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Chinesische Blogosphäre Wie verwandelt

23.01.2009 ·  Von der Blogosphäre erwarten viele Chinesen tiefgreifende Veränderungen. Sie bietet ungewohnte Möglichkeiten der Öffentlichkeit und holt die Intellektuellen aus ihren geschlossenen Zirkeln heraus. Die Grenzen zwischen Kultur und Gesellschaft verwischen.

Von Mark Siemons, Peking
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In China vermuten einige bekannte Blogger, dass das Internet die hergebrachte Rolle des Intellektuellen im Land verändern werde. Bisher waren, im Kaiserreich ebenso wie im kommunistischen Staat, die Gelehrten vorzugsweise unter sich geblieben und hatten ihren Einfluss über akademische oder regierungsamtliche Zirkel ausgeübt, die durch überlieferte Codes und Werthaltungen vorgeprägt waren. Jetzt aber mischen sich intellektuelle Blogger unter all die anderen, die im Netz ein öffentliches Wohnzimmer unterhalten (mehr als hundert Millionen sind das in China mittlerweile). Auf einem Blogger-Symposion, das das Internetportal Sohu ausrichtete und ins Netz stellte, sagte jetzt der junge Dichter-Blogger Ye Kuang-zheng: „Die Internetära hat die Intellektuellen verwandelt – sie reden nicht länger nur zu sich selbst.“

Einen Grund sieht Ye darin, dass die klassischen Sparten überschritten wurden: „Ein Blog verwischt die Grenze zwischen einem kulturellen und einem gesellschaftlichen Ereignis.“ Mithin auch die zwischen dem Privaten, dem sich der weit überwiegende Teil der chinesischen Blogs widmet, und dem Politischen. Wer gerade noch von einem vermeintlich harmlosen Vorfall in der Nachbarschaft erzählte, findet sich plötzlich in einem hochbrisanten Bericht über Anwohnerproteste wieder. Über das Interesse am realen, nichtoffiziellen Leben gleiten Autoren wie Leser unversehens vom Vermischten ins Grundsätzliche.

Künstler und Blogger

Und umgekehrt, so bekannte der Pekinger Blogger Wang Xiaoyang, habe er Ai Weiwei nicht wegen dessen Kunst schätzen gelernt, sondern erst wegen des Blogs von Ai, der sich regelmäßig der heikelsten politischen Themen annimmt, im letzten Jahr vor allem der Gerichtsverhandlung gegen den Polizistenmörder Yang Jia. Dieser Prozess war im Internet zum Anlass einer ausgedehnten Debatte über das chinesische Justizwesen geworden; der Pekinger Rechtsanwalt Liu Xiaoyuan berichtete auf der Sohu-Konferenz, dass er nicht weniger als 140 Einträge über den Fall veröffentlicht habe.

Unter den chinesischen Bedingungen gewährt der elektronische Raum ungewohnte Möglichkeiten nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Authentizität. In der täglichen Arbeit, sagte Wang, spreche er „Geistersprache, den offiziellen Jargon, aber in meinem Blog, da spreche ich Menschensprache. Da sage ich die Wahrheit.“ So scheint das Internet China ein Bild des öffentlichen Intellektuellen nahezubringen, wie man es vom Westen her kennt.

Es sei Pflicht des Intellektuellen, Kritik zu üben, sagte Wang. Ai Weiwei ergänzte: „In China sollten Leute, die mit Wissen zu tun haben, auch die Wahrheit suchen.“ Ein Blog, sagte er, sei die mächtigste Waffe im Leben eines Menschen: „Bevor wir eine wirkliche Demokratie und eine ausgeprägte Zivilgesellschaft haben, ist das eine lockere Form der Zivilgesellschaft.“ Ein besonders einprägsames Bild fand der Literaturkritiker Wu Huai-yao. Die Bedeutung eines Blogs sei derjenigen des Vorsitzenden Mao auf dem Jingganshan zu vergleichen. Dieses Gebirge markierte 1927 einen strategischen Wechsel der chinesischen Revolution: Es war ihr erster Stützpunkt auf dem Land, auf ungewohntem Terrain also.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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