Als Chris Hughes, den Mitbegründer von Facebook, die Anfrage des Chefredakteurs der „New Republic“ erreichte, ob er nicht vielleicht die Zeitschrift kaufen wolle, ließ er sich nicht nur die Bilanzen vorlegen. Erst recht genügte es ihm nicht, die Zahlen der Internetnutzer abzurufen, die nach eigener unverbindlicher Angabe das vor fast hundert Jahren gegründete Blatt „mögen“.
Hughes zog sich zum Lesen zurück - nicht aufs Sofa in seinem 370-Quadratmeter-Loft im New Yorker Kreativarbeiterviertel Soho oder in seinem schlossartigen Anwesen im Hudson Valley, sondern in die Bibliothek. Hughes, dessen Vermögen nach dem Börsengang von Facebook auf 850 Millionen Dollar geschätzt wird, glaubt an öffentliche Güter, die der Markt nicht bereithält, und besitzt wie zwei Millionen Mitbürger einen Benutzerausweis der New York Public Library.
Im Lesesaal händigte man ihm nicht die gebundenen Bände älterer Jahrgänge der „New Republic“ aus, sondern Ablichtungen auf Mikrofilm. Hughes begegnete auf den oft unscharf reproduzierten Seiten einem progressiven Geist, der den Regierungsbetrieb durch Mitdenken provozierte: Die „New Republic“ lieferte Ideen für den „New Deal“, bot dreißig Jahre später aber auch der Kritik an den betäubenden Effekten des Wohlfahrtsstaats eine Plattform, die der demokratische Senator Daniel Patrick Moynihan vortrug.
Online-Mobilisierung für Obama
In der Anfangszeit von Facebook war Hughes der Kommunikator des Unternehmens - so etwas wie der bestbezahlte Pressesprecher aller Zeiten. 2007 schied er aus, um die Online-Mobilisierung für den Präsidentschaftskandidaten Barack Obama zu organisieren. Hughes erfand die Website MyBarackObama.com - ein soziales Wahlkampfmedium, das Sympathisanten in Aktivisten verwandelte, indem es sie zur selbständigen Gruppenbildung animierte. Keinen Erfolg hatte Hughes mit der Internetplattform Jumo, deren Geschäft das Ranking von Wohltätigkeitsorganisationen nach dem Muster von Notensammelseiten wie Yelp sein sollte.
Sein eigenes Geld sah Hughes, der mit großen Spenden den Kampf für die Homosexuellenehe fördert, bei der „New Republic“ richtig angelegt. Im März kaufte er einem Konsortium von Hedgefondsmanagern und Immobilienspekulanten die Zeitschrift ab, im Mai entließ er den Chefredakteur, der ihn angeworben hatte. Der neue Eigentümer firmiert im Impressum über dem neuen „Editor“ Franklin Foer, dem Bruder des Schriftstellers Jonathan Safran Foer, als Verleger und „Editor-in-chief“.
Dieses Rudolf-Augstein-Modell der Verbindung von verlegerischer und redaktioneller Macht hat bei der „New Republic“ Tradition. Der Harvard-Professor Martin Peretz, der die Zeitschrift 1974 mit dem Geld seiner Frau, einer Erbin des Singer-Nähmaschinen-Vermögens, gekauft hatte, nutzte sie jahrzehntelang, um Werbung für seinen Schüler Al Gore zu machen und Nibelungentreue gegenüber Israel zu predigen.
Sich mit Geld Gehör verschaffen
Ob Hughes seinen Einstieg beim Traditionsmedium eher als geschäftliches oder als mäzenatisches Engagement verstehen möchte, muss er nicht entscheiden, da er politisch wirken will. Nach der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe im Bundesstaat New York hat er den Schwerpunkt seiner Spendenaktivität auf das Thema Wahlkampfreform verlagert.
Die Zurückdrängung des Einflusses der Reichen ist ein klassisches progressives Desiderat, das durch jüngere Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs über das Geldausgeben als Meinungsäußerung noch dringlicher ist. Indem Hughes diesem Anliegen mit seinem Geld Gehör verschafft, befindet er sich in einem Dilemma, das er auflösen möchte, indem er nicht verdeckt, sondern offen nach Einfluss strebt.
In der Gesellschaft von Manhattan will er eine sichtbare Rolle spielen. Ein Mittel sind Homestorys. Als Chris Hughes am 30. Juni seinen langjährigen Freund Sean Eldridge heiratete, der sich und seinem Bräutigam diesen Tag als Cheflobbyist der Eherechtsreformer erkämpft hatte, feierte die Presse ein „power couple“ neuen Stils.
Chris Hughes ist im konservativen North Carolina aufgewachsen. Der Vater arbeitete als Vertreter für eine Papierfabrik, die Mutter war Mathematiklehrerin an einer öffentlichen Schule. Ohne Wissen der Eltern bewarb der Sohn sich bei privaten Eliteschulen - und wurde von der Phillips Academy in Massachusetts angenommen, der Schule von Bushs und Kennedys.
Direkter Draht zu den Lesers
Die politische Bildung, der Hughes mit der „New Republic“ dienen will, scheint er sich als Medium des sozialen Aufstiegs vorzustellen. Als Ziel gab er in einem Interview an, das Magazin solle der Wochenendlesestoff für die Leute in New York, Washington und Los Angeles werden - „sozusagen für die crème de la crème“. Etwas zu direkt warb die neue „New Republic“ mit dem Versprechen des exklusiven Zugangs zur Sphäre der Einflussverwalter, als sie unter ihren Abonnenten einen Platz beim jährlichen Abendessen der beim Weißen Haus akkreditierten Korrespondenten verlosen wollte. Die Vereinigung der Korrespondenten untersagte die Lotterie.
Hughes, der nach dem Triumph von MyBarackObama.com noch mit dem Geständnis kokettierte, er wisse nicht, was das Wort „community“ bedeute, ist davon überzeugt, dass ein Blatt wie die „New Republic“ im Zeitalter der Rundumversorgung mit kostenlosen Informationen Leser dadurch an sich bindet, dass es sozusagen einen Schritt heraus aus der Medienwelt macht und die Unmittelbarkeit persönlicher Beziehungen unter den Lesern und zu den Autoren offeriert.
Die New Yorker Abonnenten wurden ins Lincoln Center zur ersten einer Serie von „New Republic Conversations“ geladen. Chris Hughes unterhielt sich mit Arianna Huffington und Peter Thiel, dem aus Frankfurt gebürtigen Facebook-Investor der ersten Stunde und kalifornischen Wagniskapitalguru.
Den Mediengebrauch dosieren
„Macht Twitter die Demokratie unmöglich?“ So sollte die Frage des Abends lauten, die allerdings nicht zur Verhandlung kam. Die kulturkritische Prämisse, dass die sozialen Medien Zerstreuung und Kakophonie produzieren und dadurch der rationalen Debatte schaden, galt allen drei Helden der Kommunikationswirtschaft anscheinend als unstrittig. Im Stil der von Michel Foucault ausgegrabenen antiken Sexratgeber gaben sie Empfehlungen zur Dosierung des persönlichen Gebrauchs der neuesten Medien ab.
Ein Fragesteller aus dem Publikum erinnerte daran, dass die repräsentativen Mechanismen der amerikanischen Verfassung die direkte Konfrontation auf dem Marktplatz der antiken Stadtstaaten ersetzen sollten - und dass die Überwindung von Raum und Zeit durch Twitter-Kanäle und Facebook-Fäden so gesehen der Demokratie förderlich sein müsste.
Die Vertrauenskrise des politischen Systems erklärten Thiel und Huffington ohne Rückgriff auf die Effekte von Medien. Thiel, der den staatsfeindlichen Präsidentschaftsbewerber Ron Paul mit Spenden unterstützt hat, beklagte, dass niemand mehr eine positive Vorstellung von der Zukunft habe. Wir lebten in einem Zeitalter des politischen Atheismus. Als die Chefredakteurin der „Huffington Post“ sich zur Zeitung bekannte, fragte Hughes, ob sie tatsächlich noch die Papierausgaben abonniert habe.
Präsenz am Kiosk stärken
Die Druckauflage der „New Republic“ ist in fünfzehn Jahren um zwei Drittel geschrumpft und liegt bei etwa 40 000 Stück. In Interviews verweist Hughes darauf, dass Konkurrenten wie „The Economist“ und „The Atlantic“ ihre Auflage gesteigert haben. Er will die Präsenz am Kiosk stärken, hält aber die „digitale Implementierung des Produkts“ für entscheidend.
Ein Relaunch aller drei Versionen der Zeitschrift - Druck, Website, Tablet - wurde auf das Frühjahr verschoben. Die Sanierung soll ohne weitere Investoren gelingen. „Die ,New Republic’ ist mein Baby“, sagt Hughes.
Im Wahlkampf konnte man die Blogs der Internetausgabe als intelligente Tageszeitung nutzen: aktuell, lebendig und im Unterschied zu anderen Blogsammlungen eine seriöse Auswahl des wirklich Wichtigen. Die gedruckte Ausgabe, die nur zwanzigmal im Jahr erscheint, wirkte daneben ganz zwangsläufig veraltet. Erst achtzehn Tage nach der Präsidentschaftswahl sahen die Abonnenten deren Sieger auf dem Titelbild.