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„Der gute Göring“ im Ersten : Sie waren einander in nichts ähnlich

Ungleiche Brüder: Francis Fulton-Smith (l.) als Hermann und Barnaby Metschurat als Albert Göring Bild: NDR/Vincent TV/Beate Wätzel

Dass Hermann Göring, der zweite Mann im NS-Staat, einen jüngeren Bruder hatte, der kein Nazi war, sondern Juden rettete, wissen wohl nur wenige: Die ARD stellt Albert Göring in einem Dokumentarspiel vor.

          „Er war stets das genaue Gegenteil von mir“, sagte Hermann Göring nach dem Krieg in seiner Nürnberger Gefängniszelle einem amerikanischen Psychiater. „Er interessierte sich nicht für Politik oder das Militär; ich schon. Er war still, zurückgezogen; ich liebe Menschenansammlungen und die Geselligkeit. Er war schwermütig und pessimistisch, ich bin ein Optimist. Aber er ist kein schlechter Kerl, dieser Albert.“ Dieser Albert war der jüngere Bruder des Nationalsozialisten, der zu Hitlers ersten Anhängern gehörte, die Luftwaffe befehligte und zur Nummer zwei hinter dem „Führer“ aufstieg. Und dieser Albert war - anders als Hermann - alles andere als ein „schlechter Kerl“: Die NS-Ideologie lehnte er rigoros ab und rettete zahlreichen Juden wie Nichtjuden das Leben. Mindestens 35 Namen sind verbürgt. Doch Anerkennung erfuhr Albert Göring dafür nie. Er starb 1966, verarmt und vergessen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erst Jahrzehnte später, Ende der neunziger Jahre, entdeckte ein britischer Dokumentarfilmer die Geschichte des ungleichen Brüderpaars; später taten es ihm ein australischer Journalist und ein britischer Historiker mit zwei allerdings wenig ergiebigen Biographien gleich. Nun will das Erste mit seinem Dokumentarspiel „Der gute Göring“ dafür sorgen, dass man sich auch hierzulande an den Jüngeren erinnert, der all das verkörperte, was der Ältere nicht zeigte: Menschlichkeit vor allem, aber auch eine feingliedrige Eleganz und Sensibilität, wo der andere mit seinen Orden protzte und skrupellos einer Vernichtungsideologie folgte.

          Die Amerikaner wollten ihm nicht glauben

          Um dieses so ungleiche Brüderpaar darzustellen, hätte man sich kaum eine bessere Besetzung vorstellen können als Francis Fulton-Smith in der Rolle des Reichsmarschalls und Barnaby Metschurat als Albert Göring. Dass Fulton-Smith einen Charakter geradezu physisch ausschwitzen kann, hat er schon bravourös bewiesen, als er Franz Josef Strauß spielte. Als Göring, der kaum die schnarrende Stimmimitation braucht, findet er in Metschurat einen gleichermaßen zerbrechlich wie entschlossen auftretenden Widerpart.

          In fünf historisch belegten Begegnungen sehen wir die Brüder aufeinandertreffen. Bei der ersten - der Beisetzung ihrer Mutter - ist Hermann ein abgehalfterter Luftwaffen-Veteran des Ersten Weltkriegs, der neue Perspektiven braucht und bei Hitler findet. Albert ist da ein Jungingenieur und Bonvivant auf dem Sprung in seine zweite Ehe. Zum letzten Mal begegnen die beiden einander in Haft, als die Amerikaner nicht glauben wollen, dass Albert kein Nazi war und Hermann schon Vorkehrungen für die Zeit nach seinem Tod trifft: Sein Bruder möge sich um seine Witwe und die Tochter kümmern, bittet er ihn. Albert sagt zu.

          Vom Bruder aus der Gestapo-Haft geholt

          Das alles wirkt fein ziseliert, und es ist mit Dialogen ausgerüstet (Buch: Jörg Brückner, Gerhard Spörl), die mit Gespür für zeitgenössische Sprache herauspräparieren wollen, wie das wohl war: den Feind im Bruder zu sehen und doch Teile einer Familie zu bleiben. Natalia Wörner tritt als Filmstar Henny Porten auf, Anna Schudt als Hermanns zweite Frau Emmy Sonnemann gibt eine glänzende Vorstellung als Ehepartnerin, die die Augen verschließt vor dem, was ihr Mann wirklich tut. Und doch bleiben die Szenen unter der Regie von Kai Christiansen seltsam leblos. Sie erscheinen arrangiert wie Versuchsanordnungen - vielleicht, weil sie nahe am historischem Material bleiben wollen, von dessen Herkunft, Art und Umfang wir leider nichts erfahren. Bei der Beerdigung der Mutter fließt keine Träne, der Dialog steht im Vordergrund. Solche Seltsamkeiten legen etwas Unwahrhaftiges über das, was gespielt und doch dokumentarisch wirken sollte.

          Eindrucksvoller sind die Stellungnahmen der Zeitzeugen. Die Tochter Albert Görings erinnert sich an einen schwer fasslichen Vater, Kinder Geretteter wie der hochbetagte George Pilzer sprechen von einem, den man verehrte, einem Helden. Albert hat immer wieder seinen Nachnamen eingesetzt, um Menschen der Gewalt des Regimes zu entreißen. Vielleicht holte er sogar Gefangene aus Theresienstadt. Mehrfach landete er selbst in Gestapo-Haft - und wurde von Hermann wieder herausgeholt. „Der gute Göring“ streift das meiste davon nur. Aber das Mit- und Gegeneinander der Brüder bietet auch Stoff für mehr als einen Film.

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