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ARD-Film „Besser als Du“ : Und willst du nicht mein Bruder sein

Du schon wieder: Matthias (Christoph Maria Herbst) und Tom haben dieselbe Anzuggröße. Bild: ARD Degeto/Wolfgang Ennenbach

Der eine ist Logopäde, der andere redet Klartext: Christoph Maria Herbst spielt ein ungleiches Zwillingspaar, das die Rollen tauscht. Klingt abgedroschen, schlägt aber Funken.

          Oooooooo, oooooo“, tönt der Logopäde Matthias Pretschke (Christoph Maria Herbst) ausatmend, um die Beschimpfungskanonade seiner Patientin mit Tourette-Syndrom zu bremsen. „Ich bin entspannt und gelassen“, affirmiert er anschließend auf der Hatz zur Paartherapie vor sich hin.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Alle Autosuggestion nützt nichts: Als er wieder einmal zu spät neben seiner Frau Petra (Ulrike C. Tscharre) in Meditationshaltung vor dem Seelenklempnerpaar im Buddha-Ambiente sitzt und „Ich-Botschaften“ angeraten bekommt, sagt seine Angetraute nur: eine Woche. Wenn er dann nicht gezeigt hat, dass er noch der Richtige für sie ist, will sie die Scheidung.

          Fernsehen für Generation fünfzig plus

          Verdatterter als in diesem Moment schaut der Ehemann in Not nur, als unerwartet die - wie sich herausstellen wird - Lösung all seiner Probleme vor ihm steht. Seine bessere Hälfte. Nicht etwa seine Frau, sondern sein bisher ungekannter Zwillingsbruder Tom (ebenfalls Christoph Maria Herbst). Und schon nimmt die Verwechslungskomödie „Besser als Du“ Fahrt auf, die nach einem Drehbuch von Stefan Rogall all das vereint, was ein maximal quotenorientierter Fernsehfilm für die neue Kernzielgruppe der Öffentlich-Rechtlichen (Generation fünfzig plus statt sechzig plus) vereinen muss.

          Zum Abendessen gibt es Pizza mit Ketchup: Toms Menü begeistert die Familie seines Bruders.

          Wir sehen eine adrette deutsche Durchschnittsfamilie, eine Art Verschmelzung von Erkenntnissen der Statistiker mit dem Familienbild der Margarinewerbung: Mann (Therapeut), Frau (Fotografin), zwei halbwüchsige Kinder (Junge, Mädchen), Haus, Garten, zwei Autos, Katze - und Beziehungsprobleme. Weil er zu einem hölzernen Typen vertrocknet ist, dessen dauerangestrengte Überkorrektheit nicht nur jegliche eheliche Resterotik abtötet, sondern das ganze Familienleben lähmt. Nicht einmal seinem stotternden Sohn Jonas (Valentin Wilczek) kann dieser Vater helfen, ausgerechnet.

          Es ist sonnenklar, was einem, der alles falsch macht, weil er immer alles richtig macht, nur helfen kann: einer, der es richtig macht, weil er es falsch macht. Eine Spiegelung seiner selbst, ergo der Zwilling. Der ist Hallodri, Schauspieler und pleite, und das Geschwisterpaar wird, wie es zu erwarten ist, die Rollen tauschen und eine Variante von „Das doppelte Lottchen“ mit erwachsenen Männern spielen, die nicht die Ehe der Eltern, sondern die eigenen Beziehungen retten wollen. Denn auch Tom hat seine Liebste, die Schauspielkollegin Pola (Sophie von Kessel) verprellt, landet aber ausgerechnet mit ihr gemeinsam auf der Bühne. Das heißt Matthias, der auslöffeln muss, was sein Bruder eigentlich sich selbst und nicht dem Geschwister eingebrockt hat.

          Das Überraschende an dieser Komödie, die mit so viel Kalkül zusammengesetzt wurde, ist allerdings: Sie zündet. Sie ist sogar ausgesprochen unterhaltsam. Natürlich sieht man alles kommen, was da kommen wird: Die Kaugummi unter Tische klebende Flegelversion der Vaterfigur mag Patienten verschrecken. Die Herzen seiner vermeintlichen Familie erobert er im Sturm. Es braucht nicht viel dazu: Pizza bestellen, mit dem Filius ein paar Zombies am Computer abschießen („F1 sind die Raketen“) und sich zur vor Liebeskummer Rotz und Wasser heulenden Tochter (Lotte Becker) setzen, schon schmilzt die Schwägerin dahin.

          Was passiert im Schlafzimmer?

          Da kann der wahre Hausvorstand noch so viele selbststabilisierende Affirmationen aufsagen: Die Vorstellung davon, was alles in seinem Schlafzimmer passieren könnte, treibt ihm den Schweiß auf die Stirn. Ihn lässt aber auch nicht kalt, dass Pola in ihm den besseren Tom entdeckt, und so trachten beide Brüder bald danach, einander wieder loszuwerden - mit allen denkbar harmlosen Verwicklungen, die dazugehören und auf ein versöhnliches Ende nicht nur auf dem Theater zusteuern. Was selbstverständlich an den Haaren herbeigezogen und vollkommen unglaubwürdig ist, aber das tut hier nichts zur Sache.

          Dass unter der Regie von Isabelle Kleefeld, die mit „Sein gutes Recht“ zuletzt einen quälenden unterhaltungspädagogischen Demenzfilm vorlegte, eine vergnügliche Veranstaltung entsteht, verdankt sich vor allem zweierlei: einem in seiner Doppelrolle glänzend aufgelegten Christoph Maria Herbst, der mühelos den Anzugträger mit Brillentick wie den tätowierten Berufsjugendlichen gibt. Und einem Ensemble, das die sprachspielerischen, ganz auf Timing setzenden Dialoge routiniert umsetzt, ohne in Comedy-Gehampel zu verfallen. Mehr braucht es nicht für eine gefällige Vorstellung, die ihre besten Momente dann hat, wenn sie kleine, absurde Alltäglichkeiten in den Blick nimmt.

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