http://www.faz.net/-gqz-9595x

Chaos Communication Congress : Die Twitterinsel der AfD-Getreuen

Wie erkennt man Bots in sozialen Netzwerken? Bild: Reuters

Zwei Vorträge auf dem Chaos Communication Congress beschäftigen sich mit der AfD und ihrem rasanten Aufstieg. Sind die Medien schuld - und welche Rolle spielen Bots?

          Wo es eine besorgniserregende Entwicklung gibt, da gibt es bald auch Erklärungsversuche. Zum Beispiel im Falle der AfD und ihres guten Abschneidens bei der letzten Bundestagswahl: Sind die Medien schuld? Haben sie der AfD und ihren Thesen überdurchschnittlich viel Platz eingeräumt, sie gar hochgeschrieben? Waren es Bots, die die Partei in sozialen Netzwerken unterstützt haben? Gibt es eine AfD-Blase, die wie ein eigener Echoraum funktioniert, oder kommen die Anhänger der Partei aus der Mitte der Gesellschaft?

          Zwei Vorträge auf dem Chaos Communication Congress in Leipzig haben sich dieser Thesen - oder Mythen, je nachdem - angenommen. Zum einen am Mittwoch Alexander Beyer, Mitglied einer Forschungsgruppe an der Universität Vancouver. Er beschäftigte sich mit der These „Medien sind schuld am Aufstieg der AfD“ und fragte, wie das überhaupt vor sich gehen könne. Durch Überredung der Leser? Dass das nicht funktioniert, haben frühere Untersuchungen schon gezeigt. Leser lassen sich nicht so einfach in ihrer Meinung beeinflussen. Eher schon durch das, was in der Medienwissenschaft „Medien-Priming“ heißt, nämlich eine unbewusste Beeinflussung der Themenfelder, über die das Publikum nachdenkt und die ihm wichtig sind. In diesem Falle würde das bedeuten, die Medien hätten überproportional stark über Flüchtlinge berichtet, und den Wählern wäre dieses Thema dadurch erst ins Bewusstsein gerückt, wovon wiederum die AfD profitiert hätte.

          Plötzlich hatte die Arbeitslosigkeit ausgedient

          Beyer hat nun 8500 Artikel aus dem „Focus“, der „Bild“, der „Welt“ und dem „Spiegel“ ausgewertet und zunächst einmal quantitativ erfasst, wie oft jede Partei erwähnt wurde. In der Hälfte der Artikel kam die CDU vor, die hat eben den Kanzlerinnenbonus, dann folgen mit knapp 30 Prozent die SPD und die AfD mit 10,2 Prozent - was ungefähr dem Wahlergebnis entspricht. Online spielte die AfD eine etwas größere Rolle. Interessant ist aber der zeitliche Verlauf: im Sommer liegt das Interesse an der AfD bei Zeitungsartikeln noch im einstelligen Bereich, zum Ende des Wahlkampfes bei etwa 20 Prozent. Ausschläge nach oben gibt es bei besonders steilen Thesen.

          Bei den Umfragen geht es für die AfD ab Mitte August stetig bergauf, und ebenso bei den Medienerwähnungen. Aber einen Zusammenhang konnten die Forscher nicht ausmachen. Wenn es eine Themensetzung durch die Medien gegeben hätte, hätten die Medien massemäßig vorlegen müssen, und die AfD-Beliebtheitskurve wäre dem hinterhergehinkt.

          Bleibt die Themenfrage. Die Berichterstattung über Flucht und Immigration lag während des gesamten Wahlkampfes ziemlich durchgehend bei einem Anteil von 10 bis 20 Prozent der erfassten Artikel. Seit der vorangegangenen Wahl im Jahr 2013 hatten Arbeit und Arbeitslosigkeit als alles dominierende Hauptthemen ausgedient, plötzlich war den Wählern Immigration wichtiger als alles andere.

          Können das nicht alles Bots sein?

          Ein guter Indikator für das, was Menschen interessiert, ist die Google-Suche. Und da lässt sich, so zeigt Beyer, eben doch eine Verbindung ausmachen, wenn man zwei Zeitkurven übereinanderlegt: Immer dann, wenn besonders oft „Flüchtlinge“ gegoogelt wurde, stiegen am nächsten Tag die Erwähnungen der AfD in den Medien. Es ist also offenbar so, sagt Beyer, dass die Medien den Menschen die Themen bieten, die sie wünschen.

          Durchaus interessant ist auch eine Analyse von deutschsprachigen Twitternachrichten, die grafisch dargestellt präsentiert wurde. Außerhalb des buntgescheckten, politisch diversen lockeren Netzes gibt es, etwas außerhalb gelegen, eine festumrissene, ziemlich große blaue Insel der AfD-Getreuen. Zumindest auf Twitter kommen die AfD-Anhänger nach dieser Darstellung nicht aus der Mitte der Gesellschaft. Während sich die meisten politisch gelagerten Accounts eher lose zusammenknüpfen, ist das bei den AfD-Accounts anders, sie bilden eine hermetische Blase, die sich retweetet und vor allem untereinander kommuniziert. Wie viele davon sind überhaupt echt? Können das nicht alles Bots sein?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          FAZ.NET-Sprinter : Grüne Städte und weiße Elefanten

          Mit einer Abstimmung über den Migrationspakt will Jens Spahn für Transparenz sorgen. Donald Trump scheint die Heimlichtuerei Riads im Fall Khashoggi hingegen nicht zu stören. Was sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.