26.09.2007 · Womöglich hat genau die internationale Ausrichtung des Festivals die Landesregierung bewogen, ihren Zuschuss von 300.000 Euro auf 50.000 Euro zu reduzieren: Die „Cologne Conference“ sucht das beste Fernsehen der Welt.
Von Gisa FunckEs war kein leichtes Jahr für Martina Richter und die „Cologne Conference“. Doch beim Interview lächelt die Direktorin des Kölner Fernsehfestivals und verliert kein schlechtes Wort über neue Konkurrenz oder gekürzte Gelder. „Wir mussten massive Einsparungen vornehmen“, sagt sie. Schickt aber sofort hinterher, wie sehr sie sich über das Engagement ihrer „Branchenpartner“ freue. Gemeint ist die finanzielle Hilfe durch ortsansässige Sender und Produktionsfirmen und die Stadt Köln, die das Festival mit 200.000 Euro unterstützt. Das ist doppelt so viel wie zuvor.
Nicht unbegründet trieb die Kommune die Angst, das Festival könne abwandern, nachdem es im Mai 2006 zum Krach gekommen war. Bis dahin war die „Cologne Conference“ ein Herzstück des „Medienforums“ - des nordrhein-westfälischen Branchentreffs, der in den neunziger Jahren zum unübersichtlichen Massenauflauf wurde. Im letzten Jahr war das Titelpatronat von „Spiegel TV“ Anlass, sich endgültig zu trennen. Seither hat Köln zwei ambitionierte Medienkongresse, deren Veranstalter jedoch neuerdings darauf pochen, keine Rivalen zu sein.
Abgründiger als die „Lindenstraße“
Die „Cologne Conference“ will abermals innovatives Fernsehen zeigen, vor allem aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Womöglich hat genau die internationale Ausrichtung des Festivals die Landesregierung bewogen, ihren Zuschuss von 300.000 Euro auf 50.000 Euro zu reduzieren. In diesem Jahr entfällt das Talentforum für Nachwuchsfilmer. Die beiden Top-Ten-Reihen des Festivals unterscheiden sich nun der Machart nach und nicht mehr nach dem Genre: Zehn eher konservative Produktionen treten gegen zehn experimentell aufgemachte Filme an, zu denen auch das in Cannes preisgekrönte Porträt „Control“ gehört, das am Freitag den TV-Spielfilm-Preis für den besten Beitrag erhält.
Dieses Regiedebüt des niederländischen Fotografen Anton Corbijn blickt in Schwarzweißbildern auf das kurze Leben des Joy-Division-Gitarristen Ian Curtis zurück, der mit 23 Jahren Selbstmord beging. Auch die Auswahl in der Spielfilm- und Doku-Reihe durchweht der kalte Hauch des Schicksals. Von Sterbehilfe, Kindverlust, Afghanistan-Krieg oder dem Abstieg eines Wunderkindes zum Psychiatrie-Patienten ist die Rede. Den Eröffnungsfilm, die erste Episode der britischen Serie „The Street“, könnte man als nordenglische Tragödien-Ausgabe der „Lindenstraße“ begreifen. „The Street“ zeigt eine Wohnsiedlung voller geplagter Durchschnittsbürger, deren Nöte allerdings um einiges abgründiger ausfallen, als man es von Mutter Beimer & Co. gewohnt ist. Wie schon in der Serie „Cracker“ (sie lief bei uns unter dem Titel „Für alle Fälle Fitz“) dient dem Autor Jimmy McGovern das Serienformat zu unterhaltsamer Gesellschaftskritik.
Der Superheld als netter Nachbar von nebenan
McGoverns amerikanischer Kollege Tim Kring geht hingegen in seiner Serie „Heroes“ den umgekehrten Weg. Er beschwört nicht das Außergewöhnliche in der Durchschnittsexistenz, sondern das Durchschnittliche im geborenen Superhelden. Seine Episoden handeln von Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, denen ihre Besonderheit jedoch ziemlich unangenehm ist. Da ist etwa der Krankenpfleger Peter Petrelli (Adrian Pasdar), der plötzlich fliegen kann, ohne zu wissen, was er damit anfangen soll. Oder die Cheerleaderin Claire Bennett (Hayden Panettiere), die sich immer wieder absichtlich von meterhohen Gerüsten stürzt oder in brennende Flammen wirft, um jedes Mal enttäuscht zu sein, dass sie sich nie ernsthaft verletzt.
Der Superheld als netter Nachbar von nebenan und eine Erzählstruktur, bei der die Auserwählten erst allmählich zueinanderfinden: das macht den Reiz der Serie „Heroes“ aus, die mit durchschnittlich vierzehn Millionen Zuschauern pro Folge im vergangenen Jahr in Amerika zum erfolgreichsten Fernsehdebüt gekürt wurde. Vom 10. Oktober an läuft sie bei RTL 2.
Seelische Schlitterpartie
Noch ohne Sendetermin, aber mit hoffentlich guten Chancen, es auf den hiesigen Bildschirm zu schaffen, sind die zwei deutschen Beiträge des Festivals. Zum einen die Dokumentation „Spielverderber“ von Georg Nonnenmacher und Henning Drechsler, die sich Deutschlands Lieblingssport Fußball einmal aus ungewöhnlicher Sicht annähert: nämlich aus der Perspektive von drei Schiedsrichtern verschiedenen Alters und unterschiedlicher Spielklassen. Zum anderen das Familiendrama „Zeit zu leben“, bei dem Matti Geschonneck Regie geführt und Hannah Hollinger das Drehbuch geschrieben hat.
Ein bewährtes Team, wenn es um die Schilderung seelischer Schlitterpartien geht. Auch für die Forscherin Annabel (Maja Maranow) verändert sich in „Zeit zu leben“ alles in einem einzigen Augenblick, als sie bei einem Elternbesuch erfährt, dass ihr Vater (Friedrich von Thun) unheilbar an Krebs erkrankt ist und zusammen mit der Mutter (Nicole Heesters) freiwillig in den Tod gehen will. Was wie ein Aufklärungsstück zur Sterbehilfe beginnt, entwickelt sich unverhofft zum Psychokrimi, nachdem der Vater, aber nicht die Mutter den Gang zum Sterbearzt überlebt.