11.08.2008 · Der Zeitungsmarkt in China wächst. Auch wenn kritische Kommentare gefährlich und politische Spekulationen nahezu unbekannt sind, ist die Berichterstattung freier geworden. Die neuen Blätter sind human, leserfreundlich, informativ und - objektiv.
Von Luo Lingyuan, BerlinSobald ich in meinem Heimatland gelandet bin, kaufe ich Zeitungen: „Shenzhen Tequ Bao“, „Cutian Dushi Bao“, „Yangcheng Wanbao“. Ich lese und lese. Stoße ich auf interessante Berichte, will ich noch mehr. Und da ich kaum je enttäuscht werde, bin ich zu einem gierigen Leser geworden.
Ja, seit der Jahrtausendwende gibt es viele Zeitungen, die human, leserfreundlich und informativ sind. Sie bereiten den Menschen Freude bei der Lektüre, sie schenken ihnen Mut und machen Hoffnung auf ein besseres Leben - solche Zeitungen machen mich süchtig. Dabei war ich bis Mitte der achtziger Jahre noch ein Zeitungsverweigerer. Die Zeitungen waren damals „politisch“ und für mich so interessant wie der Gesang der Zikaden im Sommer. Inhalt, Sprache und Layout waren überall gleich, und sie informierten uns vorwiegend darüber, in welcher Phase des Sozialismus das Land sich angeblich befand, welche Kampagne als nächste stattfinden würde. Vom Leben war wenig die Rede.
Als die Zeitungsmacher von damals noch Halbgötter waren
Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ging ich Ende der achtziger Jahre nach Schanghai, um Journalismus zu studieren. Ich wollte Geschichten schreiben vom Leben der Menschen. Natürlich wurde uns eingebleut, dass Journalisten das Sprachrohr der Partei zu sein hätten, gab es Seminare über dialektischen Materialismus. Trotzdem hatten wir gute Lehrer, die uns das Handwerkszeug beibrachten: Wer, wann, wo, wie und warum? Wenn sie in ihrer Wohnung nur von ihren Lieblingsstudenten umgeben waren, erzählten unsere Professoren mit leuchtenden Augen von den Zeitungen der dreißiger und vierziger Jahre, als in China der Bürger- und Meinungskrieg tobte.
Man merkte es ihnen an, dass sie die Zeitungsmacher von damals noch immer für Halbgötter hielten. Als ich bei der renommierten „Wenhui Bao“ in Schanghai mein Praktikum machte, lernte ich, wie das System funktionierte. Der jeweilige leitende Redakteur der Abteilung, in der Regel ein treues Parteimitglied, kontrollierte die eingereichten Beiträge und wurde selbst vom Chefredakteur kontrolliert. Passte ein Artikel nicht zur Parteilinie, kam er nicht in die Zeitung.
„Du musst immer nur loben, nicht kritisieren“
Aber woher kamen Informationen? Voller Neugier ging ich zu meiner ersten Pressekonferenz bei einem örtlichen Staatsbetrieb. Halt. War das eine Pressekonferenz oder eine Neujahrsfeier? Der Fabrikdirektor, ein Kader, sprach fünf, sechs Minuten, erzählte etwas von großen Erfolgen, dann verteilten seine Helfer Geschenktüten. Ich bekam auch was: eine Kunstblume. Beim nächsten Mal war es schon eine Bettdecke. Immer das, was der Veranstalter halt produzierte. Fragen an den Direktor? Keine einzige. Wie sollte man da einen Bericht schreiben? „Du musst immer nur loben, nicht kritisieren, sonst ist deine Arbeit für den Papierkorb“, sagte die Redakteurin, die mich betreute. Ich dachte, ich hätte in eine Zitrone gebissen.
Damals war von den Reformen, die Deng Xiaoping schon 1978 gestartet hatte, noch wenig zu spüren. Die Zeitungsverlage waren Staatsbetriebe, die der Planwirtschaft unterlagen und den Beamten über jeden Yuan Rechenschaft ablegen mussten. Aber Deng, der Ende der dreißiger Jahre für die Parteizeitung „Hongxing“ (Roter Stern) zuständig war, viele Artikel persönlich verfasste und die Druckerpressen anfangs sogar noch beim Langen Marsch mitschleppen ließ, hatte die Medien nicht vergessen.
Denn es geht um menschliche Schicksale
Heute sind die meisten Verlage zwar formal immer noch Staatsbetriebe, aber sie dürfen und sollen sich auch um private Investoren und Anzeigenkunden bemühen und die Gehälter ihrer Angestellten selbst festsetzen. Dadurch ist unter den Medien schnell eine Wettbewerbsatmosphäre entstanden. In den vergangenen zwanzig Jahren sind so viele neue Zeitungen gegründet worden, dass man von einem regelrechten Boom sprechen kann. Nach Angaben des offiziellen Branchenblatts „Zhongguo Xinwen Chuban Bao“ gab es 2006 immerhin 1938 Tageszeitungen und 9468 Zeitschriften.
Eine der Zeitungen, die ich besonders gern lese, ist die „Fazhi Zhoubao“ (Wochenzeitung über Rechtsprobleme) aus Hunan. Sie wird von der Radio-, Film- und Fernsehgesellschaft Hunau herausgegeben, kam 2005 auf den Markt und wurde sofort mit einem Preis für Kreativität ausgezeichnet. Der Name klingt zwar nach einem Fachorgan für Juristen, in Wirklichkeit handelt es sich aber um eine leicht lesbare Zeitung mit starkem emotionalem Gehalt. Denn es geht um menschliche Schicksale.
Heute sind ihre Meinungen gefragt
Nehmen wir die Ausgabe vom 28. März. Auf der ersten Seite eine Reportage über den Selbstmord eines fünfzehn Jahre alten Schülers. Warum hat der Junge sich umgebracht? Der Journalist interviewt Verwandte, Nachbarn und Mitschüler. Unten auf der Seite ein Bericht über drei junge Frauen, die wegen Anlagebetrugs vor Gericht standen. Eine von ihnen, eine gewisse Du Yimin, hat 700 Millionen Yuan, umgerechnet 70 Millionen Euro, veruntreut und Hunderte Bürger um ihr Erspartes gebracht. Sie bekam dafür das Todesurteil. Dazu ein Interview mit einem Juraprofessor, der erklärt, warum man die Todesstrafe allmählich abschaffen sollte. Der erste Schritt sei: keine Todesstrafe mehr für Verbrechen ohne Gewalt zu verhängen. Wie hat die Zeit sich geändert! In der Kulturrevolution waren Intellektuelle „die stinkende Nummer neun“, durften nirgendwo mitreden. Heute sind ihre Meinungen gefragt.
„Fazhi Zhoubao“ ist eine überregionale Zeitung. Sie hat 16 Seiten und erscheint zweimal die Woche. Anzeigen gibt es nicht viele. Die Bilder sind relativ klein. „Fazhi Zhoubao“ kämpft für einen chinesischen Rechtsstaat - mit Gefühl. Da liest man über eine Justizbeamtin, die sich acht Jahre lang um den Sohn einer hingerichteten Mörderin kümmert. Auf dem Foto liest sie einen Brief ihres Zöglings - und sieht gerührt aus. Oder die Geschichte einer Investitionsruine in Kanton: Das Hochhaus blieb jahrelang eine Baustelle, weil den Besitzern das Geld ausgegangen war. Solche „Häuser mit faulem Schwanz“ gibt es viele inzwischen. Aber diese Geschichte geht gut aus: Bei der Zwangsversteigerung wird das Haus von der Ölgesellschaft Gangdong übernommen. Heute ist es ein Schmuckstück. So etwas lesen Chinesen gern.
Durch mutige Berichte zu einer einflussenreichen Zeitung
Unter den allgemeinen Tageszeitungen mag ich besonders die „Nanfang Dushi Bao“ (Zeitung der südlichen Städte) aus Kanton. Die Nanfang-Pressegruppe gehört dem Staat, aber seit ihrer Gründung im Jahr 1997 ist „Nanfang Dushi Bao“ durch viele mutige Berichte aufgefallen und schnell zu einer der einflussreichsten Zeitungen aufgestiegen. Sie hat zum Beispiel den Fall Sun Zhigang ans Licht gebracht: Der junge Angestellte einer Konfektionsfirma war in Kanton festgenommen worden, nur weil er keinen Ausweis bei sich hatte.
Er wurde ins Aufnahmelager für Landstreicher gesperrt und dort totgeschlagen. Die Berichte entfachten eine breite Diskussion und führten zu einer Reform der Bestimmungen. Auch bei der Lungenkrankheit Sars hat die Zeitung sich gegen die Nachrichtensperre gewehrt und über Erkrankungsfälle in Kanton berichtet. Später wurde sie von der Steuerbehörde schikaniert, was die Öffentlichkeit als Rache an den mutigen Journalisten verstand.
Über Machtkämpfe der Politiker wird in der „Nanfang Dushi Bao“ nicht berichtet. Aber es gibt auch keinen Personenkult. „Nanfang Dushi Bao“ hat inzwischen ein dichtes Korrespondentennetz in ganz China und verschiedene Regionalausgaben. Nach Angaben der Fachzeitschrift „Xinwen Jizhe“ (Nachrichtenjournalisten) aus Schanghai hatte die „Nanfang Dushi Bao“ 2003 bereits eine Auflage von 1,17 Millionen. Damit belegte sie den sechsten Platz unter den Tageszeitungen Chinas. Zum Vergleich: „Renmin Ribao“, die Zeitung des Zentralkomitees, die tonangebend ist für die politische Berichterstattung, belegte mit 1,73 Millionen Platz zwei. Die überregionale Zeitung „Cankao Xiaoxi“ (Zu empfehlende Informationen) der Xinhua-Agentur mit vielen Auslandsberichten steht seit Jahrzehnten auf Platz eins. 2003 betrug ihre Auflage 2,67 Millionen Exemplare am Tag.
Aber auch wenn kritische Kommentare gefährlich und politische Spekulationen in China nahezu unbekannt sind, ist die konkrete Berichterstattung (trotz der Beschränkungen bei einigen Themen) doch immer freier und objektiver geworden. Auch die Rückkehr Hongkongs mit seiner nahezu unbeschränkten Presse- und Meinungsfreiheit hat dazu beigetragen. Heute darf man hoffen, dass der chinesischen Presse eine lange Blüte bevorsteht.