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Veröffentlicht: 04.10.2015, 15:23 Uhr

Cologne Conference Das Recht auf gute Serien setzt sich durch

Die Cologne Conference will stets das Beste aus den Medien bieten. Was sehen wir? Der WDR lobt sich selbst, Arte hat lustige Videos, im Netz wird überwacht, und die beste neue Serie kommt von einem Minisender und heißt: „Weinberg“.

von Oliver Jungen
© TNT Da steht er nun und weiß nicht mehr, wer er ist: Friedrich Mücke spielt die Hauptrolle in „Weinberg“. Die Serie selbst ist ganz und gar nicht orientierungslos.

Die Revolution steht kurz bevor. Wer sie bringt? Amazon natürlich. Bevor Sie abwinken: Nein, hier ist nicht die Rede von der revolutionären Verkaufsmasche, einer faulen Digitalgesellschaft alles vermeintlich Erwünschte kartonweise ans Sofa zu liefern und so den Welthandel zu übernehmen, sondern von der echten, den Wohlstand neu verteilenden Revolution, die heute freilich auch digital geschieht: Auf Knopfdruck sind weltweit alle Schuldendaten gelöscht. Eine kleine, anarchistische Hacker-Truppe unter der Leitung des geheimnisvollen Mr. Robot macht sich in der gleichnamigen, von Sam Esmail entwickelten Fernsehserie an diese ehrenwerte Aufgabe. Das ist endlich der so radikale wie treffsichere Cyber-Thriller, auf den alle gewartet haben.

Ausgerechnet Amazon Prime, dem in der Serie als „E Corp“ firmierenden, weltumspannenden Hydra-Unternehmen nicht ganz unähnlich, strahlt die in Amerika gefeierte Serie hierzulande vom 20. November an aus. Im Rahmen der Cologne Conference waren Sam Esmail und die beiden Hauptdarsteller in Köln zu Gast: neben Altstar Christian Slater alias Mr. Robot Rami Malek, der den an Angststörungen leidenden Computerfreak Elliott spielt. Sie wurden bestürmt von begeisterten Fans, die, mitgerissen vom aufrührerischen Elan, Esmail fragten, ob er die Welt verändern wolle. Esmail, der selbst eine kleine Hacker-Vergangenheit hat - in der dümmstmöglichen Variante, wie er erzählte: Hacken vom Arbeitscomputer aus, so dass er nicht nur schnell erwischt wurde, sondern auch den Job verlor -, schien mehr irritiert als geschmeichelt: So groß sei sein Ego dann vielleicht doch nicht. Aber eine Diskussion starten, das wolle er durchaus.

Mr. Robot - Pilot © Peter Kramer/USA Network Vergrößern Spielt in „Mr. Robot“ den an Angststörungen leidenden Computerfreak Elliott: Rami Malek

Die Diskussion läuft freilich längst, auch in Köln. Das Festival unter der Direktion von Martina Richter zeigt nicht nur herausragende Kino- und Fernsehproduktionen, sondern umfasst auch mehrere Konferenzen. In der von Lutz Hachmeister geleiteten Reihe „Futures“, in der es um „Sicherheit, Freiheit und die Dynamik des Internets“ ging, war zu hören, was echte Hacker wie Meredith L. Patterson heute auf die Palme bringt: Mehrdeutigkeit in der Maschine-Maschine-Kommunikation, die durch aufgeblähte Netzwerkprotokolle zustande komme.

Nicht nur der Bildschirm wird flacher

Grundsätzlicher wurde es dann doch noch. Dirk Helbing, in theoretischer Physik habilitierter Soziologe an der ETH Zürich, belegte mit überwältigend vielen Beispielen den rasanten Abbau von Sicherheit und Freiheit durch Computerisierung, um dann in einer irren Volte die Chancen der Digitalisierung doch höher zu veranschlagen als das Risiko eines „Feudalismus 2.0“. Zwar müsse man sich von der naiv-euphorischen Vorstellung verabschieden, die Zunahme an Daten (Big Data) und die KI-Entwicklung (Superintelligenz) führten zu besseren Prognosen, auch würden wir „im Grunde bereits ferngesteuert aus dem Silicon Valley“, aber er sei zuversichtlich, dass wir - nicht zuletzt durch die UN-Agenda 2030 - den richtigen Weg einschlügen: in eine auf Partizipation und Dezentralisierung statt auf Kontrolle von oben setzende digitale Gesellschaft.

Dieser Glaube an eine schöne neue Bürgergesellschaft, die digitale Assistenten nur als Hilfsmittel nutzt, ohne von diesen überwacht zu werden, und die ihre immateriellen Güter sozialistisch teilt, scheint Frank Rieger vom Chaos Computer Club gänzlich unbegründet. Rieger fordert ein robusteres Auftreten der Politik: Die Vernetzung sei inzwischen eher abzubremsen, statt auszubauen. Auch müsse über digitale Menschenrechte nachgedacht werden, zu denen das Recht auf Nichtindividualisierung durch Algorithmen gehöre. Individuell zugeschnittene Versicherungstarife etwa schränkten die Freiheit des Einzelnen erheblich ein, seien ein Gängelungsinstrument par excellence.

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