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Christiansen fragt, was 2007 kommt Ende, Sense, Filmriß

18.12.2006 ·  Sabine Christiansens Talkshow pfeift auf dem letzten Loch. Doch die ARD sitzt das Problem in der üblichen Art und Weise aus. Doch auch mit dem Zweiten sieht man nicht besser: die Wahl zum „Sportler des Jahres“ geriet ausgesprochen dröge. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Michael Hanfeld.

Von Michael Hanfeld
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Nichts gegen Volker Kauder. Wirklich nicht. Der CDU-Politiker ist sicher sympathisch. Und kompetent. Aber, wenn er das Wort ergreift und es um die Gesundheitsreform geht. Und wir vor der Sendung „Sabine Christiansen“ in der ARD sitzen. Und wir wissen, daß es gleich noch um Hartz IV, um die Alterteilzeit und um den Kündigungsschutz geht. Dann hat die Eröffnungsrede von Volker Kauder nach der innerhalb von Sekunden schon wieder vergessenen Frage von Sabine Christiansen denselben Effekt, der uns bei der Wettervorhersage oder bei den Staumeldungen im Radio begegnet: Jetzt kommt etwas unheimlich Wichtiges und ich will es auch auf gar keinen Fall verpassen.

Aber in dem Augenblick, in dem die Temperaturen von morgen kommen oder in dem der Stau durchgesagt wird, auf den wir gerade zufahren, ist - Ende. Sense. Filmriß. Aus. Null. Retrograde Amnesie im Sekundentakt. Wir verfallen in einen tagträumerischen Zustand oder in einen vollkommener innerer Ablehnung, der es unmöglich macht, auf das zu hören, was uns gerade gesagt wird. Es geht nicht. Das Hirn will nicht. Wir wollen es nicht sehen, nicht hören und nicht wissen. Wahrscheinlich, weil unser Unterbewußtsein es längst besser weiß: Es wird regnen, wenn sie dir Sonne versprechen und den Stau gibt es doch gar nicht mehr. Also geh im dünnen Hemd raus, fahr zu und vergiß es. Vergiß es am besten von vornherein, und hör nicht hin.

„Wenn ich jetzt verkacke, bin ich der Arsch“

Bei Christiansen, gerade in einer Polit-Kombination wie am Sonntag, da neben Volker Kauder für die SPD Andrea Nahles die große Koalition vertrat, stellt sich besagter Effekt mit einer Übermacht ein, die etwas Lähmendes hat. Nach fünf Minuten weiß man, daß man sich die nächsten fünfundfünfzig sparen kann. Und genau so ist es. Wobei, wollen wir ehrlich sein, uns schon noch etwas bei dieser Debatte zur Frage der Fragen, was uns das Jahr 2007 innenpolitisch vor allem mit Blick auf die sogenannten „Reformen“ bringen wird, aufgefallen ist: Sobald die Kamera den jeweiligen Redner verläßt und auf die anderen schwenkt, kann man sehr schön sehen, wie sehr alle damit kämpfen, sich gegenseitig zuhören zu müssen.

Wenn Fritz Kuhn von den Grünen den Daumen dreht oder der Liberale Dirk Niebel unruhig hin und her blickt, hat das fast etwas Surreales. So etwas, das Loriot immer wieder eingefangen hat, als ob jeden Moment jemand aus der Rolle fallen, etwas ganz und gar Unpassendes sagen, Faxen machen oder einfach fragen könnte: Was machen wir hier eigentlich? Was soll der ganze Quatsch? Wo bin ich hier? Oder sich die ganze Zeit über denkt: „Wenn ich jetzt verkacke, bin ich der Arsch.“

Ein Biathlon-Held im ZDF

Das allerdings ist ein Zitat, das wir erst im Anschluß an „Christiansen“ gehört haben - im ZDF, bei der Ehrung der „Sportler des Jahres“ (Siehe auch: Die Sportler des Jahres 2006: Das Jahr des Biathlon?). Und das sagte auch kein Generalsekretär oder Fraktionschef, wie wir es uns mal gewünscht hätten, sondern ein sympathischer junger Biathlet, der nicht daran Schuld sein wollte, daß die Herren-Staffel am Ende bei den Olympischen Winterspielen doch nicht die Goldmedaille gewönne. Aber sie hat natürlich gewonnen. Und der junge Mann war nicht das, was er zu sein fürchtete, sondern ein Biathlon-Held.

Der einzig Heldenhafte, der uns am Sonntag bei „Christiansen“ aufgefallen ist, war der bereits erwähnte Fritz Kuhn von den Grünen. Denn er sagte sehr Erstaunliches: Rot-Grün hat den jetzigen Wirtschaftsaufschwung vorbereitet. Er nannte die Dinge beim Namen - die Gesundheitsreform nämlich nichts anderes als: „Murks“. Und präsentierte sich und die Seinen überzeugend als Anwalt der kleinen Leute: Wenn man die geplante Unternehmenssteuerform einkommensneutral gestalte, sagte Kuhn und hatte damit das Schlußwort, gebe es im Jahr 2007 acht Milliarden Euro mehr für die kleinen Leute. Das klingt gut, daran wollen wir uns doch gerne halten. Wir kleinen Leute.

Ein rotes, sackartiges Kleid

Daß Sabine Christiansen sich mit ihrer Sendung noch bis ins Jahr 2007 hält, hat allerdings einen anderen Grund: die ARD hat den Vertrag mit Günther Jauch noch immer nicht in trockenen Tüchern und muß noch mindestens ein halbes Jahr auf den neuen Moderator warten. Christiansens Talkshow pfeift derweil schon jetzt auf dem letzten Loch, es wird ein langer Weg bis zum nächsten Sommer. Die Ausladung des russischen Regimekritikers Garri Kasparow in der Woche zuvor etwa war ein unübersehbares Zeichen der Schwäche (Siehe auch: Wäre das nichts für „Christiansen“ gewesen?), selbst wenn man einmal annimmt, daß tatsächlich nicht Druck der russischen Botschaft in Berlin den Ausschlag dafür gegeben hat.

Ist man bei „Christiansen“ nicht in der Lage zu begreifen, was eine solche Ein- und dann Ausladung eines Regimekritikers bedeutet? Wobei hinzu kommt, daß mindestens zwei Zeugen sagen, ihnen sei von Druck der russischen Botschaft berichtet worden. Die Redaktion von „Christiansen“ also mit einer ausgesprochen dünnen Selbstverteidigungslinie dasteht. Was aber nichts macht, weil die ARD das Problem in der üblichen Art und Weise wieder mal aussitzt. Sie kann gar nicht anders.

Apropos sitzen: Beim ZDF saß man an diesem Abend nach „Christiansen“ auch nicht unbedingt in der ersten Reihe, geschweige denn sah man mit dem Zweiten besser. Dröge war's, der Saal war dunkel, als die Moderatoren Kristin Otto (in einem sehr sackartigen, roten Kostüm) und Dieter Poschmann die Sportler des Jahres auf die Bühne riefen. Ausgerechnet die Mannschaft des Jahres (klar. die Nationalfußballer) kam nicht mit zweimal elf Freunden, sondern als mickriges Trio (Kahn, Klose, Mertesacker) und schrumpfte zum Duo, weil Miroslav Klose gleich wieder zum Flieger mußte. Der Austragungsort Baden-Baden liegt nun einmal abseits der normalen Fußballstarreiserouten. Umso beschämender, daß die bei der Wahl zur Mannschaft des Jahres zweitplazierte Hockey-Nationalriege der Männer vollzählig auflief. Da kann der Fußball tatsächlich etwas lernen, wie Franz Beckenbauer anmerkte. Wäre nicht Oliver Kahn gewesen, den Kristin Otto als besonderen Gewinner der WM vorstellte (bei der er bekanntlich nur ein Spiel mache durfte), und hätte er nicht ehrlich den Geist des Mannschaftssports beschworen, man hätte gleich bei „Christiansen“ bleiben können.
Die Antwort auf die dort gestellte Frage - was bringt 2007 - ist übrigens ganz einfach: Günther Jauch.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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