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Dänische Fernsehserie Die erste Frau im Staate Dänemark

09.02.2012 ·  In der Serie „Borgen“ kommt eine Politikerin ganz unverhofft an die Macht. Ein Jahr später hat Dänemark tatsächlich eine Ministerpräsidentin. Arte zeigt, wie die Fiktion die Realität vorwegnimmt.

Von Jochen Hieber
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© Mike Kollšffel/DR Wie sich die Bilder gleichen: Sidse Babett Knudsen spielt in der 2010 produzierten Fernsehserie „Borgen“ die dänische Ministerpräsidentin...

Das hat es im Wechselspiel von Politik und Fernsehen so noch nie gegeben: Seit eineinhalb Jahren richtet sich in Dänemark das Drehbuch der laufenden öffentlichen Ereignisse am Massenmedium aus - und nicht an den Vorgaben der Regierungsmacht. Ende September 2010 sendete Danmarks Radio (DR), die öffentlich-rechtliche Anstalt des Landes, die erste Folge der neuen Serie „Borgen“, deren Titel sich dem Spitz- und Kosenamen der Dänen für den Sitz ihrer Regierung in Schloss Christiansborg verdankt.

Von allem Anfang an waren die Quoten enorm: Jeweils bis zu zwei Millionen Zuschauer schalteten die zehn Folgen der ersten Staffel ein, das entspricht nahezu vierzig Prozent der gesamten Bevölkerung. Inzwischen wurde bereits die zweite Staffel ausgestrahlt, die dritte, für den kommenden Herbst annonciert, wird gerade gedreht und geschnitten. Das Zuschauerinteresse hat nie nachgelassen.

Im Mittelpunkt aller Folgen steht die Politikerin Birgitte Nyborg, gespielt von Sidse Babett Knudsen. Gleich in der ersten Seriensekunde ist sie groß im Bild: Sie sitzt im Schminkraum des Fernsehsenders TV1, wird noch einmal abgepudert und wartet dann auf ihren Auftritt in einer der letzten Sendungen vor der unmittelbar bevorstehenden Parlamentswahl. Frau Nyborg ist Vorsitzende der „Partei der Moderaten“, alle Umfragen bescheinigen ihr und ihrer bürgerlichen Mitte-links-Gruppierung bestenfalls einen Achtungserfolg. In das Studiogespräch, das die junge Moderatorin Katrine Fønsmark (Birgitte Hjort Sørensen) mit ihr führt, wird live ein Straßen-Interview mit dem sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Laugesen (Peter Mygind) eingespielt, in dem sich dieser - seine Stammklientel droht von der Fahne zu gehen - plötzlich für die spürbare Verschärfung der dänischen Asylgesetze ausspricht. Bewusst bricht der Populist Laugesen damit auch das Abkommen mit Nyborgs Moderaten, das für den Fall eines Wahlsiegs des linken Spektrums bisher das schiere Gegenteil versprochen hatte.

Von fiktiven Vorbildern

Zum Entsetzen von Kasper Juul (Pilou Asbæk), ihrem ohnmächtig in den Kulissen gestikulierenden Medienberater, Spin Doctor und Pressesprecher, kündigt Birgitte Nyborg daraufhin vor laufender Kamera das Bündnis mit Laugesen auf - um sich am Abend danach bei der abschließenden Elefantenrunde aller Parteivorsitzenden aufs Neue Juuls Regie zu entziehen und zudem über private Kümmernisse zu reden, hat sie in den Wahlkampfwochen doch fünf Kilo zugenommen. Über Nacht explodieren ihre Sympathiewerte, am Wahltag gewinnt ihre Partei als einzige fünfzehn Sitze hinzu, die (unsichtbar bleibende) Königin Margrethe II. beauftragt sie mit der Regierungsbildung - wenige Tage und viele Intrigen danach ist die fiktive Birgitte Nyborg als erste Frau in der Geschichte ihres Landes dann Premierministerin einer Koalitionsregierung. So geschehen und erstgesendet im dänischen Fernsehen am 3.Oktober 2010, ganz am Ende der zweiten Folge der ersten Staffel.

Genau ein Jahr danach, am 3.Oktober 2011, wurde die sehr reale Politikerin Helle Thorning-Schmidt als erste Frau in der Geschichte des Landes zur Premierministerin Dänemarks gewählt. Seither führt die Sozialdemokratin in Kopenhagen ein Mitte-links-Bündnis und ist seit Jahresbeginn turnusgemäß auch Vorsitzende im Ministerrat der Europäischen Union. Ihrem fiktiven Vorbild wird sie indes weiterhin und auf eine noch nicht absehbare Zeit immer zwölf Monate hinterherlaufen, denn auch Birgitte Nyborg regiert vor den Augen der Dänen ja munter weiter. Außer der Parteizugehörigkeit haben beide Damen nahezu alles gemein, ihr jeweiliges Alter, ihre je vierköpfige Familie, ihre gewinnende Aura und manche modische Vorliebe ausdrücklich eingeschlossen - was für Thorning-Schmidt die schon sprichwörtlichen Gucci-Taschen, sind für Nyborg die schwarzen Markenkostüme.

Zwischen Fernsehrstudio und Familie

Seit Herbst 2011 läuft „Borgen“ auch beim nichtkommerziellen amerikanischen Sender Link TV, seit Beginn dieses Jahres zudem bei BBC4 in Großbritannien, wo sie, obwohl lediglich untertitelt, die Kritiker begeistert und regelmäßig fast eine Million Zuschauer an sich bindet. Ohnehin sind die Briten im DänenFieber - die ebenfalls von DR produzierte Serie „The Killing“ versetzte die Insel erst unlängst in einen wahren Fernsehtaumel, unter dem Titel „Kommissarin Lund“ waren die bisherigen beiden Staffeln hierzulande im ZDF zu sehen.

Mit Fernsehserien, die vom politischen Geschäft und von den Geschäften der Politiker handeln, lässt sich in Deutschland offenbar wenig gewinnen. Die Mutter aller fiktiven Politreihen, die amerikanische Präsidenten-Soap „The West Wing“, schaffte es bei uns erst gar nicht ins frei empfangbare Fernsehen, ist inzwischen aber immerhin in einigen DVD-Editionen erhältlich. Die Erfahrungen, die das ZDF Mitte des vergangenen Jahrzehnts mit der durchaus passablen Eigenproduktion „Kanzleramt“ machen musste, waren niederschmetternd. „Borgen“ hat man wohl auch deshalb gleich dem Kultur- und Minderheitensender Arte anvertraut, wo man von heute an in einer synchronisierten Fassung und unter dem Titel „Gefährliche Seilschaften“ zunächst einmal die erste Staffel sehen kann.

Und man sollte sich das auch anschauen, selbst wenn die Kopenhagener Seilschaften eher subtil und abgefeimt als wirklich gefährlich sind: Hier etwa fahren Spitzenpolitiker wie Birgitte Nyborg noch ohne Personenschützer, dafür ganz selbstverständlich mit dem Fahrrad oder mit dem Taxi vom Haus am Stadtrand zum Regieren nach Christiansborg. Allemal gelingt es der Serie, zugleich intrigant und intelligent, unterrichtend und unterhaltsam zu sein. Ihr nicht geringes Verdienst liegt im stets plausiblen Hin und Her zwischen Fernsehstudios, Regierungsfluren, Parteizentralen, familiären wie intimen Interieurs. Hinzu kommt, dass die Dialoge nie hölzern, oft klug und gar nicht selten überaus witzig geraten. Bis in die Nebenrollen: ein überzeugendes Schauspielerensemble. Und Sidse Babett Knudsen als Premierministerin Birgitte Nyborg wird als vorauseilendes Pendant zu Helle Thorning-Schmidt sicher so bald nicht abtreten.

Gefährliche Seilenschäften (Borgen) beginnt am Donnerstag, 09.02.2012, um 20.15 und um 21.15 Uhr mit den ersten Folgen bei Arte. Die weiteren Episoden der ersten Staffel folgen zur selben Zeit im Wochenabstand.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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