26.05.2008 · Der Comic-Salon Erlangen, die größte Leistungs- und Verkaufsschau der hiesigen Szene, will seinem Genre den Weg ins Museum bahnen. Auf die ewige Frage, ob die Bildgeschichten nun Literatur sind, fällt ihm die Antwort schwer.
Von Jan-Frederik BandelSpontaner Applaus für Hendrik Dorgathen im großen Raum der Städtischen Galerie Erlangen. Der Comiczeichner und Illustrator hat eine Idee: Was, wenn sich die Stadt das erste Comicmuseum im deutschsprachigen Raum leisten würde? Die Exponate, setzt er hinzu, dürften sich vergleichsweise günstig erwerben lassen. Schließlich arbeiteten die Zeichner für die Reproduktion und dürften sich freuen, wenn ihnen jemand die Originalzeichnungen abnehme, die sich bei ihnen bloß in den Regalen stapelten.
Solche Überlegungen stießen während des dreizehnten Internationalen Comic-Salons in Erlangen auf große Resonanz. Schließlich ist das Festival nicht nur die größte Leistungs- und Verkaufsschau der hiesigen Comicszene, seine Macher verstehen sich auch als Verteidiger der Bildgeschichten wider ihre Verächter. Wie ermüdend allerdings die Rhetorik der Comic-Apologeten inzwischen wirkt, konnte man bei einer Podiumsdiskussion über „Comics und Literatur“ erfahren. Der Medienwissenschaftler Herbert Heinzelmann wusste zu berichten, dass nun endlich eine Diskussion von Comics im literarischen Kontext beginne - als beschäftigten sich Literaturwissenschaftler und -kritiker nicht seit Jahren mit Bildgeschichten verschiedenster Art. Als hätten auch innerhalb der Comicszene in den letzten zwanzig Jahren keinerlei Entwicklungen stattgefunden. Und als sei mit terminologischer Jonglerie à la „Autorencomic“, „grafischer Roman“ oder „Erwachsenencomic“ schon etwas Substanzielles gesagt.
Kein Grund zum Neid für die schreibende Zunft
Erfrischend jedenfalls die Replik des Schriftstellers Thomas von Steinaecker, selbstverständlich stünden Comics in ihrer hochkomplexen Kombination von Bild und Text weit über der herkömmlichen Literatur. Grund zum Neid bestehe für die schreibende Zunft aber bis auf weiteres nicht, verstehe es doch kaum ein Comiczeichner, dieses Potential des Mediums auch nur annähernd auszuschöpfen.
Das einst gewiss so notwendige wie ehrenwerte Bestreben, die Bildgeschichte wider den Vorwurf des Minderwertigen zu verteidigen, ist längst nur noch Reflex und Ritual ihrer intellektuellen Liebhaber. Natürlich empörten sich viele keineswegs nur konservative Zeitgenossen über Schmutz und Schund, als in den fünfziger und sechziger Jahren die Abenteuerheftchen von Hansrudi Wäscher erschienen. Und natürlich steht es einer Institution wie dem Comic-Salon wohl an, den deutschen Comicpionier zu seinem achtzigsten Geburtstag mit einer Ausstellung und einem Spezialpreis zu ehren. Aber ist es wirklich das Hauptverdienst des Schöpfers von Sigurd, Akim und Nick dem Weltraumfahrer, für die „Akzeptanz des grafischen Erzählens“ gefochten zu haben, wie Festivalleiter Bodo Birk in seiner Laudatio erklärte?
Die Bildergeschichte vom Stigma fragwürdiger Kinderlektüre befreien
Man darf vermuten, dass der junge Zeichner in den Fünfzigern daran ebenso selten dachte wie der freundliche alte Herr, der bei der Entgegennahme des Preises erklärte, schon lang keine Comics mehr in die Hand zu nehmen. Es gebe doch so viel gute Literatur, die man in seinem Alter lesen wolle.
Komplizierter ist die Lage bei Hendrik Dorgathen, der sich ebenfalls mit der Frage konfrontiert sah, ob er in seiner Arbeit den Comic nicht bewusst in einen Kunstkontext zu stellen versuche. So nonchalant er erwiderte, die Unterscheidung zwischen „High“ und „Low“ sei doch nicht minder ausgemachter Unsinn wie das Naserümpfen der „Hardcore-Comicfans“ über seine eigensinnigen Bilder und Bildgeschichten - Dorgathens Bildsprache ist eindeutig von jener Bewegung geprägt, die gemeinhin als „Comicavantgarde der neunziger Jahre“ zusammengefasst wird.
Gemeinsam mit Atak, Martin tom Dieck und Anke Feuchtenberger, die in diesem Jahr als beste deutsche Comic-Künstlerin mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet wurde, experimentiert Dorgathen seit Anfang der Neunziger an der Grenze von Comic, Illustration und freier Kunst - durchaus auch mit der Absicht, die Bildergeschichte vom Stigma fragwürdiger Kinderlektüre zu befreien.
Roy Lichtensteins Haltung gefällt mir überhaupt nicht
Die Souveränität, mit der junge Zeichnerinnen und Zeichner hierzulande heute Comics produzieren, wäre undenkbar ohne die Wühlarbeit ihrer Vorgänger in den Neunzigern - auch wenn sie sich davon vielleicht genauso weit entfernt haben wie die Künstler der Neunziger von der Pop-Art der Sechziger, die sich ohne eingehendes Interesse am Medium des Pulp-Reservoirs der Comichefte bediente. Roy Lichtenstein etwa habe sehr beachtliche Bilder gemalt, so Dorgathen, „aber seine Haltung gefällt mir überhaupt nicht“.
Wenig erstaunlich also, dass er in diesem Jahr einen Preis initiiert hat, mit dem Comicarbeiten ausgezeichnet werden, die aus studentischen Projekten hervorgehen. Schließlich stammen die interessantesten deutschsprachigen Bildgeschichten der letzten zehn Jahre von Absolventen der Illustrationsstudiengänge. Selbstverständlich ist das Medium für die jungen Zeichner nicht zuletzt, weil sie bei Comickünstlern studiert haben - etwa bei Feuchtenberger in Hamburg oder bei Dorgathen in Kassel.
Chinesische Comics sollen subtiler sein
Ungeachtet aller Rhetorik ist man in Erlangen jedoch weit entfernt von der Musealisierung des Comics, deren Hauptaufgabe in der noch ausstehenden Aufarbeitung der Geschichte und Gegenwart seines Genres bestünde. Die Hauptausstellung des diesjährigen Festivals „Manhua - Comic im China von heute“ etwa lässt den Besucher eher ratlos zurück. So populistisch die Ausstellungsinszenierung geraten ist, die mit Bambus, Laufstegen und Kugellampen exotistische Asienklischees bedient, so wenig erfährt man letztlich über die chinesische Comicszene. Einzelne Arbeiten, für den ungeschulten Blick trotz der ungewohnten Farbigkeit oft kaum von den international verbreiteten japanischen Mangas zu unterscheiden, hängen nebeneinander, die einzige Hintergrundinformation bilden kurze biographische Angaben zu den einzelnen Künstlern.
Auch beim begleitenden Podium blieben viele Fragen offen. Was denn das mehrfach angeführte „Chinesische“ an den Manhuas sei, wurde der bekannte Zeichner Yao Fei La gefragt. Sie seien subtiler erzählt als die japanischen Mangas, erwiderte er. Statt „A liebt B, der C liebt, die A liebt“ beschränke man sich in China auf „A liebt B“. Eine ausgeprägt ästhetische Bestimmung ist das nicht - und ganz gewiss keine, die sich den ausgestellten Einzelseiten und Bildern entnehmen ließe. So bleibt es also dabei: Comics muss man lesen, um sie zu begreifen. Ob von links nach rechts oder von rechts nach links.