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Country-Serie „Nashville“ : Sängerinnenkrieg und Saitenwechsel

  • -Aktualisiert am

Zwangsduett: Connie Britton (links) und Hayden Panettiere sind die Country-Königinnen in „Nashville“ Bild: Katherine Bomboy Thornton/ABC

Konkurrenzkampf, echte Gefühle und gute Musik jenseits der Klischees: Das exzellente Country-Drama „Nashville“ schlägt die richtigen Töne an.

          Beim Duett kannst du nicht lügen. Das ist eine der wichtigen Lektionen dieser Serie. Wenn Rayna und Deacon, die berühmte Country-Sängerin und ihr Gitarrist und ehemaliger Liebhaber, in einem kleinen Club ein Ständchen geben, zwei Menschen auf Barhockern, ein paar simple Akkorde und der Refrain: „Ich weiß, warum du so einsam bist, / weil niemand dich so lieben wird wie ich“, wenn Pop also ganz einfach wird und sich damit aufschwingt zu einer Raffinesse, die man aus Beatles-Songs kennt und bei der man sich immer fragt, warum einen diese Melodien immer noch bewegen, wenn dies alles zusammenkommt, dann gibt es so etwas wie Wahrheit, Erkenntnis, Versöhnung.

          Countrymusik als moralische Anstalt? Das klingt nach Kitsch oder, im besseren Fall, als hätten sich die Cowboys von der Southfolk-Ranch Steel Guitars geschnappt und vom besseren Leben jenseits des Kapitalismus gejodelt. Aber hier findet die romantische, mit Musik kommentierte und in Gang gebrachte Begegnung eben nicht im ideologiebereinigten Idyll statt, sondern inmitten heftigster Verteilungskämpfe. Rayna (Connie Britton) dümpelt im Karrieretief, ihre Platte floppt, die Tourneetickets bleiben liegen. Die Plattenfirma schlägt deshalb gemeinsame Auftritte mit Juliette (Hayden Panettiere) vor, einem zwanzig Jahre jüngeren Popsternchen mit dem Geschäftssinn von Donald Trump und dem Ehrgeiz von Machiavelli. Da steht ein Ressourcenkrieg an, der sich auch aufs Private ausdehnt: Der besagte Gitarrist (Charles Esten) ist auch ein genialer Songschreiber, das Starlet will ihn der Konkurrentin ausspannen.

          Mit dokumentarischer Lässigkeit gespielt

          Bis jetzt wäre alles noch Holzschnittdramaturgie, ein bisschen Marktkritik und dazu dieser verkappte Sexismus, der in vielen Hollywoodproduktionen grassiert, wo man Frauen um die vierzig bei der zweiten Karriere zeigt, sie letztlich aber nur als Kontrastfigur benutzt, um junge Stars in Szene zu setzen. Aber die Autorin und Produzentin Callie Khouri, die für „Thelma & Louise“ einen Drehbuchoscar erhielt, hat diese simplen Konfliktmuster gehörig durcheinandergebracht. Juliette, das zeigt sich schon in den ersten Folgen, hat sehr wohl eine höhere Agenda, und die Art, wie sie dem Gitarrero nachstellt, beweist, dass es ihr um die Erfüllung künstlerischer Träume, nicht um die Steigerung von Zielgruppenkontakten geht.

          Rayna andererseits trägt ihre artistische Redlichkeit vor sich her wie einen Grammy, schikaniert ihre Entourage und lügt sich eine kaputte Ehe zurecht. Dass ihr Mann ausgerechnet vom mächtigen Schwiegervater (mit Wolfsgrinsen der bessere J. R: Powers Boothe) für politische Zwecke eingespannt wird, macht die Lage noch vertrackter.

          Connie Britton spielt Rayna mit einer Lässigkeit, die man dokumentarisch nennen könnte; dieser Darstellungsstil prägte auch die großartige Sportserie „Friday Night Lights“. Da war sie fünf Staffeln lang die Frau eines texanischen Football-Coachs, ein Eheporträt, wie man es bis dahin noch nicht im Fernsehen gesehen hatte. Wer die Notlagen der in Arbeits- und Konkurrenzverhältnisse eingespannten Geschlechter verstehen möchte, kann hier nachschauen.

          So ein Song hat Konsequenzen

          Für „Nashville“ hat Connie Britton ihren Western-Akzent in einen Southern Brawl, in den zerdehnten Singsang des Südstaatenamerikanisch verwandelt. Die Szene, in der sie ihrem Musikverleger den Laufpass gibt, weil der sie als Sollbruchstelle der Bilanzen abkanzelt, das ist allein schon einen Emmy wert. Wie sie „Noooo!“ sagt - man muss es im Original hören, es klingt wie ein Instrument, dessen Saiten gerade eine Oktave tiefer gestimmt werden. Sprachmusik, die nur eine großartige Darstellerin zustande bringt.

          Hayden Panettiere (aus der Fantasy-Serie „Heroes“) gibt die Luderfassung von Taylor Swift, mit Geishalächeln und gefährlich glitzernden Augen. Aber das ist ihr Businessoutfit, wir sehen sie dann auch verkrochen im Wandschrank, weinend, weil die Junkiemutter sie wieder anruft und Geld haben will.

          Im Country singen sie nicht nur von verlorenen einsamen Seelen, sie sind welche. Überhaupt das Genre: Mit Banjogezupfe und Mundharmonika-Frohsinn hat das nichts mehr zu tun. Die Musik hat sich zu einer klassischen Folklore entwickelt, die sich in alle möglichen Richtungen modernisieren lässt. Elvis Costello hat Songs zur Serie beigetragen, und so klingt das dann auch: wie wunderbar orchestrierte Prosa, die das Gezeigte ergänzt und befördert. Nach dem Duett schauen sich die einstigen Liebhaber in die Augen und wissen: So ein Song hat Konsequenzen. „Wir hätten das nicht singen sollen“, sagt Rayna. Und wir denken: Aber ja doch! Und freuen uns auf die nächste Folge.

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