Wir machen den investigativen Journalismus bezahlbar. Wir bringen das Vertrauen in den Journalismus zurück.“ An markigen Sprüchen mangelt es nicht, wenn die Vertreter von Wikileaks.org ihre Mission erklären, geheime Dokumente aus aller Welt im Internet zu veröffentlichen. Die Bewohner des Internet danken es ihnen. Auf der Berliner Konferenz Re:publica wurde Daniel Schmitt, Pressesprecher von Wikileaks, kürzlich mit stehendem Applaus verabschiedet. Nur die Journalisten haben Probleme: Sie sollen mit einem geheimnisvollen Verein zusammenarbeiten, der virtuos die Klaviatur der Netzöffentlichkeit bespielt.
Nun ist ein wichtiger Informant von Wikileaks enttarnt worden. Das Zentralkommando der amerikanischen Streitkräfte hat bestätigt, dass der 22 Jahre alte Soldat Bradley Manning derzeit in militärischer Untersuchungshaft in Kuwait sitzt. Infanterist Manning, der bei der Zehnten Gebirgsdivision in Bagdad stationiert ist, wird verdächtigt vertrauliche Informationen weitergegeben zu haben.
Das Logo von Wikileaks, gestaltet von einer russischen Künstlerin, ist eine Sanduhr. Oben die von dunklen Mächten beherrschte Erde, aus der es Informationen tröpfelt, unten die aufgeklärte Wikileaks-Welt, in der alle Informationen öffentlich sind. Eines fernen Tages wird diese Welt gewinnen. Dann wird die Sanduhr nicht umgedreht, sondern ist überflüssig geworden, erklären die Macher die Symbolik. „Das Ende des Prozesses ist die vollständige helle Welt, eine Welt der Aufklärung, der Transparenz, des Wissens, der Gerechtigkeit“, heißt es pathetisch. Die Macher, von denen nur wenige bekannt sind, befinden sich in Hochstimmung. Mit der unlängst erfolgten Veröffentlichung eines Videos, das einen Angriff amerikanischer Truppen im Irak dokumentiert (siehe Das Collateral Murder Video: Filme vom Angriff auf Zivilisten im Internet), hat das seit 2006 existierende Wikileaks weltweit die Anerkennung bekommen, die das Projekt verdient. Mit 6,5 Millionen Abrufen auf Youtube ist das Video ein Selbstläufer geworden. Ein weiteres Video soll in Kürze folgen und ein Bombardement amerikanischer Streitkräfte dokumentieren, bei dem am 4. Mai 2009 Zivilisten im afghanischen Dorf Garani getötet wurden. Nach einer Presseerklärung des Generalkommandos der amerikanischen Armee sind die Videos der beteiligten Bomber nicht auffindbar.
Die Freiheit der Rede hat eine Nummer
Die Anerkennung für die Video-Veröffentlichung ist für das Projekt Gold wert. Denn Wikileaks, das sind nicht allein hundert bis zweihundert Freiwillige, die von anonymen „Whistleblowern“ eingestellte Dokumente sichten, von Hinweise gebenden Spuren säubern und prüfen, sondern auch fünf Hauptamtliche, die bisher vom Selbstersparten leben. Außerdem besteht Wikileaks eigentlich aus einem Netz von Servern in verschiedenen Ländern, auf denen über eine Million Dokumente aus aller Welt lagern.
Das alles kostet Geld. „In den ersten fünf Tagen nach der Veröffentlichung des Irak-Videos gab es 100.000 Dollar an Spenden. Wir brauchen 600.000 Dollar im Jahr. Das wären die operativen Kosten von rund 200.000 Dollar und ein Minimalgehalt samt Reisekosten und so weiter für die Leute, die heute Vollzeit, aber bisher ehrenamtlich arbeiten“, sagt Daniel Schmitt. Mittlerweile sollen 450.000 bis 500.000 Euro eingegangen sein.
Bei flüchtiger Betrachtung hat Wikileaks keine Geldsorgen. Denn zu den Spendern gehören auch Universitäten und (vor allem in Amerika) die klassischen Medien und Nachrichtenagenturen, die von den Dokumenten profitieren, die Wikileaks veröffentlicht. Doch dies sind Sachspenden, vor allem in Form von Anwaltszeit: Wikileaks könnte zahllose Prozesse führen, sollte es wegen der Veröffentlichung von Dokumenten zu Streitigkeiten vor Gericht kommen. Bislang haben wenige diesen Weg beschritten, das Informationsleck zum Schweigen zu bringen, und alle sind dabei gescheitert. Besonders spektakulär war der Fall der Schweizer Bank Julius Bär. Diese versuchte vor einem kalifornischen Gericht, den Namen der Web-Präsenz (www.wikileaks.org) löschen zu lassen, nachdem Wikileaks Dokumente über zweifelhafte Geschäftspraktiken der Bank auf den Cayman Islands veröffentlicht hatte. Tatsächlich wurde der Name in Kalifornien gelöscht – er tauchte auf 150 anderen Servern wieder auf. Die Medien, die überreichlich Anwaltszeit spendeten, publizierten überdies die direkte IP-Adresse, die jeder Browser versteht: „Freedom of Speech has a number: 88.80.13.160.“
Ein Fiasko in Venezuela
Seit seinem Start hat Wikileaks zahlreiche wichtige Dokumente veröffentlicht, etwa Armeehandbücher zum amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo Bay, welche die Verletzung der Menschenrechte dokumentieren. Nach eigenen Angaben besitzt Wikileaks die größte öffentliche Materialsammlung zur Scientology-Sekte. Im deutschen Raum wurde Wikileaks mit dem Fall Julius Bär bekannt. Im letzten Jahr veröffentlichte man Dokumente zu den geheimen Verträgen des deutschen Lastwagen-Mautsystems und dem Feldjäger-Report zur Bombardierung von Tanklastern nahe dem afghanischen Kundus.
Seit 2009 ist Wikileaks dabei, die Gewichtung zu verschieben und nicht länger einfach „nur Dokumente“ zu veröffentlichen. Mehr denn je spielt Wikileaks mit den Medien über Bande. „Wikileaks ist neutral seinen Quellen gegenüber. Das war immer so, ist so und wird immer so sein. Wir haben keine Position, wir bewerten nicht, wir filtern nicht nach Präferenzen oder Rentabilität oder Größe einer Publikation. Wir versprechen aber neben dem Bereitstellen der Dokumente für alle Menschen und deren Medien auch die Maximierung des Einflusses einer Publikation“, sagt Daniel Schmitt.
Haben Whistleblower Dokumente geliefert, die nach erster Sichtung authentisch scheinen, beginnt Wikileaks mit der Suche nach geeigneten Publikationsplattformen. Man wartet nicht länger, bis eine Zeitung oder ein Sender ein Thema aufgreift. Man versucht aber auch nicht mehr, Dokumente unter konkurrierenden Medien zu auktionieren, nachdem ein Experiment in Venezuela in einem Fiasko endete: Im Vertrauen darauf, dass andere die Dokumente veröffentlichten, wollte kein Verlag oder Sender sich die Exklusivrechte sichern. Zurzeit entwickeln Wikileaks-Programmierer eine Software, bei der die Whistleblower angeben können, welche Medien bevorzugt beliefert werden sollten. Außerdem sollen die Medien selbst ermutigt werden, vertrauliche Informationen ins Wikileaks-System zu stellen: „Wir übernehmen für alle die Arbeit, die Quellen zu schützen und die rechtlichen Risiken abzusichern, die mit der Veröffentlichung eines Dokuments verbunden sind“, sagt Wikileaks-Gründer Julian Assange.
Aggressiver Quellenschutz
Der australische Programmierer hat selbst zeitweise als Journalist gearbeitet, was ihn erst auf die Idee brachte, Wikileaks auf die Beine zu stellen. Assange verweist gerne auf Daniel Ellsberg, der es mit der Weitergabe von mehr als 7000 Seiten, den sogenannten „Pentagon-Papieren“, 1971 zum berühmtesten Whistleblower seiner Zeit gebracht hat. Von einem Reporter der „New York Times“ befragt, wie er heute handeln würde, antwortete Ellsberg: „Ich würde nicht mehr so lange warten müssen, dass die Medien reagieren. Ich würde mir einen Scanner kaufen und das Material ins Internet stellen.“ 1971 arbeitete Ellsberg als Analyst bei Rand, einem Think Tank, der die amerikanische Regierung zur Strategie im Vietnam-Krieg beriet. Ellsberg kopierte 7000 Seiten, die das Ausmaß des Krieges zeigen sollten, und übergab dieses Material einem Reporter der „New York Times“. Monatelang wartete er, dass die Zeitung den Skandal aufdeckte. Als die Nixon-Administration der „Times“ die Publikation gerichtlich verbieten wollte, verteilte Ellsberg sein Material an die „Washington Post“ und siebzehn andere Zeitungen. Erst danach wurde der Skandal publik und Ellsberg zum „gefährlichsten Mann Amerikas“ erklärt. Ellsberg wurde identifiziert, vor Gericht gestellt und freigesprochen. Einen wirksamen Quellenschutz gab es damals nicht.
Ob Wikileaks diesen Schutz bieten kann, wird seit gestern diskutiert. Das Magazin „Wired“ veröffentlichte eine Geschichte, nach der ein zweiundzwanzig Jahre alter Soldat mit Zugriffsberechtigung auf streng geheime Datenbanken die beiden Videos und zusätzlich 260 000 Lageberichte auf eine „Lady Gaga“ beschriftete DVD brennen und aus dem Hauptquartier mitnehmen konnte. Der Soldat vertraute sich einem „Hacker“ an, der seinerseits die Militärs und das FBI informierte. Nach Angaben von „Wired“ wurde der in Bagdad stationierte Informant verhaftet und soll derzeit in Kuweit verhört werden. Wikileaks dementierte umgehend den Besitz von 260.000 Lageberichten, machte aber keine Angaben zu den eigenen Quellen. „Die Situation zeigt, wie wichtig es ist, dass wir unseren Quellenschutz aggressiv betreiben, auch wenn wir dafür als intransparent kritisiert werden“, sagt Daniel Schmitt im Gespräch mit dieser Zeitung.
Er wertet die Nachricht als Propagandaaktion, die den Quellenschutz von Wikileaks diskreditieren soll. Sollte der junge Soldat wirklich Lieferant der brisanten Videos sein, so hat er sich selbst durch seine Offenheit gegenüber einem zweifelhaften „Hacker“ unnötig in größte Schwierigkeiten gebracht.
Das anonyme Kollektiv darf keine Fehler machen
Journalisten, die mit Wikileaks zusammenarbeiten, müssen technisch bewandert sein. Die Kommunikation erfolgt verschlüsselt, das gilt auch für die Dokumente. Gleichzeitig entbindet die Prüfung der Dokumente durch die Freiwilligen von Wikileaks den Journalisten nicht von der Pflicht, selbst zu prüfen und zu recherchieren. Denn anders, als die von Wikileaks im Internet veröffentlichten Dokumente es suggerieren, sind die anonymen Gaben unbekannter Whistleblower mitunter zusammengewürfelt.
Im Fall der ehemals geheimen Maut-Verträge zwischen Toll Collect und der Bundesregierung, immerhin ein Konvolut von annähernd 10.000 Seiten, waren Hunderte von Dateien Informationsmüll. Erst nach dem Kontakt mit einem guten Dutzend Maut-Experten und dem Studium von Gerichtsunterlagen und Geschäftsberichten konnte das Puzzle zusammengesetzt werden, aus dem dann erst Artikel entstanden. Das muss nicht immer so sein, zeigt aber die Grenzen des Wikileaks-Projekts. Bei Informationsbrocken dieser Größenordnung haben die anonymen Freiwilligen von Wikileaks genug damit zu tun, alle Spuren zu beseitigen, die Rückschlüsse auf den Informanten zulassen.
Wikileaks ist so auf seine Weise ein erfrischendes Gegenmodell zur allerorts beschworenen Weisheit der Massen. Wikileaks ist aber auch ein Widerspruch in sich, weil das gesamte Projekt auf intransparenten Strukturen fußt. Ob für eine inhaltliche Arbeit an den Dokumenten die Zeit fehlt oder die Fachleute, das weiß der Leser, der Journalist nicht.
Die Recherche wird dadurch nicht unbedingt leichter, wie es Wikileaks suggeriert. Der altmodische direkte Kontakt mit einer Quelle fehlt. Ganz im Sinne des Sanduhr-Logos sitzt der Journalist in einem großen Sandkasten auf der Suche nach einer Kontaktlinse.
Mit seinem Angebot an die Medien will es Wikileaks freilich nicht auf sich bewenden lassen. Die neue Strategie ist es, den Informationsfluss umzukehren. So appelliert man umstandslos an alle Journalisten, die mit vertraulichen Dokumenten arbeiten: „Jeder investigative Journalist sollte seine Quellen bei Wikileaks veröffentlichen und damit seine Glaubwürdigkeit überprüfbar machen. Lasst uns gemeinsam die Hitze der juristischen Attacken durchstehen, damit die Öffentlichkeit wieder Vertrauen in die Medien bekommt“, forderte Daniel Schmitt auf der Re:publica und erntete Beifallsstürme. Genau diese Drehung kann die Sache problematisch machen: Denn der Journalist, der dem Diktum folgt, muss wie jeder Informant darauf vertrauen, dass das anonyme Kollektiv von Wikileaks keine Fehler macht. Im Zweifelsfall werden sich viele Journalisten dafür entscheiden, den eigenen Quellenschutz nicht aufzugeben, wohl niemand will seine Glaubwürdigkeit von Wikileaks abhängig machen.
Was Leser beitragen koennen zum Schutz von Quellen
Sacha Dudler (reldud)
- 08.06.2010, 10:22 Uhr
Vertrauen in Medien?
Markus Thiel (Jaipur)
- 08.06.2010, 11:28 Uhr
Guter Artikel
Harry Hirsch (vhs431)
- 08.06.2010, 12:04 Uhr
Jede Tat hat Konsequenzen
Simon Bruenler (SBruenler)
- 08.06.2010, 14:16 Uhr
Verrat?
Karol Rawski (verloc)
- 09.06.2010, 00:46 Uhr