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„Duelle“ im Fernsehen : Journalisten im Chill-out

  • -Aktualisiert am

In der Arena: Bundeskanzlerin Merkel und SPD-Herausforderer Schulz im TV-Duell Bild: dpa

Auch wenn es nur ein „Duell“ zwischen Angela Merkel und Martin Schulz im Fernsehen gab: Vor dem Format kann man sich inzwischen nicht mehr retten. Und dabei machen die Journalisten immer dieselben Fehler. Ein Gastbeitrag.

          Ich weiß, wovon ich rede. Deshalb habe ich als Hörfunkmann besonders jetzt höchsten Respekt vor der Arbeit meiner Fernsehkollegen und darf mir gerade darum kollegiale Kritik erlauben – beispielhaft, aber nicht nur am TV-„Duell zum Chillen“, wie es an dieser Stelle einmal hieß. Dessen Langeweile entstand auch, weil die vier Moderatoren Angela Merkel und Martin Schulz chillen ließen. Immer wieder lasen sie, braven Schülern gleich, „Was-wollen-Sie-künftig-machen?“-Fragen vor, die zu erwarten waren. Anstatt nicht nur Themen abzuhaken, sondern das Gespräch systematisch aufzubauen, indem man nach den Wahlprogrammen zu erwartende Antworten schon antizipierend fragt und Nachhaken ermöglicht. Es gälte, politisches Handeln in den letzten Jahren mit der jeweils ja schriftlich niedergelegten Programmatik abzugleichen und dann zu prüfen, was davon die Wählerschaft wirklich erwarten darf. Claus Strunz hat es versucht, musste aber in dem Sendungs-Korsett wirken, als wollte er das Gespräch an sich reißen.

          Wenn man das Thema Abschiebungen aufmacht, muss man auch alle Fakten parat haben, um die Koalitionäre zu stellen, und darf nicht Martin Schulz Fehler durchgehen lassen. Sonja Mikich hat das am Tag danach mit Sahra Wagenknecht gezeigt, als sie deren Hymne auf das österreichische Rentenmodell erstens, zweitens, drittens hinterfragte. Journalisten erzeugen Spannung, wenn sie fachlich auf Augenhöhe sind. Sie können nicht erwarten, dass ein Kanzler-„Duell“ zwangsläufig nach dem Muster der antagonistisch konstruierten Talkshows abläuft, in welchem beide „angriffslustig“ aufeinander losgehen. Hier ist besser Schluss mit lustig.

          Am Beispiel des Rententhemas hätte man zeigen können, dass Fachleute bis hin zur Bundesbank eine weitere Anhebung des Rentenalters für unausweichlich halten. Stattdessen das übliche Pingpong und Schulz’ Verweis auf die Unions-„Abweichler“ Schäuble und Spahn. Das übliche Geklingel: „Merkel schließt ‚Rente mit 70‘ aus. Schulz: Unglaubwürdig wie bei der Maut“. Gespräche, auch Teile davon, brauchen eine Idee. Gerade diese Koalitionäre hätte man aus der Perspektive des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog zur Rede stellen können. Er fürchte eine „Rentnerdemokratie“, sagte er 2009, in der die Älteren die Jüngeren ausplündern. Letztere hätten aufgehorcht.

          Interessant, irritierend, bezeichnend ist, was in all den Sendungen nicht gefragt wird. So hätte ich gern Angela Merkels Gesicht gesehen und ihre Antwort auf die Frage gehört, wie ihr heute zumute ist, wenn sie sieht, dass ihre Entscheidung von 2015 zur Grenzöffnung den deutschen Steuerzahler bis 2020 rund hundert Milliarden Euro kostet, Familienzusammenführung längst nicht mitgerechnet, und dagegen Zukunftsinvestitionen unter Finanzierungsproblemen leiden. Martin Schulz hätte erklären müssen, warum die SPD bei alldem noch immer sehr viel mehr Einwanderung über das Asylrecht befürwortet.

          Wochenlang war Horst Seehofers Verlangen medial gespielt worden, die Kanzlerin solle die Grenzöffnung als Fehler zugeben. Im „TV-Duell“ räumte sie sogar außenpolitische Fehler ihrer Regierung ein. Aber warum werden sie und andere Unions-Leute nicht mit diesem Satz aus dem Wahlprogramm konfrontiert, selbst nicht, als Merkel ihre Entscheidung noch verteidigte? „Eine Situation wie im Jahre 2015 soll und darf sich nicht wiederholen, da alle Beteiligten aus dieser Situation gelernt haben.“ Ich muss bei den meisten Wahlsendungen an das Buch des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer (Grüne) denken. Er habe in Berlin nur Politiker, Journalisten und Wissenschaftler getroffen, „die Merkels Grenzöffnung als schweren Fehler betrachteten“, schreibt er und zeigt sich verwundert, dass der öffentliche Diskurs völlig anders sei: „Willkommenskultur“. Deshalb fragt er: „Wie ist es möglich, dass der öffentliche und der halböffentliche Diskurs so auseinanderfallen?“

          Ich beobachte einen für die Demokratie fatalen Irrtum vieler Medienleute: Es ist ihre Aufgabe, die Realität darzustellen. Zum Beispiel, dass überwiegend sechzehn- bis vierunddreißigjährige männliche Flüchtlinge, die unsere Werte in ihrem Kulturkreis nicht gewohnt waren, nunmehr fünf Prozent der männlichen Bevölkerung dieser Altersgruppe ausmachen und deshalb unser Land sehr wohl spürbar verändern können.

          Selten wurde Hanns-Joachim Friedrichs’ Gebot, wonach Journalisten sich nicht mit einer Sache gemein machen sollten, auch nicht mit einer guten, so missachtet wie heute. Ich habe eine hohe Repräsentantin der ARD erlebt, die dieses Prinzip de facto außer Kraft setzte, weil ja im Rundfunkstaatsvertrag etwas von Völkerverständigung stehe. Eine Ansage. Ich meine dagegen, Journalisten sollten aufpassen, dass sie sich selbst und ihr Publikum nicht davon entwöhnen, Journalismus als ungeschminktes Spiegeln der Wirklichkeit zu verstehen.

          Ingo Kahle war Redakteur und Moderator bei SFB und RBB. Er führte im Inforadio Tausende Kurzinterviews und 385 Gespräche in „Zwölfzweiundzwanzig – Zu Gast bei Ingo Kahle“.

          Quelle: F.A.Z.

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