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Christiansens Rückzug Das ist kein freiwilliger Abgang

23.06.2006 ·  Es klingt alles so freundlich, doch in Wahrheit ist es ein Eklat: Warum die Wege von Sabine Christiansen und der ARD sich trennen und Günther Jauch für das Erste die erste Wahl ist. Von Michael Hanfeld.

Von Michael Hanfeld
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Es klingt nach einer einvernehmlichen, ja freundlichen Trennung, doch das ist es nicht. „Nach fast zehn Jahren Leitung der ARD-Sendung ,Sabine Christiansen' habe ich der ARD mitgeteilt, mich ab Sommer 2007 aus der Moderation zurückzuziehen. Die Gründe für diese Entscheidung liegen in einem verstärkten Engagement meinerseits für das weltweite CNBC-Format ,Global Players' als auch im privaten Bereich durch eine Verlagerung meines Lebensmittelpunkts ins Ausland.“ So teilte Sabine Christiansen an diesem Freitag das für den September 2007 beschlossene Aus ihrer Talkshow im Ersten mit. Jetzt geht sie ins Ausland.

Doch sollen wir uns wirklich vorstellen, daß sie freiwillig in die zwar internationale, aber doch vergleichsweise schmale Nische bei CNBC rutscht und die nationale Arena aufgibt? Und sich stattdessen auf eine Sendung konzentriert, die es erst seit Beginn des Jahres gibt und für die - zunächst - nur zwölf Ausgaben vereinbart worden sind? Wohl mitnichten. CNBC wäre ein schönes Zubrot für Sabine Christiansen gewesen, eine internationale Überhöhung ihres heimischen Spielfelds. Doch ohne dieses ist das andere wenig.

Der große Graben

Es handelt sich hier vielmehr um eine Trennung, deren Grund in dem Graben zu suchen ist, der sich zwischen der Moderatorin und ihrem Sender, ja zwischen ihr und einem großen Teil der restlichen Welt, aufgetan hat. Neben ihr gab es scheinbar gleichrangig nur noch Staatsoberhäupter und Medienmogule; die Intendanten, Chefredakteure, ihre Branche und das Publikum saßen auf den Rängen und bekamen die Kluft zu spüren. Offiziell klingt es freilich anders: „So sehr ich ihren Entschluß bedauere, bin ich doch froh, daß es uns gelungen ist, Frau Christiansen zu überreden, noch bis zur Sommerpause 2007 weiterzumachen“, sagte der Programmdirektor des Ersten, Günter Struve. „Persönlich verstehe ich die Ungeduld, mit der sie sich neuen Aufgabenfeldern zuwenden möchte, nur zu gut. Aber für das Erste bin ich natürlich froh, sagen zu können, daß alles erst einmal so bleibt, wie es die Zuschauer kennen und schätzen.“

Doch es bleibt nichts so, wie die Zuschauer es kennen, und ob sie den sonntäglichen Auflauf bei Christiansen wirklich schätzten, darf man auch bezweifeln. Die Quoten und Marktanteile der Sendung stimmten zwar noch leidlich - in diesem Jahr liegt der Zuschauerschnitt bei bisher 3,72 Millionen und einem Marktanteil von 12,9 Prozent - doch hat die Talkshow auch schon mal bessere Zeiten gesehen. Eine Erosion des Interesses ist unverkennbar, von fünf Millionen Zuschauern im Schnitt im Jahr 2002 und einem Marktanteil von 18,3 Prozent auf den jetzigen Stand.

Seltenes Lob und heftige Kritik

Und es ist noch etwas anderes zu spüren: Seltenes Lob und heftige Kritik sind in einen allgemeinen Verdruß umgeschlagen, den man auch bei der ARD gespürt hat. Insofern ist der Wechsel zu Günther Jauch ein Coup und der richtige Schluß aus dem Christiansen-Syndrom zugleich. Jauch, der von September 2007 an im Ersten anheuert, zugleich aber alle seine Shows bei RTL behält, wie der Sender mitteilt, ist ein Mann des Volkes, nicht die Primadonna des Berliner Polit-Betriebes. Er könnte die ARD aus ihrer autistischen Lage am Sonntagabend befreien.

Wie wenig freiwillig die Trennung zwischen Christiansen und der ARD ist - was einem offiziell selbstverständlich niemand bestätigt -, kann man nicht nur an der Hektik ablesen, mit welcher der Schritt veröffentlicht wurde. Man kann es auch daran erkennen, daß Sabine Christiansen mit ihrer Produktionsfirma TV21 die neue Talkshow von Günther Jauch angeblich produzieren wollte, was die ARD dem Vernehmen nach abgelehnt hat.

RTL wäre ohne Jauch verloren

Für RTL ist Jauchs neues Engagement ein schwerer Schlag, auch wenn man von dort ebenfalls nur Positives zu hören bekommt: „Wir arbeiten seit Jahren hervorragend und sehr erfolgreich mit Günther Jauch zusammen und sind uns einig, diese Zusammenarbeit fortzusetzen“, sagte die RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt auf Anfrage dieser Zeitung. „Wir freuen uns auf weitere Ausgaben von ,Wer wird Millionär?' und ,Stern TV' ebenso wie auf neue Eventshows wie ,Typisch Frau, typisch Mann' mit Günther Jauch bei RTL.“

RTL wäre ohne Jauch regelrecht verloren, kaum ein Sender ist so abhängig von einem prominenten Protagonisten wie RTL. Insofern ist man an Jauchs Versprechen gebunden, der sagt: „Ich bin mir mit RTL einig, daß sich an unserer guten Zusammenarbeit nichts ändern wird.“ Und zugleich bekundet, er freue sich, Christiansens Nachfolge antreten zu können. „Noch sind die Verträge nicht unterschrieben, aber die ARD und ich hoffen, daß uns gemeinsam ein ebenso anspruchsvolles wie beim Publikum erfolgreiches Format gelingen wird. Das ist sicher eine der spannendsten Aufgaben, die es im nächsten Jahr im deutschen Fernsehen geben wird.“

Christiansens Redaktionsleiter wechselt zum ZDF

Auch daran merkt man, wir abrupt die Trennung zwischen Christiansen und der ARD, wo sie vom NDR betreut wird, ist: Die Verträge mit Jauch sind noch nicht unterschrieben, aber der Deal wird schon verkündet. Eine bessere Verhandlungsposition kann sich Jauch gar nicht wünschen - die ARD aber ist von ihm jetzt genauso abhängig wie RTL. Es gibt nur noch einen, der für seinen Sender eine ebensolche Bedeutung hat - und der heißt Johannes B. Kerner und arbeitet für das ZDF. Dort sieht man die Entwicklung bei der ARD, wie ein Sprecher sagte, übrigens ganz gelassen. Weil man mit Maybrit Illner eine kompetente Polit-Talkerin mit einer etablierten Sendung habe. Und vielleicht auch, weil der Redaktionschef von „Christiansen“, der Journalist Wolfgang Klein, spätestens zum 1. Januar, möglichst aber früher, als Redaktionsleiter zu Illners „Berlin Mitte“ wechselt, wie das ZDF bestätigt.

So ist das ZDF ein wenig Nutznießer der Umstellung bei der ARD. Zu spät kommt das Revirement allerdings für den vierten großen Sender im Bunde, Sat.1. Dessen Geschäftsführer Roger Schawinski hatte im vergangenen Sommer vor der Bundestagswahl den mannhaften Versuch unternommen, mit dem „Talk der Woche“ und Bettina Rust eine eigene Show gegen die ARD zu setzen. Er ist damit nach wenigen Wochen gescheitert, weil Christiansen angeblich zu stark war. Doch ohne den entsprechenden Rückhalt, das sieht man jetzt, fällt auch sie durch den Rost. Es klingt alles so freundlich, doch in Wahrheit ist es ein Eklat.

Quelle: F.A.Z., 24.06.2006, Nr. 144 / Seite 53
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