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CSI-Kopie „Post Mortem“ Die Obduktion ist das Verhör

18.01.2007 ·  Bald sind wir alle gute Gerichtsmediziner: Die neue RTL-Serie „Post Mortem“ mit Hannes Jaenicke ist ganz offensichtlich eine Kopie des Erfolgsformats „CSI“ - doch schlägt sie sich gegen das Vorbild wacker.

Von Heike Hupertz
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Sobald in einem deutschen Fernsehsender über Eigenproduktionen nachgedacht wird, schlägt fast immer die Kopierkrankheit zu. Ihre Symptome reichen von kreativer Abgeschlagenheit bis zu neidischem Schielen auf die Erfolge Großbritanniens und Amerikas. Die Ergebnisse sind größtenteils entsprechend. Ergänzt wird die nervöse Kopierkrankheit durch die fiebrige Betriebsamkeit, mit der jene Eigenproduktionen abgesetzt werden, die auf Anhieb ein kleineres Publikum gefunden haben als vom Sender erwartet - überflüssig zu sagen, dass dies meist die besseren sind.

Die Gerichtsmedizinerserie „Post Mortem“, die RTL in vorerst neun Folgen zeigt, ist eine ganz offensichtliche Kopie und wird vom Sender auch offen als deutsches „CSI“ ins Rennen geschickt. Von heute an dürfen die Zuschauer bei RTL den Donnerstagabend in voller Fernsehlänge bei fröstelkalter Beleuchtung in Labors der Rechtsmedizin verbringen. Über Stunden geht es um Mageninhaltanalysen, verfaulendes Gewebe und computeranimierte Einschusswinkelsimulationen. Anschaulich vervollkommnet werden soll so zweifelsohne unser aller Ausbildung zum forensischen Universaldilettanten. Wir können nur hoffen, dass die sicher bald ausgerufene Renaissance der ermittlungstechnischen Langsamkeit und der Paradigmenwechsel hin zum subtileren Psychokrimi uns nicht mitten im Examen zwischen all den Präparaten erwischen.

Komm, erzähl mir was

Vermissen würden wir die unzähligen Einstellungen, in denen Rechtsmediziner wie Dr. Daniel Koch sich nah über skelettierte Leichen beugen und zärtlich beschwörend flüstern: „Na komm schon, erzähl mir was“, woraufhin die tote Person ohne Umschweife plaudert, im übertragenen Sinn. In dieser Art von Krimi, das war die einzige inhaltlich neue Idee von „CSI“, ist die Obduktion das Verhör. Wie im konventionell inszenierten Verhör zu Beginn Name, Alter und Adresse abgefragt werden, sieht man hier Herz, Leber und Niere nacheinander auf der Waage, am besten in Großaufnahme oder gezoomt.

Wo üblicherweise keiner mehr sprechen kann, sprechen die Tatsachen umso lauter. Jedenfalls für Dolmetscher und professionelle Sprachskeptiker wie Dr. Koch, der um der Authentizität der Figur willen jahrelang als Arzt in Ruanda gewirkt hat und daher alle Grausamkeiten kennt, die Menschen einander zufügen können. Es zählen nur: Fakten, Fakten, Fakten in einer Parallelwelt, in der sich vom zerbissenen Kronkorken im Mund eines verwesten Toten bis zum Sägemuster am amputierten Arm eines Ermordeten alles Wesentliche auf unzweifelbare Ursachen zurückführen lässt. Der Rest ist Schweigen - und zwar das minutenlange Schweigen der mit komplizierten Analysen beschäftigten Hauptfiguren im Labor zu aufpeitschender Musik.

„Radikal neu“?

Hannes Jaenicke, der in seiner ersten Serienrolle in „Post Mortem“ als Dr. Daniel Koch den Chef des Kölner Instituts für Rechtsmedizin gibt, soll den größten Teil des Jahres in seiner Wahlheimat Amerika verbringen - und die Qualität des dortigen Fernsehens höher schätzen als die des deutschen. So lässt sich erklären, dass er im Hausinterview mit „rtl.de“ vom „radikal neuen Format“ der Serie schwärmt und für Leute, die auf anderen Planeten wohnen, hinzusetzt: „Das wird für den deutschen Fernsehzuschauer zunächst sicher ungewohnt . . . Wir wollten einfach etwas kreieren, das absolut anders ist als sieben Millionen andere Krimiserien.“ Wie bitte? Jaenicke unverdrossen: „Die RTL-Zuschauer werden ,Post Mortem' lieben, weil es anders daherkommt als jede Serie, die sie bisher geschaut haben.“

In Wirklichkeit ist „Post Mortem“ gar nicht riskant und neu. Die Serie ist jedoch auch mehr als eine platte Kopie. Sie muss sich nicht zu anderen Kopien auf die Liste der Lachnummern gesellen. Obwohl Handlungsmuster und alle erkenntnistheoretischen Unarten der Serie „CSI“ nachgezeichnet, obwohl Kamera und Schnittfrequenz (angeblich 1400 Schnitte in fünfundvierzig Minuten, das prüfe nach, wer kann) von der Echtzeitserie „24“ geborgt sind, behauptet sich „Post Mortem“ gegen die amerikanischen Vorbilder ganz wacker.

Wer vom wem abkupferte

Originalität könnte höchstens das Labordrama „Post Mortem - Der Nuttenmörder“ nach einem Buch von Petra Hammesfahr mit Thomas Rühmann als Gerichtsmediziner Dr. Marc Bender beanspruchen, das 1997 erfolgreichstes „TV-Movie“ von RTL war und dessen Idee, so der Sender, nun fortgeschrieben werde. Im amerikanischen Fernsehen CBS startete das Original von „CSI“ erst im September 2000. Sollte es sich dabei um den - im Übrigen gar nicht so seltenen - Fall der amerikanischen Fernsehadaption eines erfolgreichen ausländischen Formats handeln? Sollte etwa der Produktionsgigant Jerry Bruckheimer, bei RTL abgekupfert haben? Nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich.

Nicht nur für Freunde der zuckenden Kamera und der Hektik ist „Post Mortem“ ansehnlich. Die zwei Fälle pro Dreiviertelstunde sind solide, die Forensiker sind mit Sorgfalt gezeichnet, und sie dürfen, anders als in „CSI“, der Polizei (Tilo Nest als Kommissar Brandt) zuarbeiten wie im wirklichen Leben auch.

Wie weit das Abkupfern im deutschen Fernsehen um sich gegriffen hat, zeigt die erste Folge von „Post Mortem“ an einer einzelnen Szene. Als Assistenzarzt Peyn (Mirko Lang) angesichts der beunruhigenden Befunde seiner ersten Obduktion aus dem Gleichgewicht gerät, taucht er sein Gesicht in ein von unten gefilmtes volles Waschbecken, um es tropfnass herauszuheben. Mit exakt derselben Einstellung gab die „Tatort“-Folge „Schwarzes Herz“ Maria Furtwängler vor kurzem Gelegenheit, die Zerrissenheit ihrer Kommissarin darzustellen. In beiden Fällen ist der Regisseur Thomas Jauch. Es ist also strenggenommen gar keine Kopie, sondern ein Selbstzitat.

Ab heute jeweils donnerstags um 20.15 Uhr bei RTL.

Quelle: F.A.Z., 18.01.2007, Nr. 15 / Seite 36
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