19.11.2009 · Höhere Gewinne als im Drogenhandel: Wer sich in China nach Filmen verzehrt, kann leicht auf den Raubkopiemarkt ausweichen. Der bietet zu billigen Preisen alles, was das Filmherz begehrt. Die Behörden laufen hinterher.
Von Rainer ErdFilmisch bietet Peking seinen fünfzehn Millionen Einwohnern wenig. Die chinesische Regierung lässt jährlich nur zwanzig ausländische Filme zu, davon zwölf aus den Vereinigten Staaten. Diese wiederum müssen noch eine staatliche Zensur durchlaufen, die darauf achtet, dass der Erotik-, Gewalt- und Realitätsanteil gering bleibt. Was schließlich in den Pekinger Kinos an inländischen und ausländischen Filmen landet, ist nicht unbedingt das, was man ein anspruchsvolles Programm nennen würde.
Der chinesische Filmmarkt ist klein. Einer Studie der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS) aus dem Jahr 2006 zufolge nimmt China weltweit vom Umsatz her den achten Platz ein, die ersten drei Plätze belegen die Vereinigten Staaten, Japan und Frankreich. Bei den Zuschauerzahlen kommt das 1,2-Milliarden-Volk noch hinter Korea und Taiwan auf den zehnten Platz. Allein bei der Zahl produzierter Filme liegt es auf dem fünften Rang. Doch Chinesen zeigen wenig Interesse an ihrer eigenen Filmproduktion.
Raubkopien für die Arthouse-Klientel
Das aber ist, wie so häufig in China, nur die eine Seite. Wer sich eine Woche in der chinesischen Metropole nach Filmen verzehrt hat, könnte leicht auf den Raubkopiemarkt ausweichen. Denn der bietet alles, was das Filmherz begehrt. Es ist nicht ganz einfach herauszufinden, wo sich die Arthouse-Filme auf illegal hergestellten DVDs finden lassen. Wer sich aber professionell mit Produktpiraterie in China beschäftigt, wird dann doch fündig. Dieser Markt, weitaus größer als der legale, hat sich der Nachfrage gemäß eingerichtet.
Man findet das anspruchsvolle amerikanische und europäische Arthouse-Kino nicht auf den Massenmärkten der Touristen. Dort gibt es für einen Euro das, was auch bei uns ein Massenpublikum anzieht. Wer sich aber in die Gegenden Pekings begibt, in denen das intellektuelle Publikum lebt, dem bietet sich eine Palette von Filmen, die man vielfach in Deutschland vergeblich sucht. Nahezu alles, was das internationale Kino anbietet, findet sich in einem großen Raubkopieladen im Pekinger Diplomatenviertel zum Preis von 1,20 Euro bis 1,50 Euro.
Der Unterschied liegt im Preis
Wer nun fragt, wie diese vielen anspruchsvollen Filme, die in keinem chinesischen Kino je gezeigt werden, in die nach chinesischem Urheberrecht illegalen Läden kommen, der wird vom Verkäufer keine Antwort erhalten. Aber das von der Kommunistischen Partei geleitete CASS hat 2006 in seiner umfangreichen Studie untersucht, wo, von wem und mit welchen Kosten die DVDs hergestellt werden.
Guangdong, eine der reichsten Provinzen im Süden Chinas, ist das Zentrum der chinesischen Raubkopieindustrie für audiovisuelle Produkte. 184 illegale Produktionsstätten hat es 2006 gegeben, das sind sechsundachtzig Prozent der Gesamtzahl. Dass die südchinesische Provinz so begehrt bei Raubkopierern ist, liegt daran, dass sich in Guangdong das Zentrum der legalen Produktion audiovisueller Produkte befindet. Es wird vermutet, dass ein großer Teil dieser staatlich zugelassenen Produktionsstätten neben der rechtmäßigen Herstellung auch mit der Produktion von Raubkopien beschäftigt ist. So stoßen die Maschinen jeden Tag dasselbe Produkt zweimal aus: einmal für den legalen und einmal für den illegalen Handel. Einziger Unterschied ist der Preis. Die illegalen DVDs sind mit durchschnittlich zehn bis fünfzehn Yuan (ein Euro bis 1,50 Euro) billiger als die in China ohnehin preiswerten legal hergestellten Filme, die 2,50 Euro kosten.
Bestechung erleichtert die Logistik
Guangdong hat noch einen zweiten Vorteil gegenüber anderen Provinzen, der es so begehrt für Raubkopierer und ihre Distributoren macht. Guangdong hat eine dreitausend Kilometer lange Küste, an der sich vom Zoll unbeobachtet ganze Schiffsladungen illegaler Produkte aus Ländern wie Vietnam und Russland anliefern lassen. Neben der illegalen Binnenproduktion wird der internationale Schmuggel von Raubkopien als zweite Quelle der riesigen Raubkopiemarktes in China angegeben. Und wenn der Zoll wirklich einmal ein heimlich anlegendes Schiff mit der begehrten Ware entdeckt, löst in China ein angemessenes Bestechungsgeld schnell das Problem.
So werden Jahr für Jahr mit verbesserter Qualität in China neben den 3,5 Millionen legalen DVDs vermutete 2,7 Milliarden illegale Filmprodukte hergestellt. Der Anteil legaler Produktion beträgt nur dreizehn Prozent.
Am besten wo es stinkt
Es sind allerdings nicht nur legale Produktionsstätten und aus dem Ausland eingeführte Produkte, die den chinesischen Raubkopiemarkt speisen. Als dritte Quelle sind kleine Produktionsstätten zu nennen, die ausschließlich für die illegale Produktion eingerichtet werden. Sie zu lokalisieren fällt am schwersten, weil diese Zwei- bis Drei-Personen-Betriebe sich dort ansiedeln, wo kein Fahnder sie vermutet. Sehr beliebt sind Hühnerfarmen. Denn diese haben mit der Produktion von DVDs eines gemeinsam: Da die Herstellung von DVDs mit einer gewissen Geruchsbelästigung verbunden ist, fallen diese Betriebe dort am wenigsten auf, wo es ohnehin stinkt.
Als beliebter Ort illegaler Produktionsstätten werden auch verlassene Militärkasernen und Tankstellen genannt. In diesen Tankstellen richten sich die Raubkopierer in den leeren, unterirdischen Tanks ein. Werden sie einmal ausfindig gemacht, sind diese Produktionsstätten schnell geschlossen und an einem anderen Ort wieder eröffnet.
Die Suche nach den Betreibern illegaler Produktionsstätten endet aber ohnehin meist ergebnislos. Es wird vermutet, dass sich die meisten im Ausland befinden und über eine Kette von Strohmännern ihre Geschäfte in China betreiben. Bevor eine illegal hergestellte DVD im Laden landet, hat sie mehrere Distributionsstätten durchlaufen, meist ohne dass die Zwischenhändler merken, welches Produkt sie vertreiben. Da findet sich dann am Straßenrand ein Lastwagen mit Hunderttausenden von DVDs, und der bestellte Fahrer hat keine Ahnung, was er transportiert.
Schneller Weg zum Gewinn
Nun wird man fragen, welche Gewinnspannen bei einem Verkaufspreis von einem bis anderthalb Euro möglich sind. Die mit dem Handeln illegaler DVDs gemachten Gewinne übersteigen die aus dem Drogenhandel. Da der Hersteller von Raubkopien keine Lizenzgebühren an den Produzenten zahlt, kein Geld für das Design des Umschlags und für Werbung aufbringen muss, sondern nur die Kosten für eine Anlage (300.000 Euro) und die Disc (fünf Cent), sind diese bei einer vierundzwanzigstündigen Laufzeit in drei Monaten amortisiert. Vom vierten Monat an werden Gewinne gemacht.
Zwar sind Polizei, Verwaltung und Gerichte nicht untätig gegenüber Raubkopierern. Gemessen an der Zahl hergestellter Produkte bewirken diese Aktionen aber kaum etwas. So verlässt der über Produktpiraterie forschende Filmliebhaber China mit der Kenntnis aller wesentlichen neuen internationalen Filme, aber auch im Bewusstsein, einen illegalen Markt unterstützt zu haben.
Raubkopien von Filmen sind nur eine Seite
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 19.11.2009, 18:31 Uhr