Wolfgang Bergmann sitzt im Starbucks-Café des MGM Grand Hotel in Las Vegas und geniert sich kein bisschen. Der Mann, der sich normalerweise gegen Vorwürfe verteidigen muss, mit seinem digital empfangbaren Theaterkanal allzu elitäres Fernsehen zu machen und Rundfunkgebühren für eine kleine Randgruppe von Interessierten zu verschwenden, die digitales Fernsehen empfange, hat sich gerade die Rechte für eine Monumentalshow aus Las Vegas gesichert: „Kà“, die bislang aufwendigste Produktion des Cirque de Soleil, die „Bühnenshow aller Bühnenshows“, wie Bergmann euphorisch sagt.
Aus zwei Blickwinkeln wird er sie seinem Publikum und dem von Arte und ZDF präsentieren: Während Arte und ZDF „Kà“ aus der Zuschauerperspektive übertragen, zeigt der Theaterkanal eine Backstage-Reportage aus den Kulissen des Megaspektakels, die auch auf den Websites des Theaterkanals und von Arte läuft.
Die Hightech-Show aus Las Vegas
Im Programm des Theaterkanals ist das allemal ein Ausreißer. Zwar hat Bergmann neben Thomas Langhoff und Katharina Thalbach, Sasha Waltz und Carl Orff, der Dresdner Semperoper und dem Deutschen Theater auch André Rieu und Harald Schmidt im Programm, er zeigt Kabarett und Krimis. „Wir wären ja töricht, wenn wir uns immer nur allein in unserer großartigen deutschen Theaterursuppe aufhalten würden“, sagt er.
Doch mit „Kà“ hat Bergmann ein Riesenspektakel im Programm, eine für hundertfünfzig Millionen Dollar inszenierte Hightech-Show aus Las Vegas. „Überwältigungstheater“, wie die Theaterkanal-Redakteurin Meike Klingenberg sagt: Die Bühne mit 85 Artisten scheint über dem Orchestergraben zu schweben und ist in alle Richtungen frei beweglich. Mal bildet sie ein Floß im Ozean, mal senkrecht emporragende Steilklippe, an der sich die Artisten einen atemberaubenden Schlagabtausch in der Vertikalen liefern, mal eine Projektionsfläche für phantastische digitale Effekte.
„Das ist ganz große Kunst“
Den Artisten wiederum ist das Bühnenhaus in seiner gesamten Ausdehnung, von Balkonen und Leuchtern bis zum Parkett, Bühne, die sie in tollkühnen Manövern, an Seilzügen schwebend oder in unsichtbare Netze im Orchestergraben stürzend, durchkreuzen. „Klar, das MGM Grand Hotel ist die Mutter aller Kommerztempel“, sagt Bergmann und übertönt nur mühsam das Geklingel der Geldautomaten, die das gesamte Hotel durchziehen. „Aber hier inszeniert immerhin Robert LePage, einer der kredibelsten Theater-, Opern- und Filmregisseure der Welt. Das ist einerseits große Unterhaltung, aber aus meiner Sicht auch ganz große Kunst.“
Bergmanns Projekt ist ein Coup. Zahlreiche andere Sender, berichtet er, darunter auch die BBC, seien zuvor mit ähnlichen Projekten beim Cirque de Soleil abgeblitzt. Denn der Entertainment-Konzern des Kanadiers Guy Laliberté, den er 1984 gemeinsam mit Daniel Gauthier als Straßenzirkus gegründet hatte und der heute mehr als 3800 Menschen in sechs reisenden Zeltshows und sieben stationären Shows, davon fünf in Las Vegas, beschäftigt, wacht eifersüchtig über seine Produktionen und ihre Vermarktung - ebenso wie das MGM Grand Hotel, die Residenz von „Kà“.
Der Blick hinter die Kulissen
„Die wollen ihre Shows nicht verheizen“, sagt Bergmann. Doch seine Idee, die Übertragung der Show mit dem Blick hinter die Kulissen und Fernsehen mit Internet zu verbinden, kam an. Dank der Kontakte, die er vor drei Jahren bei der Übertragung der Feier zum zwanzigsten Geburtstag des Cirque in Montreal knüpfte, stellte er das Projekt auf die Beine, und er ist sichtlich stolz darauf. „Es ist schon toll“, sagt Bergmann, „dass wir hier in die heiligen Hallen in Las Vegas eingeladen wurden.“
Auch für den Cirque du Soleil ist dies ein Ereignis. Auf der Community-Website, Cirquetribune.com, überschlugen sich Mitglieder und und Fans vor Begeisterung ob der Übertragung, und in Las Vegas selbst machte sich bei den „Kà“-Artisten angesichts der Kamera, die an einem langen Schwenkarm über die Zuschauerköpfe wanderte, Nervosität breit. „Endlich wird mich meine Mutter sehen können, die zu alt ist, um hierher zu reisen“, sagte Jörg Lemke, ein Pantomime aus Hamburg, der schon mehr als tausend Shows hinter sich hat und nun vor Aufregung fast sein Timing vergisst.
Aus Deutschland kam eine Mini-Crew
Aus zwanzig Perspektiven wird die Bühnenshow gefilmt, produziert für weniger Geld als ein Fernsehspiel, wie Bergmann sagt. Um die Sicherheit der Artisten bei der minutiös geplanten Show nicht zu gefährden, lag die Produktion des Stücks zu großen Teilen in den Händen des Cirque du Soleil. Bergmann reiste aus Deutschland mit einer Mini-Crew von fünf Leuten an: dem Regisseur Hannes Rossacher und seinem Kameramann, der Redakteurin Meike Klingenberg und dem Moderator Claus Kleber mit seiner Assistentin - Tochter Katharina, die hier nebenbei Lehrreiches für ihr Studium der Theaterwissenschaften aufzunehmen hoffte.
Dass Bergmann mit Claus Kleber einen renommierten Journalisten - den in Las Vegas die Kunde von seiner möglichen Nachfolge des „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust erreichte - für die Moderation gewinnen konnte, gibt der Produktion weiteres Gewicht. Kleber sagte zwar auf die Anfrage „spontan au ja“, wie er sich erinnert, sprach sich dann aber zunächst mit seiner Redaktion ab. „Dies hat ja auch ein bisschen was von Conférence, und eigentlich mache ich so was nie“, sagt Kleber, den ein Veto seiner „heute-journal“-Kollegen schon einmal bewog, eine Einladung von Reinhold Beckmann auszuschlagen.
Claus Kleber: Die Show hat seine Längen
„Ich bin nicht der Begrüßonkel, der sagt: Herzlich willkommen, Sie werden hier das Tollste und Schönste sehen!“ Die Show des Cirque du Soleil, sagt Kleber denn auch kritisch, habe Längen und sei an einigen Stellen „effekthascherisch“. Doch es zähle für ihn am Ende handwerkliche Qualität, und da setze der Cirque du Soleil Maßstäbe. „Ich gucke schon“, sagt Kleber, „ob ich mich hergegeben habe für irgendeinen Las-Vegas-Klamauk, und das ist es nicht.“
Also reiste er für drei Tage nach Las Vegas, filmte auf dem berühmten Strip An- und Abmoderationen und interviewte hinter den Kulissen die Artisten und Macher der Show. Kleber bezeichnet sich selbst als Theaterfan, und er sagt, er habe nicht zuletzt deshalb zugesagt, „weil ich das Engagement, mit dem die Theaterkanal-Leute für ein kleines Publikum arbeiten, sehr bewundere“.
Ein weiterer Kulturbegriff
Wie klein dieses Publikum genau ist, kann nicht einmal Wolfgang Bergmann sagen. „Es gibt keine verlässlichen Statistiken, die belastbare Einschaltquoten ergeben würden, aber wir haben Zahlen, nach denen 100.000 Leute pro Tag bei uns reinschauen.“ Tendenz steigend, sagt Bergmann, und dabei spielen Projekte wie dieses eine Rolle.
Man wolle sich gerade im Rahmen der Diskussion um die Digitalstrategie des ZDF „in Richtung eines weiteren Kulturbegriffs und Auftrags öffnen“, sagt Bergmann. Dass das ZDF seinen Coup um 23.30 Uhr im Spätprogramm versendet, enttäuscht ihn ein bisschen, trotzdem übt er sich in Optimismus: „Zwischen den Jahren ist das ja ein guter Sendetermin.“
Kà - Cirque du Soleil aus Las Vegas läuft am Freitag, dem 28.12. um 20.40 Uhr bei Arte und am Samstag, dem 29.12. um 23.30 Uhr im ZDF. Die Reportage „Ka Backstage“ läuft am Freitag, dem 28.12. um 20.25 Uhr im ZDF-Theaterkanal und bei Arte online und am Samstag, dem 29.12. um 23.10 Uhr im Theaterkanal und auf Theaterkanal online.
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jörg bausch (A_K_O_A)
- 29.12.2007, 01:05 Uhr