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Cola-Spot gegen Social Media : Siehe da, es gibt auch echte Menschen und Katzen

Es ist angerichtet: Zuerst fotografieren die Protagonisten im Video ihr Essen nur. Dann geht Ihnen ein Licht auf: Mahlzeit! Bild: Coca-Cola

Klingt absurd, ist aber irgendwie clever: Ein Cola-Werbevideo zeigt, wie Leute dank Social Media das echte Leben vergessen. Und der Spot verbreitet sich - in den sozialen Netzwerken.

          Wie war das noch bei Oscar Wilde? „Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist ihr nachzugeben.“ Genau. Und deshalb twittern, liken, verlinken und mailen die Leute in den sozialen Netzwerken seit Tagen einen Werbespot von Coca-Cola, der endlich die Lösung verheißt für diese vermaledeite Smartphone-Sucht, dieses ewige Abhängen im sozialen Netz aus Freunden, die man noch nie gesehen hat, das aber immer mehr menschliche Wesen in Social-Media-Zombies verwandelt. Wie ferngesteuert tappen sie durch die Welt, mit gesenktem Kopf, die Augen schön feste auf das Display in der Hand gerichtet.

          Halskrausen für Digital-Zombies

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Opfer dieser Epidemie bevölkern den ersten Teil des Spots: Lauter schöne Menschen, die weniger schöne Dinge tun: Die Runde am Esstisch fotografiert Teller mit ihren Handys, um Fotos online zu tauschen, statt gemeinsam zu speisen und zu plaudern, zwei Mädchen gucken - jedes für sich - Katzenvideos, obwohl eine echte Katze daneben sitzt. Die hübsche Frau vor der Nase, das eigene Baby, der Sonnenuntergang - bleiben unbeachtet, weil das technische Surrogat alle Aufmerksamkeit aufsaugt. „Manchmal blockiert Social Media unseren Weg in die echte Welt“, sagt die therapeutensanfte Stimme aus dem Off. Dann: „Deshalb haben wir den ,Social Media Guard‘ entwickelt.“ Der packe das Soziale zurück ins echte Leben. Und eine cocacolarote Halskrause, ähnlich denen, die Tierärzte kratzwütigen Hunden umschnallen, erscheint im Bild.

          Alles ändert sich: Zu den Klängen von „Also sprach Zarathustra“ (für musikalisch Ungebildete: hierzulande wirbt eine Biermarke damit) sehen wir die Menschen von vorhin, nun mit Krause um den Hals, wie sie in Zeitlupe den Blick heben und sehen - oha! - da ist ja eine Welt! Analoger Sozialkontakt mit echtem „Feel and Touch“ sozusagen! Ein authentischer Moment, den man - letzte Einstellung, klar - erst so richtig genießen kann, wenn die Kronkorken ploppen.

          Erst rätselten viele, ob die ironische Zuckerbrausewerbung, die Social Media als digitale Pest vorführt, tatsächlich von dem Konzern stammt, der sich Social Media als Werbestrategie der Zukunft verschrieben hat. Weil traditionelle Werbung ja tot sei und stattdessen klebrige Mitmach-Reklame auf allen Kanälen hermuss.

          Die Social-Media-Debatte soll schäumen

          Der Halskrausen-Film auf Youtube, sagt der verantwortliche Kreativdirektor Sascha Kuntze von der Werbeagentur Ogilvy in Dubai, die den Spot erst einmal für den Markt im Mittleren Osten produziert hat, war ein Test. Um Reaktionen zu prüfen. Doch jetzt sei klar: „Der Spot ist der erste Teil einer größeren Kampagne, in der wir die Auswirkungen von Social Media mit unseren Kunden diskutieren wollen.“ Weltweit. Das heißt: Bald sollen beim Getränkekonzern die sozialen Kanäle überschäumen vor Diskussionen darüber, wie sinnlos wir uns doch alle zudröhnen mit Twitter, Facebook und so weiter.

          Das klingt so absurd wie ein Diabetiker-Treffen um eine Kiste Cola - und ist doch ziemlich clever. Weil die Botschaft den Kanal nimmt, den sie vermeintlich kritisiert, und das Ganze in einen Gag packt. Funktioniert aber nur, wenn die Leute mitmachen. Die Halskrause hat jedenfalls schon mal einen Haken: Für näheren zwischenmenschlichen Kontakt ist sie dann doch ziemlich hinderlich. Genauso wie das Rumtwittern darüber, wie schädlich Social Media ist.

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