bei jenen Fernsehspielen, welche, nur zum Beispiel, um Viertel nach acht Christiane Hörbiger oder Christine Neubauer durch fadenscheinige Konflikte zu lächerlichen happy endings jagen; wenn wieder jemand bemerkt, dass die wirklich sehenswerten Dokumentationen grundsätzlich erst um halb zwölf Uhr nachts beginnen, zu einer Zeit also, da der werktätige Teil des Volks die Zähne geputzt hat und langsam mal einschlafen sollte: Dann kommt, von den Fernsehspielchefs und Programmdirektoren, immer wieder der gleiche Spruch: dass nämlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen, wenn es schon von allen seine Gebühren kassiere, auch Programme für alle machen müsse, fürs Volk, die Masse, die Mehrheit. Und nicht nur für die Minderheit der Schnösel, Intellektuellen und Akademiker, welchen man es ohnehin nicht recht machen könne. Und schon deshalb lohnt es sich, die Zahlen genauer anzusehen.

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