24.08.2006 · Es wäre langweilig, wenn man den Filmklassiker „Der Pate“ einfach nur am Computer nachspielen würde. Deshalb kann sich jeder seinen eigenen Charakter schaffen, um als neues Mitglied im Clan von Don Corleone aufgenommen zu werden.
Von Andreas RosenfelderDaß Francis Ford Coppola nicht amüsiert war über dieses Spiel, heißt nicht viel. Homer hätte ja auch kein Videospiel abgesegnet, das zwar die Schlüsselszenen aus der „Ilias“ übernähme, den Spieler aber in die Haut eines namenlosen Sandalenkriegers schlüpfen ließe, welcher sich durch Anschleich-Missionen, Diskuswurf-Wettbewerbe und Götter-Bestechungen an die oberste Spitze des griechischen Heers schlawinern müßte.
Die Erhabenheit aller Epen geht nun einmal flöten, wenn der Betrachter in die Niederungen des Heldenlebens hinabsteigt. Was aber nicht weiter schlimm ist, denn Computerspiele leben weniger von weitgespannten Handlungsbögen, als von der Anziehungskraft der nächsten Aufgabe. Nervt diese den Spieler zu sehr, so bricht er die Geschichte einfach ab - weshalb viele epische Spiele das Schicksal des „Ulysses“ von James Joyce teilen und im Regal verschwinden, bevor die Hälfte bewältigt ist.
Spieler kreiert sich selbst
Bevor man also mit Coppola einen Frevel wittert, sollte man überprüfen, ob sich der Stoff seines Meisterwerks „Der Pate“ von 1972 überhaupt für eine „Versoftung“ eignet. Und das tut er hervorragend. Die Strukturen der Mafia bieten ein perfektes Gerüst für das Genre des schmutzigen Aufsteigerspiels. Und der mafiöse Alltag wirft mit Schutzgelderpressung, Auftragsmord, Bestechung und Bankraub genug Missionen ab. Es zeugt von der Klugheit der Entwickler, daß sie die Originalhandlung in den Hintergrund rückten und überwiegend in Form von Videosequenzen einbauten - etwa wenn Don Corleone, ganz mit Marlon Brandos hängender Mimik versehen, bei der Hochzeit seiner Tochter im abgedunkelten Zimmer die Bittsteller empfängt.
Nichts wäre öder, als ein noch so gutes Drehbuch nachzuspielen. Insofern paßt selbst die aus rechtlichen Zwängen getroffene Entscheidung, dem Spieler nicht - wie ursprünglich geplant - die Rolle des Michael Corleone und damit das Gesicht von Al Pacino zu verleihen, sondern ihn als unbeschriebenes Blatt in den Clan aufzunehmen. So bastelt man sich seinen Charakter selbst zusammen - von der Kieferausprägung über die Augenringe bis hin zur Schulterbreite läßt sich der Held modellieren, je nach Geschmack als aus dem Smokinghemd platzender Schrank oder als schwindsüchtiger Schönling im Zweireiher.
Im Kolorit der Nachkriegsjahre
Ansonsten hält sich die Individualität des Protagonisten allerdings in den gattungsüblichen Grenzen. Die 20-Millionen-Dollar-Produktion folgt ganz dem Muster der Serie „Grand Theft Auto“, in Amerika wegen eines etwas albernen Streits um sexuelle Inhalte in Verruf geraten. Auch in den „GTA“-Spielen schlug man sich als kleine Nummer durch eine korrupte Metropole, wobei die Faszination auf der Idee der „Open World“ beruhte. So konnte der Spieler die Aufträge dubioser Unterweltgrößen ausführen und mit Bienenfleiß seine Verbrecherkarriere vorantreiben - er konnte aber auch alle Pflichten in den Wind schlagen, schicke Limousinen kapern und nach Lust und Laune durch die Gegend kreuzen, wo an jeder Ecke kleine Abenteuer und Nebenjobs lauerten.
Während „GTA“ aussah wie ein Untergrund-Comic, baut „Der Pate“ das New York der Nachkriegsjahre als offene Welt nach. Auch wenn die Häuser in Little Italy, Midtown, Brooklyn und New Jersey ein wenig nach Modellbauten aussehen, trägt das Spiel viel Zeitkolorit auf - von Passanten, die über Truman plaudern, über die Schwarzweißfotos in den Schaufenstern bis hin zu Fetzen von Ella-Fitzgerald-Schlagern. Und immer wieder läuft im Hintergrund die unvergeßliche Filmmusik von Nino Rota und verbreitet das fatalistische Grundgefühl des Mafiafilms.
Als Neuling im Clan
Nach einer Einweisung in die Gesetze der Straße, übernommen vom dicken Luca Brasi aus dem Originalfilm, steht der Spieler auf eigenen Füßen. Als Neuling im Stab der Corleones kann er nun die Hauptmissionen abarbeiten, die zum Teil aus dem Film stammen - etwa, wenn es darum geht, dem Sänger Johnny Fontane einen Vertrag beim Produzenten Jack Woltz zu verschaffen, indem man einen Pferdekopf ins Bett des Impresarios legt. Er kann aber auch durch Erpressungen sein Einkommen verbessern, das wiederum in Edelanzügen oder Dynamitstangen angelegt werden kann.
Bald schon blinken auf der Übersichtskarte überall Symbole, und Terminstress bricht aus: Einerseits hat man ein Rendezvous mit dem Familienfreund Clemenza in der „Falconite Bar“, andererseits muß man einen Konkurrenten namens Mikey Salieri um die Ecke bringen. Nebenbei soll man noch in Hinterzimmern illegale Spielhallen aufstöbern, an denen die Corleones mitverdienen könnten. Manchmal klaut man da zur Besinnung einfach einen Oldtimer, brummt über die Manhattan Bridge nach Brooklyn und über die Brooklyn Bridge zurück. Oder man läuft im Morgengrauen zu Fuß durch die Bowery, schreckt Taubenschwärme auf und betrachtet die Silhouette des Empire State Buildings.
Mord nur eine Erledigung
Aber man ist ja nicht zum Spaß unterwegs, und so umwerfend ist die Graphik von „Der Pate“ dann auch wieder nicht. Mafiaboss wird man nur auf die knallharte Tour. Schlägereien auf Friedhöfen oder in Hinterhöfen, in der Regel so leicht zu gewinnen wie in einem Bud-Spencer-Klopper, gehören zu den harmlosen Übungen - auch wenn man gestrauchelten Gegnern nicht aus Höflichkeit wieder auf die Beine hilft, sondern nur, um sie gegen einen Grabstein oder eine Mülltonne zu schleudern.
Zu den unangenehmeren Erfahrungen in „Der Pate“ gehört, daß man bisweilen sogar einer Barbesitzerin - alle Kavalierstugenden vergessend - eine Ohrfeige verpassen muß, wenn das Mobiliar bereits in Trümmern liegt und die Dame ihren Schuppen trotzdem noch nicht unter den Schutz der Familie stellen will. Zu Recht hat das Spiel keine Jugendfreigabe, denn als Mafiosi schickt man seine Intimfeinde nun einmal über den Jordan - wozu sogar eine fiese Exekutionstaste bereitsteht, die je nach Situation eine Tötung durch Genickbruch oder Erdrosseln auslöst.
Natürlich ist der Mafia-Film, ähnlich wie das Hongkong-Movie, ein grausames Genre - und ohne kaltblütige Brutalität hätte die Umsetzung entschieden das Thema verfehlt. Die Tragik, welche die Gewaltakte bei Francis Ford Coppola umweht, kann das Videospiel allerdings nur in den Skriptsequenzen vermitteln. Ansonsten ist Mord hier nur eine Erledigung auf der überquellenden To-Do-Liste. So wird in „Der Pate“, wo sich die Missionen leider auf Dauer sehr stark ähneln, irgendwann sogar das Töten ein wenig langweilig.