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Das Ende von „Vanity Fair“ Veitstänze auf dem Eitelkeitsmarkt

18.02.2009 ·  Ein gebrochenes Verleger-Ehrenwort, eine schockierte Redaktion und die Gewissheit, dass der deutsche Jahrmarkt nicht genügend fesselnde Eitelkeiten bietet: Das Ende der deutschen „Vanity Fair“ ist verkündet worden.

Von Michael Hanfeld
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Die Redaktion plante am Mittwochmorgen gerade die beiden nächsten Ausgaben, als der Chefredakteur Nikolaus Albrecht aus der Konferenz gerufen wurde. Jonathan Newhouse, der Chef des internationalen Zweigs von Condé Nast, stand vor der Tür. Dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte, wurde für die Redakteure wenige Minuten später zur Gewissheit.

Ganz in Schwarz, mit Leichenbittermiene, trat Newhouse vor seine Leute und verlas eine pathetische, aber doch dürre Erklärung: Er habe die traurige Pflicht, das Ende der deutschen „Vanity Fair“ zu verkünden, sagte er, es sei ein Schock, wenn ein exzellentes Magazin wie dieses eingestellt werde, doch es sei nicht abzuwenden gewesen. Wie ein Totengräber habe Newhouse gewirkt, sagen Redakteure, die in diesem Augenblick den Job verloren. Die Ausgabe der deutschen „Vanity Fair“ von dieser Woche ist die letzte. Zu recherchieren, zu schreiben, zu layouten und zu planen gibt es nichts mehr.

Nicht einmal Nachfragen

Die rund achtzig Köpfe starke Redaktion war derart perplex und vor den Kopf gestoßen, dass es nicht einmal Nachfragen gab. Nachfragen etwa, warum Newhouse Anfang Dezember im Gespräch mit dieser Zeitung noch Stein und Bein geschworen hatte, dass es weitergehe - in dem Augenblick, in dem damals alle dachten, das Ende sei nahe („Vanity Fair“ bleibt: der Condé-Nast-Chef Jonathan Newhouse widersetzt sich der Krise). Oder Nachfragen, warum Newhouse seinen Leuten in Berlin auf der Weihnachtsfeier noch sein „Ehrenwort“ gegeben hatte, dass sie eine Zukunft hätten. Was bleibt, ist Schall und Rauch - und ein Verlagschef, dem seine Leute nicht einmal mehr die Zerknirschung abnehmen.

Jetzt, da es vorbei ist, kann man es leicht besser wissen. Wissen, dass die angepeilte Auflage von 200.000 Exemplaren eine Chimäre und der Einzelverkauf auf rund 75.000 Stück geschrumpft war; wissen, dass man mit einem Schleuderpreis von zwei Euro auch in guten Zeiten auf keinen grünen Zweig kommt und schon gar nicht 2010 den Break-Even-Punkt erreicht; wissen, dass es ein Fehler war, das Magazin nicht monatlich, sondern wöchentlich aufzulegen, und schließlich auch wissen, dass „Vanity Fair“ in Deutschland die inhaltliche Kontur fehlte, es nicht Fisch und nicht Fleisch war, keine bessere „Bunte“ sein sollte, zugleich aber auch nicht dem legendären, 1913 erstmals gegründeten amerikanischen Muttermagazin zu gleichen vermochte, weil es hierzulande an der Haute Volée, an den Stars, an den Verbindungen zwischen Politik und Showbusiness und dem Interesse daran mangelt, ohne das ein Blatt wie „Vanity Fair“ nicht auskommt. Für einen echten Jahrmarkt der Eitelkeiten reicht es bei uns einfach nicht.

Weit aus dem Fenster gelehnt

Das alles konnte und kann man wissen und doch der Versicherung trauen, die Jonathan Newhouse im Dezember gab. Endlich mal eine echte Verlegernatur, mochte man denken, die dem Renditewahn der Finanzinvestoren entgegentritt. Es heißt schon etwas, sich in dem Augenblick so weit aus dem Fenster zu lehnen, da andere sich längst einen schlanken Fuß machen und mal eben weg sind. Die „Park Avenue“ von Gruner + Jahr war schon weg, die Eigenständigkeit der Wirtschaftsmagazine und der „Financial Times Deutschland“ dort auch, bei der WAZ die Selbstverfasstheit der Zeitungen im Ruhrgebiet und, und, und - die Reihe wird sich fortsetzen lassen. Die Krise fordert Opfer, die man bis eben nicht für möglich gehalten hätte, darin ergeht es den Pressehäusern nicht anders als allen anderen Branchen.

Das Erstaunliche aber ist die Kakophonie derer, die nicht nur an Tagen wie diesem im Veitstanz das Ende der gedruckten Medien an sich besingen - nachdem sie im Internet mal wieder die Artikel der Zeitungen und Zeitschriften verlinkt haben, über deren vermeintliches Absterben sie sich amüsieren. Auch angesichts der Probleme von Opel, BMW und Daimler käme so schnell niemand auf die Idee, das Ende der Motorisierung zu beschwören. Bei den gedruckten Medien aber ist es so, weil es das Internet gibt, in dem allerdings außer den Suchmaschinenkonzernen auch schon vor der Krise kaum jemand Geld verdiente und das bei uns nach wie vor von den Ideen und Anregungen der gedruckten Medien lebt.

Die Krise kommt aus Amerika

Diese Krise aber, das sollte man nicht vergessen, kommt aus Amerika, dem Land der unbegrenzten Schuldenmacherei, das zuerst die Finanz- und dann die Weltwirtschaft in den Abgrund gezogen hat. Und so ist es auch bei Condé Nast und der deutschen „Vanity Fair“, auf die der Verlag angesichts von Investitionen, die sich im dreistelligen Millionenbereich bewegen dürften, nie und nimmer verzichten würde, ginge nicht auch dort die Malaise von den amerikanischen Verhältnissen aus. Die mit den unseren, was die Presse, den Print-Journalismus und die Lese- und Debattenkultur, ja die gesamte Verfasstheit der Öffentlichkeit angeht, schwerlich zu vergleichen sind.

Den Redakteuren der deutschen „Vanity Fair“ nützt das gar nichts. Sie hätten es verdient gehabt, dass Jonathan Newhouse sein Wort gehalten hätte, auch wenn die großsprecherischen Töne eines neuen Journalismus, den man zu prägen glaubte, von jeher eine Fabel waren. Die Flüge zur Oscar-Verleihung in Los Angeles an diesem Wochenende sind gestrichen. Stattdessen lud Nikolaus Albrecht, der Chefredakteur der deutschen „Vanity Fair“, am Mittwochabend zu einem letzten gemeinsamen Umtrunk in Berlin ein. Es dürfte ein trauriger Feierabend geworden sein.

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