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Comedy-Schmiede Brainpool Alles muss man selber lachen

01.04.2008 ·  Wenn es lustig wird im Fernsehen, liegt das meistens an der Produktionsfirma Brainpool und ihrem Comedy-Clan. Manchmal aber ist es kaum zu unterscheiden: Wer darf auftreten, weil er lustig ist, und wer bloß deshalb, weil er unter Vertrag steht?

Von Peer Schader
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Der nächste Fernsehstar kommt aus dem Internet, da ist sich Jörg Grabosch ziemlich sicher. Woher auch sonst? „Die neue Generation der Comedians steht nicht automatisch bei Stefan Raab im Studio, sondern irgendwo auf einer kleinen Bühne oder mit einem eigenen Video im Internet. Diese Leute zu finden - das ist unsere Aufgabe.“ Grabosch ist Geschäftsführer der Kölner Produktionsfirma Brainpool, die mit Stefan Raab, Anke Engelke, Bastian Pastewka, Oliver Pocher und Mario Barth zusammenarbeitet. Und er sagt: „Man muss immer auch den nächsten Mario Barth haben.“

Der nächste Mario Barth - das klingt, als würde Pro Sieben bald eine Show draus machen. Aber erst mal braucht es geeignete Bewerber. Vor kurzem hat Brainpool im Netz die Videoplattform Myspass.de gestartet. Wenn mal wieder nichts im Fernsehen läuft, kann man sich dort Brainpool-Produktionen wie „Stromberg“ oder „Pastewka“ noch mal in voller Länge ansehen. Viel wichtiger ist aber, dass jeder, der glaubt, er könne andere zum Lachen bringen, künftig sein eigenes Video hochladen soll. Womöglich ist ja ein Star dabei. So funktioniert Talentsuche im Jahr 2008: Man muss gar nicht mehr suchen.

Sie machen es einfach

Früher standen die jungen Leute, die unbedingt zum Fernsehen wollten, beim Musiksender Viva Schlange, wo hätten Raab oder Pocher denn sonst auch was werden sollen? „Heute setzen sich die Zuschauer selbst in Szene“, sagt Grabosch. „Sie drehen mit ihren Kameras, stellen das ins Netz und müssen niemanden fragen, ob das lustig ist. Sie machen es einfach.“

Grabosch muss auch niemanden mehr fragen. Na ja, fast niemanden. Seit der Gründung vor vierzehn Jahren ist Brainpool zu einer der wichtigsten deutschen Produktionsfirmen geworden. Das ist erst einmal erfreulich, weil man das Gefühl hat, dass es dort noch nicht verboten ist, gute Ideen zu haben, die dann auch umgesetzt werden und nicht an irgendwelchen übellaunigen Marktforschern scheitern oder daran, dass einer sagt: Das ist aber zu frech, zu laut, zu unkonventionell. Als Stefan Raab vor anderthalb Jahren zum ersten Mal in einer mehrstündigen Live-Show gegen einen Zuschauer antrat, der eine halbe Million gewinnen konnte, galt die Samstagabendunterhaltung fürs junge Publikum als erledigt. „Schlag den Raab“ hat den Gegenbeweis angetreten.

Die einzigen beiden Preise

Im vergangenen Jahr wurde das mit dem Deutschen Fernsehpreis belohnt, dieses Jahr mit der Goldenen Kamera. Und bei der Verleihung des Grimme-Preises in Marl räumt Brainpool am Freitag gleich beide Auszeichnungen in der Kategorie Unterhaltung ab: einmal für die Sat.1-Parodie „Fröhliche Weihnachten mit Anke Engelke und Bastian Pastewka“, zum anderen für die Pro-Sieben-Serie „Dr. Psycho“ mit Christian Ulmen, die leider mehr Fans als Zuschauer hat.

Es ist also doch noch möglich, Fernsehunterhaltung nicht bloß aus dem Ausland zu kopieren oder das zu wiederholen, was schon hundertmal da war. Manchmal muss man einfach ausprobieren, selbst wenn sich dann nicht gleich Quotenrekorde brechen lassen. Brainpool ist ganz gut im Ausprobieren - und das bedeutet, dass auch ziemlich viel danebengeht. Erinnert sich noch jemand ans „RTL Promi-Boxen“? „Witzig ist Witzig“? „Freispruch - Die Comedy-Jury“? Oder die furchtbare Kuppelshow „Der Bachelor“? Besser nicht.

Regelmäßige Abfallprodukte

Auch heute entstehen regelmäßig Sendungen, die weit davon entfernt sind, Grimme-Preise zu gewinnen: Abfallprodukte wie „Elton vs. Simon“, in der „TV Total“-Spezi Elton mit Kumpel Simon Gosejohann vor der Wackelkamera Kindergeburtstag spielt, oder „Mario Barth präsentiert die besten Comedians Deutschlands“, bei dem schon die Hälfte des Titels gelogen ist, oder die Sat.1-„Sketch News“, die jüngste Variante witzig gemeinter Nachrichtenparodien.

Wer in dieser Branche Geld verdienen will, darf sich dabei um Himmels willen nicht bloß auf gute Ideen verlassen! Gute Ideen sind selten mehrheitsfähig, platte Witze schon. Deshalb ist die Junge-Familien-Comedy „Kinder, Kinder“ bei RTL mit ihren fein beobachteten Alltagsabsurditäten gefloppt, während Mario Barth mit Witzen über Frauenhandtaschen demnächst das Berliner Olympiastadion vollkriegt. „Das ist Popkultur“, sagt Grabosch. „Ein Mann mit einem Mikro steht auf der Bühne, und die Leute haben einen guten Abend - das ist doch super!“

Freie fragt man besser nicht

Brainpool hat einen guten Ruf in der Branche. Selbst ehemalige Kollegen, die heute für die Konkurrenz arbeiten, sind voller Anerkennung. Nur freie Comedy-Autoren fragt man besser nicht, weil die, wenn sie gerade nicht für Grabosch arbeiten, es vielleicht noch wollen. Ganz geheuer ist einem Brainpool aber längst nicht mehr, dazu ist die Firma zu groß und zu mächtig. Man muss nur mal daran denken, was Pro Sieben ohne Brainpool wäre, also: ohne Stefan Raab. Unvorstellbar.

Grabosch betont gern, wie wichtig es ihm und seinen Kollegen ist, Fernsehen zu machen, das ihnen selbst gefällt. Wie wenig Spaß er dabei versteht, sagt er nicht dazu. Aber vor anderthalb Jahren hat das selbst der amerikanische Medienriese Viacom zu spüren bekommen. Dessen MTV-Gruppe hatte im Jahr 2004 den Konkurrenten Viva übernommen und mit ihm auch Brainpool, das damals zu Viva gehörte. Viacom konnte mit Brainpool nichts anfangen, Brainpool nichts mit Viacom. „Für diesen Riesenkonzern waren wir wie die Außenstelle Nowosibirsk-West. Als kleine Produktion existiert man da gar nicht“, erinnert sich Grabosch.

Zielvorgaben fremder Leute

Es gibt unterschiedliche Versionen, wie es dann dazu kam, dass Brainpool wieder zurück in die Eigenständigkeit strebte. Grabosch sagt, dass es ihm gestunken habe, Zielvorgaben von Leuten zu bekommen, die er in seinem Leben noch nie gesehen hat: „Den Einfluss merkt man so richtig, wenn das erste Mal ein Plan ins Haus kommt, wie viel Geld man im nächsten Jahr zu verdienen hat. Die Summe kann furchtbar unrealistisch sein, aber das interessiert nicht. Es wird einfach eine Zahl hingeschrieben, weil ein Controller in London einem Finanzanalysten erklärt hat, wie viel im Konzern eingespart oder dazuverdient werden muss.“ Und dann gab es unterschiedliche Ansichten, wie Brainpool beim neuen Sender Comedy Central involviert werden sollte. Grabosch hätte den gerne in Eigenregie gestemmt. Viacom wollte Comedy Central lieber der MTV-Zuständigkeit unterstellen. So ist es dann auch passiert. Und Grabosch hat gemeinsam mit seinem Geschäftsführungskollegen Ralf Günther die Konsequenzen daraus gezogen und gekündigt - um Brainpool zurückzukriegen.

Das ging so: Um seine Stars an sich zu binden, ist Brainpool in der Regel an deren eigenen Firmen beteiligt, so wie bei Stefan Raabs Produktion Raab TV, die etwa „TV total“ verantwortet. Steht ein Wechsel in der Brainpool-Geschäftsführung an, haben die Künstler ein Sonderkündigungsrecht, von dem Raab damals genauso wie Anke Engelke prompt Gebrauch machte. Viacom hatte keine große Wahl: entweder zulassen, dass das Management Brainpool zurückkauft, oder eine Firma behalten, die keine Chefs und keine Stars mehr hat. Da werden selbst die Controller gestaunt haben. Grabosch sagt: „Es ist ziemlich angenehm, sich vor Entscheidungen nicht mit London oder New York abstimmen zu müssen.“ Man sieht ihm an, wie stolz er auf den Coup ist.

Ohne Konzern im Rücken

Seit vergangenem Jahr ist Brainpool nun wieder solo, ohne großen Konzern im Rücken, und das ist zumindest in der deutschen TV-Branche eine Seltenheit. Raab ist als Gesellschafter eingestiegen und Grabosch auf Einkaufstour gegangen: Seit einigen Monaten arbeiten die Autoren Chris Geletneky („Ladykracher“, „Pastewka“) und Ralf Husmann („Stromberg“) als Mitglieder der Geschäftsführung fest für Brainpool. Im Herbst wurde Klaus-Jürgen Deusers Firma D'nA Productions übernommen, von der die Stand-up-Show „Nightwash“ stammt, ausgerechnet eines der Aushängeschilder von - Comedy Central. Es ist zwar nicht so, dass Brainpool in Deutschland Comedy-Monopolist wäre, immerhin versuchen sich auch noch andere in diesem Genre. Aber wenn es irgendwann so käme, hätte Jörg Grabosch sicher nichts dagegen.

Als eine der wenigen Produktionsfirmen behält Brainpool meist die Rechte an den zugelieferten Shows, obwohl es in der Branche üblich ist, dass die Sender die in einem sogenannten „Total Buy-out“ mitkaufen - oder eben den Auftrag zurückziehen. Brainpool vermarktet DVDs, organisiert Comedy-Veranstaltungen, stellt Künstlern das Management und bewirbt all das über „TV total“, eine als Late-Night-Show verkleidete Vermarktungsmaschine, in der es längst nicht mehr darum geht, die lustigsten TV-Schnipsel zu kommentieren, sondern bestmöglich die eigenen Stars, deren Platten oder Tour-Auftritte zu promoten, wenn gerade mal nicht die übrigen Stars, Platten und Tour-Auftritte von Pro Sieben promotet werden.

Neun Jahre „TV total“

Manchmal ist es schwer auseinanderzuhalten: Wer steht bei Raab auf der Bühne, weil er lustig ist und wirklich was kann? Und wer hat bloß bei Brainpool einen Managementvertrag? Und bald: Wer hat bei Myspass.de einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Aber natürlich ist es müßig, das einer Industrie vorzuwerfen, die genau davon lebt: möglichst viel Aufmerksamkeit für sich zu erzeugen.

Eine kleine Frischzellenkur täte Brainpool derzeit ganz gut, weil man sich doch sehr daran gewöhnt hat, sich auf die Stars mit Format zu verlassen, die schon jeder kennt. Stefan Raab moderiert „TV total“ inzwischen im neunten Jahr. Mit Anke Engelke entsteht wieder eine neue Sketchreihe für Sat.1. Oliver Pocher ist zur ARD gewechselt. Es wird schon getuschelt, die nächste „Stromberg“-Staffel mit Christoph Maria Herbst könnte die letzte sein. Und was kommt dann?

Dann kommt Grabosch mit dem nächsten Mario Barth, natürlich.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 33
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