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Interview zum Urheberrecht : Für Europas Filmproduzenten steht alles auf dem Spiel

Ist die Party bald vorbei? Auch für Produktionen wie „Babylon Berlin“ ist die EU-Abstimmung richtungweisend. Bild: Sky

Der Rechtsausschuss des EU-Parlaments stimmt heute über die Novelle der SatCab-Verordnung ab. Diese hält fest, wie es mit Urheberrechten an Film und Fernsehen im Netz weitergeht. Christoph Palmer, Chef der Allianz Deutscher Produzenten, erklärt im Interview ihre Bedeutung.

          Die Allianz Deutscher Produzenten wendet sich gegen die Veränderung, welche die EU an der sogenannten SatCab-Verordnung vornehmen will. Diese regelt die Verbreitung von Programmen über Satellit, Kabel und im Internet. Der strittige Punkt der Verordnung betrifft das „Territorialprinzip“. Das besagt, dass Programme online in Länderregionen gesendet werden. Das soll jetzt fallen. Es soll das „Ursprungslandprinzip“ gelten, mit einer Lizenz, die einmal, im Land des jeweiligen Senders, erworben wird und dann europaweit gilt. Was stört Sie daran?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das europäische Geschäftsmodell für den Film beruht auf territorial abgegrenzten Verwertungsrechten und fußt auf dem Urheberrecht. Durch die Sprachunterschiede und die mannigfaltigen Kulturtraditionen und Erzählstile, ja nationale Eigenarten kann und soll es in Europa keinen produzentischen Einheitsbrei geben. Der Unterschied zu beliebigen Wirtschaftsgütern, wie Schrauben oder Maschinen, die natürlich gleichartig produziert und vertrieben werden können, oder zum großen amerikanischen Markt liegt auf der Hand. Film ist sowohl Wirtschafts- wie Kulturgut. Filme werden in Europa individuell maßgefertigt nach Sprach- und Ländertraditionen, folgerichtig durch einzelne Lizenzerteilungen refinanziert.

          Sie sprechen davon, die Vielfalt der Programme sei bedroht. Wieso?

          Gestufte Lizenzerteilung nach Ländern sind für europäische Produzenten unverzichtbar. Nur so können sie nach dem „Baukastenprinzip“ ihre Filme finanzieren. Kann das nicht mehr stattfinden, kommt insbesondere der europäische Kinofilm in die Existenzkrise, mit den Produzenten und ihren unterschiedlichen Erzählstilen verschwindet Vielfalt. Am Ende steht ein kulturelles Einerlei, das auch die Befürworter der SatCab-Verordnung nicht als Ziel haben werden. Es wird zu Massenware kommen, weil nur noch für einen fiktiven europäischen Mehrheitsgeschmack produziert würde. Der aktuelle Appell von mehr als 400 führenden europäischen Kreativen, ein Schulterschluss der ganzen Branche, zeigt die Dimension der Entscheidung auf.

          Wie funktioniert die Refinanzierung von Filmen und Serien international genau?

          Selbstverständlich ist die Finanzierung je nach filmischem Genre unterschiedlich. Am Beispiel eines Kinofilms aber gerne konkret: Dessen Millionenetat wird von Sendern, Förderungen, Eigenmitteln der Firmen zusammengetragen. In der Regel ein Drittel der Finanzierung kommt jedoch aus Lizenzverkäufen in unzählige Länder, an Verleihfirmen für Kinos, an Fernsehsender, Plattformen oder DVD-Firmen. Immer wichtiger wird die Lizenzierung auf Video on Demand, angesichts der abnehmenden Bedeutung linearer Zuschauergewohnheiten unmittelbar einleuchtend.

          Um welche Summen geht es, wenn das Territorialprinzip nicht mehr gilt?

          Wir sind auf Schätzungen angewiesen. Aber fünfzehn bis 25 Prozent eines Film-Etats können es sein, das lässt sich nicht kompensieren. Man muss kein Prophet sein: Filmproduktion in Europa wäre eklatant bedroht, das ist das Gegenteil dessen, was auch die EU-Förderprogramme „Creative Europe“ bezwecken.

          Die Befürworter des Online-Durchgriffs der Sender – ARD und ZDF, SPD und Piraten im EU-Parlament und der Bundesverband der Verbraucherzentralen – sagen: Der grenzenlose Zugriff im Internet nutzt allen. Er nutzt den Zuschauern, die Rundfunkbeitrag zahlen, Sendern und Produzenten, deren Werke dann in der ganzen EU zu sehen sind.

          Christoph Palmer ist seit 2008 Vorsitzender der Geschäftsführung der Allianz Deutscher Produzenten. Zuvor war er (bei Erwin Teufel) Minister in Baden-Württemberg und Aufsichtsratschef der Filmakademie Ludwigsburg.
          Christoph Palmer ist seit 2008 Vorsitzender der Geschäftsführung der Allianz Deutscher Produzenten. Zuvor war er (bei Erwin Teufel) Minister in Baden-Württemberg und Aufsichtsratschef der Filmakademie Ludwigsburg. : Bild: Produzentenallianz

          Die Befürworter müssen sich selbst die Frage stellen: Entstehen noch eigenständige Filmproduktionen mit individuellen künstlerischen Handschriften, die man sehen kann? Es mag dann europaweit Zugänge geben. Aber zu welchem Preis? Zum Preis einer totalen Angleichung, Nivellierung, Vereinheitlichung der Kulturen und Traditionen, genau das wird nicht bedacht. Das ist nicht das Europa der Vielfalt, das wir wollen. Alles „Uniforme ist un-europäisch“, auf diese grundsätzliche Feststellung sollte man in der Debatte zurückkommen.

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