28.01.2010 · In China hielt sich die Begeisterung über das iPad in Grenzen. Denn schon vor einigen Monaten hatte im südchinesischen Shenzhen das P88 das Licht der Welt erblickt, das dem neuen Apple-Produkt täuschend ähnlich sieht.
Von Mark SiemonsIn China hielt sich die Überraschung über die Weltneuheit in Grenzen. Schon im Oktober hatte nämlich die im südchinesischen Shenzhen ansässige Firma „Great Loong Brother Industrial“ eine Art iPad herausgebracht, der dem jetzt in San Francisco vorgestellten Gerät täuschend ähnlich sieht: Der „P88“ ist etwas größer und schwerer als das amerikanische Modell und hat vor allem nur anderthalb statt zehn Stunden Speicherkapazität, ist dafür mit 440 Dollar aber auch billiger. In amerikanischen Blogs ist jetzt schon vom „Präventiv-Klonen“ die Rede, einer neuen Stufe der zwischen China und dem Westen andauernden Diskussion über die verschwimmenden Grenzen zwischen Originalität und Nachahmung, in diesem Fall eher Vorahmung.
Doch auch die neue Apple-Kreation stößt auf Interesse. Die Hauptstadtzeitung „Xin Jing Bao“ bezeichnete sie als „Köder“, der die größten IT- und Medienfirmen auf ihre Spur locken werde. Tatsächlich sagte Chen Mingyang, der stellvertretende Chefredakteur der führenden Wochenzeitung „Nanfang Zhoumo“, in Kanton im Gespräch mit dieser Zeitung, er sehe im iPad die Chance, neue Leserschichten zu erreichen. Eine Gefahr erkennt er nicht, da „Nanfang Zhoumo“ sein Publikum durch eine Tiefe finde, die durch Agenturen oder Internetportale nicht zu ersetzen sei. Der Chefredakteur der Tageszeitung „Nanfang Dushibao“ in Kanton, Zhuang Shenzhi, ist etwas skeptischer, weil man bis jetzt nicht wisse, ob das bezahlte Lesen im Internet tatsächlich zukunftsträchtig sei. Bis jetzt verkaufe seine Zeitung Abonnements für Nachrichten, die dreimal am Tag aufs Handy oder iPhone gesendet werden. Auch He Longsheng von der „Xin Jing Bao“ hat gute Erfahrungen mit diesen SMS-Abos gemacht und sieht in Geräten wie dem iPad eher eine „Herausforderung“. Die Internetpräsenz habe der Zeitung zwar bisher viele Leser, aber kein Geld gebracht.
Die größte Diskussion entfacht in China bislang jedoch eine schäbige Kehrseite der coolen Benutzeroberfläche: Das Gerät wird wie viele andere Apple-Produkte von der taiwanischen Firma Foxconn in Shenzhen hergestellt, die in den letzten Jahren immer wieder wegen erbärmlicher Arbeitsbedingungen und rätselhafter Todesfälle von sich reden machte. Im Internet sind Verse der dortigen Fabrikarbeiter dokumentiert: „Man arbeitet bis zum Tode / erschöpfter als ein Esel / früher aufgestanden als ein Hahn / später Feierabend als eine Nutte / nach fünf Jahren älter aussehend als alle anderen.“ Im Internetforum Tianya schrieb gestern jemand: „Viele internationale Firmen haben ein seriöses Image, aber wenn sie nach China gehen, sind sie wie entfremdet. Warum?“