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Psychologie des Internets : Warum sich Menschen online danebenbenehmen

So einfach ist das nicht mit dem Multitasking: Die meisten überfordert es. Besser, man nimmt auf derart involvierte Zeitgenossen etwas Rücksicht, wie dieses Straßenschild in Stockholm fordert. Bild: AFP

Wer im Netz unterwegs ist, vergisst sich selbst: Catarina Katzer kennt die Mechanismen, die dahinterstecken. Und erklärt, warum wir ab und zu ein bisschen Abstand vom virtuellen Raum brauchen.

          Frau Katzer, als Wissenschaftlerin beschäftigen Sie sich damit, wie das digitale Leben uns verändert. Gerade jetzt zum Beispiel habe ich das Mailprogramm und den Browser offen, ich telefoniere mit Ihnen und das Telefon zeichnet das Gespräch auf. Was macht dieses Multitasking mit mir?

          Es wird ja immer behauptet, gerade junge Leute beherrschten  Multitasking sehr gut und es würde die Lernfähigkeit steigern. Wenn man aber schaut, was dahintersteckt, muss man feststellen: Nur zwei Prozent der Menschen sind fähig, wirklich zu multitasken, das ist eigentlich keiner. Wir sind damit überfordert. Wir arbeiten auf verschiedenen Bewusstseinsebenen: Wenn ich meine E-Mail bearbeite, ein Telefongespräch führe, nebenbei noch andere Texte schreibe und schaue, was auf Instagram los ist, dann versuchen wir, uns auf alle diese Wahrnehmungsebenen gleichzeitig zu fokussieren. Aber das schaffen wir nicht. Das führt dazu, dass wir unkonzentrierter, oberflächlicher und ungeduldiger werden.

          Aber worin besteht denn der Unterschied, ob ich an meinem Computer oder Smartphone herumklicke, oder ob ich in einem Buch und einer Zeitschrift blättere und nebenbei läuft noch der Fernseher?

          Der große Unterschied, wenn ich in einer Zeitschrift blättere und Radio oder Fernsehen laufen lasse ist der, dass das ein Medium ist, das ich zwar rezipiere, in dem ich aber nicht aktiv bin. In dem Moment, in dem ich eine App öffne, bin ich der Handelnde. Ich begebe mich in diese Welt und tue etwas, und dann konzentriere ich mich stärker darauf. Es ist aber auch wieder ein Unterschied, ob ich nur bei Amazon ein Buch kaufe oder zum Beispiel bei Facebook mein Profil ändere oder bei Elitepartner einen neuen Freund suche. Das heißt, je mehr ich persönlich engagiert und emotional beteiligt bin, umso stärker bin ich abgelenkt.

          Es  ist also etwas anderes, wenn ich mit Menschen interagiere, die ich gut kenne, als wenn ich mich bei Ebay durch Staubsaugerbeutel klicke.

          So ist das. Sobald ich mich in sozialen Netzwerken bewege, befinde ich mich in einer Gruppe und in einer sozialen Interaktion. Und das emotionale Engagement ist umso höher, je mehr ich zu einer Gruppe dazugehören möchte. Umso eher werde ich versuchen, mich gut darzustellen. Und natürlich werde ich versuchen, mich dem Rhythmus und der Sprache der Gruppe anzupassen – und ihrem Onlineverhalten.

          Wie wirkt sich das Internet denn auf unsere sozialen Beziehungen aus?

          Beziehungen sind heute anderer Art. Sie sind eher kurzfristig angelegt und teilweise oberflächlicher. Viele Beziehungen werden ökonomisiert, das heißt, es wird geschaut, ob jemand einen Nutzen für mich hat. Dieser Werterwartungsnutzen spielt eine wichtige Rolle, mit wem ich mich befreunde. Da frage ich, ist der vielleicht einmal wichtig für mein zukünftiges Leben, meine Berufswelt, oder kann ich über den an andere Freunde kommen? Obwohl wir uns natürlich auch mit unseren echten Freunden vernetzen, schauen wir, mit welchen anderen Menschen wir noch zu tun haben können, und da richten wir uns im Internet nach anderen Kriterien. Diese Kriterien haben wir im echten Leben auch nicht: Wenn wir in eine Kneipe gehen und flirten, sind das Dinge wie Gestik, Mimik, Aussehen, Sprache, Stimmlage, Blick, die eine Rolle spielen. Das fällt ja alles weg. Uns bleibt nur, was andere von sich preisgeben.

          Den Blick für das eigene digitale Verhalten schärfen: Catarina Katzer, Volkswirtschaftlerin und Sozialpsychologin.
          Den Blick für das eigene digitale Verhalten schärfen: Catarina Katzer, Volkswirtschaftlerin und Sozialpsychologin. : Bild: privat

          Und die versuchen, sich zu verkaufen.

          Genau. Ich versuche, mich gut darzustellen und ökonomisiere mich dadurch auch. Alles, was mich an mir stört, das lasse ich im Netz weg.

          Aber es muss gleichzeitig auch eine Lust am Schauen geben. Das Senden von Bildern und Signalen ist ja keine Einbahnstraße.

          Richtig. Dieser Voyeurismus, zuzuschauen, wie andere sich darstellen, das ist ein Trieb, der grundsätzlich in uns angelegt ist. Das hat damit zu tun, dass ich mein Umfeld immer abchecke: Welche Person kann mir gefährlich werden? Kann die mir meinen Freund oder meinen Job wegschnappen? Und dieser Hintergrund spielt auch im Netz eine Rolle. Wenn man an die Selfie-Manie denkt oder an Instagram: Häufig macht man zwanzig, dreißig Fotos, und die werden ganz gezielt inszeniert. Man möchte einen bestimmten Eindruck bei anderen hinterlassen und abchecken: Wie sind die anderen? Hab ich eine Chance in dem Feld? Bin ich vielleicht sogar besser, spreche mehr Sprachen und habe tollere Hobbys? Bin ich interessanter für andere?

          Man checkt Menschen ja auch im echten Leben ab, aber online sieht man sofort alles: Die Kinder, das Haus, die Terrasse, den Urlaub. Da hat man gleich einen viel tieferen Einblick in das Leben der anderen.

          Das ist ja etwas, was wir im normalen Alltag nicht machen würden. Wenn ich in der Bahn oder im Flugzeug sitzen würde, dann würde ich meinem Sitznachbarn nicht sofort ein Bikinifoto von mir zeigen. Oder sagen: Das ist mein Haus, das ist mein Pferd, das ist mein Auto. Im Netz ändert sich das. Im Netz haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie privat, wir sind doch unter uns.

          Wie kommt das denn, dass man sich immer so schön sicher fühlt?

          Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich, so wie ich jetzt auch mit ihnen rede, in meinem Wohnzimmer sitzen bleibe. Hier ist ja kein Fremder dabei! Und dieses Gefühl schleppe ich auch mit ins Netz. Sobald ich mich im sozialen Netzwerk bewege, bin ich zwar mit vielen Leuten verbunden, aber mein Hirn nimmt das nicht so wahr. Ich sitze ja gemütlich bei mir zu Hause, und die Tür ist zu. Wir unterliegen da einer Privatheitsillusion und merken nicht, dass da eigentlich hunderte von Leuten mit mir auf dem Sofa sitzen. Nämlich nicht nur meine Freunde, sondern auch deren Freunde. Und vielleicht noch irgendein beruflicher Kontakt. Dazu kommt, dass wir im Netz grundsätzlich eine gewisse Selbstöffnungstendenz haben.

          Ist es denn ein bestimmter Menschentyp, der sich von sozialen Netzwerken angezogen fühlt?

          Ja, es gibt Persönlichkeitsfaktoren: Leute, die schon eine gewisse Selbstöffnungstendenz haben, die eine Außenwirkung haben oder eloquent wirken wollen und eher auf Leute zugehen. Die graue Maus postet eher nicht so viele Fotos von sich.

          Wir inszenieren uns im Netz, probieren dort Verhaltensweisen aus und übertragen sie ins echte Leben: Grumpy Cat bei Madame Tussauds.
          Wir inszenieren uns im Netz, probieren dort Verhaltensweisen aus und übertragen sie ins echte Leben: Grumpy Cat bei Madame Tussauds. : Bild: dpa

          Dabei könnte doch gerade die graue Maus sich im Internet als jemand ganz anderes darstellen.

          Das gibt es schon, dass Personen, die im normalen Umfeld eher zurückhaltend sind, das Netz nutzen, um ganz anders zu sein. Das Interessante ist aber: Das ist nicht die Mehrheit. Eher sind wir so, wie wir im Netz sind, auch im Real Life. Aber jetzt kommt das Spannende. Die Frage ist nämlich: Wo sind wir zuerst so? Wir haben früher vielfach oft übersehen, dass das Netz ein richtiger Lebensraum und damit auch ein Lernmedium ist, in dem Verhalten ausprobiert wird, in dem Vorbilder entstehen, Werte, Normen, Verhaltensweisen. Wenn wir in Gruppen eintreten, in denen wir uns wohl fühlen, nehmen wir diese Verhaltensweisen an und mit zurück ins normale Leben.

          Erklärt das auch, warum so viele ihre guten Manieren im Netz komplett ablegen?

          Ja. Diese Trennung zwischen meinem Körper, der zu Hause sitzt, und meinem Kopf, mit dem ich ins Netz gehe und dort handele, führt dazu, dass ich mich als handelnde Person gar nicht richtig wahrnehme. Die Regeln und Normen, die ich im Alltag anwende – ich stelle mich im Supermarkt ordentlich an, ich klaue nichts –, das fällt im Netz schneller weg, weil ich mich selbst nicht betrachten kann, ich spüre mich nicht und sehe auch nicht, wie ich agiere. Die Selbstaufmerksamkeit verschwindet, und ich werde Teil einer großen Masse, nämlich derer, die da im Netz herumschwirren. Das führt zu diesem Sozialverhalten, dass ich rumprolete und denke, man sieht mich nicht, ich sehe mich nicht, strafbar mache ich mich auch nicht, und ich bin ja nur Teil einer großen Masse.

          Menschen benehmen sich online also schlecht, weil es vermeintlich alle anderen auch tun?

          Das ist eine wunderbare Entschuldigung oder Ausrede, die machen es, da mach ich mit. Das sieht man sehr schön, wenn wir uns die Dynamik von Shitstorms betrachten: wie die manchmal anfangen und welche Intensität die entwickeln und wie sich da die Tonlage verändert, fäkallastiger wird, brutaler, aggressiver. Je mehr mitmachen, umso schlimmer wird es. Wir fühlen uns geschützt in der Masse und gehen in der Anonymität unter. Und da treten dann auch unsere Wertvorstellungen zurück. Wenn wir das im normalen Leben gar nicht machen würden, weil wir denken, das ist vielleicht doch nicht so gut – im Netz trau ich mich das.

          Ist jeder Mensch anfällig dafür, Teil eines Shitstorms zu werden?

          Wenn man sich verschiedene Shitstorms anschaut, kann man sagen: Es ist eher ein männliches Phänomen. Es gibt aber auch Frauen, die so etwas auslösen. Wenn man sich einmal den Fall Markus Lanz anschaut, da gab es eine Dame, die den Shitstorm initiiert hat, aber die hat eigentlich nur eine Meinung geäußert, und auch gar nicht besonders drastisch. Aber viele haben dann diese etwas kritische Meinung zum Anlass genommen, um richtig auf Markus Lanz draufzuhauen. Die haben gedacht, die bietet den Startschuss – und dann entwickelt sich etwas. Und das Verrückte war, dass diese Frau, die das initiiert hat, nachher völlig schockiert war, wie schlimm das plötzlich wurde.

          Bewegen sich denn Frauen und Männer anders im Internet?

          Man kann schon sehen, dass Frauen in Sozialen Netzwerken besonders aktiv sind, weil diese soziale Kommunikation für sie ganz wichtig ist. Deshalb sind auch eher Frauen und junge Mädchen anfällig für eine Art Facebooksucht oder Soziale-Netzwerk-Sucht, weil bei ihnen eher die Vernetzung, das kommunikative Miteinander eine Rolle spielt. Bei jungen Männern hat die Internet-Nutzung häufig etwas mit Spaß, Entladung, Wettbewerb, auch mit Spiel zu tun.

          Mein Haus, mein Auto, mein Pferd: Wir stellen uns online anders dar. Und erfahren auf einen Schlag viel mehr vom anderen.
          Mein Haus, mein Auto, mein Pferd: Wir stellen uns online anders dar. Und erfahren auf einen Schlag viel mehr vom anderen. : Bild: instagram

          Werden Frauen denn öfter von Pöbelei getroffen?

          Frauen werden häufig Opfer von Sexismus, der sich im Netz mittlerweile doch sehr breit macht. Wenn wir uns den Bereich des Cybermobbings anschauen, sehen wir, dass mittlerweile mehr Mädchen und junge Frauen involviert sind, das war früher anders.

          Auch als Mobberinnen?

          Auch als Mobberinnen, ja. Obwohl das früher eher eine Art Jungenphänomen war, sieht man, dass jetzt Mädchen besonders stark beteiligt sind und das Netz nutzen, um jemanden fertigzumachen, um Lügen zu verbreiten. Vor allem das subtile Fertigmachen spielt bei Mädchen eine Rolle. Bei Jungs hat das eher mit Unter-Druck-setzen, mit Erpressen und auch physischer Gewalt zu tun. Vielfach werden Videos gemacht, in denen junge Männer verprügelt werden und ins Netz gestellt. Dann wird ausgetauscht: Wer hat das brutalste Video?

          Wir erleben jetzt eine Generation, die mit dem Internet aufwächst. Wir sind langsam da hineingewachsen, aber die jungen Leute werden komplett mit dem Internet sozialisiert. Welche Auswirkungen hat das?

          Von den Jugendlichen und den Kindern sagt man, dass sie die Digital Natives seien, mit dem Handling viel besser klarkommen, alles viel besser wissen und mit der Technologie besser umgehen können. Aber sie haben die Lebenserfahrung nicht. Sie wissen nicht, was im Netz mit ihnen passieren kann und welche psychologischen Auswirkungen ihr Verhalten haben kann. Ich stelle bei Gesprächen mit jungen Leuten an Schulen immer wieder fest, dass sie ganz wissbegierig sind, wenn man mit ihnen diskutiert: Was passiert eigentlich mit mir, wenn ich online bin? Wieso kommt es, dass ich weniger empathisch bin? Wie kommt es, dass es enthemmend ist, auf der anderen Seite aber auch viele ermutigt, über Probleme zu sprechen? Oder auch ermutigt, Hilfsaktionen zu starten! Das hat etwas damit zu tun, dass es im Netz einfach leichter ist. Wir müssen uns viel stärker mit diesen psychologischen Veränderungen auseinandersetzen. Diese Digital Natives leiden auch unter einer enormen digitalen Panik.

          Was ist denn „digitale Panik“??

          Jugendliche haben das Gefühl, dass die Gesellschaft von ihnen erwartet, dieses Medium perfekt bedienen können. Dann ist da schon wieder eine What’s-App-Gruppe, da muss ich wieder dabei sein, und ich muss vor allem sofort reagieren. Wenn jemand merkt, dass ich die Nachricht gesehen habe, aber nach drei Stunden noch nicht reagiert habe, dann wird der sauer.

          Welche Beziehungen sind für mich wertvoll, und wie muss ich mich verkaufen? Im Internet schauen wir eher, wer uns nutzen kann.
          Welche Beziehungen sind für mich wertvoll, und wie muss ich mich verkaufen? Im Internet schauen wir eher, wer uns nutzen kann. : Bild: AP

          Da entsteht dann so ein Echtzeitdruck.

          Genau. Den spüren nicht nur wir Älteren, sondern auch die Jugendlichen, sogar ganz extrem. Und der setzt sie unter einen enormen psychischen Druck. Da entsteht das Gefühl, dass sie, wenn sie nicht mithalten können, aus der Gesellschaft herausfallen. Also entweder bin ich Super-Multitasker – oder Hartz IV. Es gibt ja keine Sicherheit mehr, wie sich mein Berufsweg abzeichnet, ob sich mein Studium lohnt – diese Unsicherheiten werden dadurch noch verstärkt.

          Aber gleichzeitig ist es doch wunderbar, wenn alle Informationen, die man haben will, nur einen Klick weit weg sind. Das ist doch dann sicher auch eine Generation, die sehr viel Wissen akkumuliert.

          Auf der einen Seite haben sie recht. Aber wir unterliegen auch einer gewissen Wissensillusion. Wenn wir etwas bei Google suchen, dann wird ein Ergebnis präsentiert, das mit dem zu tun hat, was wir suchen. Da wird etwas für mich gefiltert. Normalerweise würde ich das selbst tun, indem ich mich fokussiere, selbst auswähle und mich umschaue. Im Netz schaut sich Google für mich um. Google lernt, was ich möchte, und gibt mir nur noch das, was ich angefordert habe. Dadurch schränke ich meinen Blick ein. Das Zweite ist, wenn ich das Gefühl habe, ich drücke nur auf ein Knöpfchen, und dann kommt ja alles, dann merke ich mir nichts mehr. Dann geht nichts mehr in den Langzeitspeicher über. Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass wir die Fähigkeiten unseres Langzeitspeichers bisher immer unterschätzt haben. Viele Ärzte, mit denen ich diskutiere, sagen, das ist doch nicht schlimm, die Generation von heute muss doch nur wissen, wo sie etwas findet. Aber wenn ich dadurch nur meinen Kurzzeitspeicher füttere, dann vernachlässige ich meinen Langzeitspeicher. Doch den brauche ich, um komplexe Probleme lösen zu können. Meine Leistungsfähigkeit wird dadurch verringert. Wenn ich mein Gehirn unterfordere, beraube ich mich also bestimmter Fähigkeiten. Und das darf man nicht passieren lassen.

          Was können wir denn dagegen tun? Digital Detox, in den Wald gehen?

          Das ist immer eine gute Sache! Aber auf jeden Fall müssen wir den Blick für unser eigenes digitales Verhalten schärfen. Wir sollten schauen, wie viel Netz uns gut tut. Und vor allen Dingen: Wie verändere ich mich dadurch? Ich stelle an mir selbst  Veränderungen fest, Dinge, die mich stören. Ich habe angefangen, viel mit dem Tablet zu lesen, weil ich dachte, da muss ich keine Bücher mehr schleppen, toll. Dann stellte ich aber fest, dass ich ganz anders lese.

          Lesen wir elektronisch anders? Am besten, wir prüfen uns genau, wie wir uns verändern – und ob wir das wollen.
          Lesen wir elektronisch anders? Am besten, wir prüfen uns genau, wie wir uns verändern – und ob wir das wollen. : Bild: Reuters

          Das geht mir auch so! Ich habe einen E-Reader, und ich habe dann immer das Gefühl, ich habe das Buch nie gelesen.

          Sehen Sie? Genau so geht es mir auch. Ich gehe jetzt wieder in die Buchhandlung und kaufe mir dort ein Buch, weil ich wieder anders lesen möchte. Und weil ich mir auch wieder mehr Zeit dafür nehmen möchte. Ich habe durch den E-Reader auch das Gefühl, ich muss es schnell gelesen haben, und dadurch erfasse ich das Buch nicht richtig. Ich merke auch, dass das Netz Auswirkungen auf mein sonstiges Verhalten hat, ich werde generell oberflächlicher, ich lese manche E-Mails gar nicht mehr richtig und mache dann Fehler. Ich bin auch schon zu spät und zu falschen Terminen gekommen. Deshalb ist so ein bisschen Detox ganz gut – eben Aufmerksamkeit unserem Verhalten gegenüber.

          Gibt es denn auch positive Auswirkungen, die das Internet auf uns hat?

          Ja! Ich denke, ganz viele. Zum Beispiel beim Sozialverhalten. Wir schauen da immer nur auf Shitstorms und Hass im Netz. Es gibt aber auch die positiven Dinge. Gruppen, die sich bilden, um Flüchtlingen zu helfen. Gruppen, die Geld sammeln, oder anderen eine Chance geben, durch Crowdfunding zum Beispiel. Manche Projekte würden gar nicht zustanden kommen, wenn es solche Plattformen nicht gäbe. Oder denken sie an Kriegsgebiete, da gibt es Menschen, die ein Smartphone haben und Dinge aufnehmen und uns dadurch ihre Welt nahebringen. Wir können das, was in anderen Ländern passiert, besser verstehen. Natürlich gibt es auch da Risiken, dass solcher Bürgerjournalismus sehr emotional ist – oder einfach Fake.

          Da müssen wir eben auch fähige Filter werden, um das einschätzen zu können.

          Und das können wir nur, indem wir unseren Blick schärfen, mit offenen Augen durchs Netz gehen uns unseren Verstand nicht vor dem Bildschirm abladen. Wir müssen kritisch werden und nicht allem Glauben schenken. Es ist natürlich einfach und sehr bequem, alles zu glauben, ohne selbst viel Input geben zu müssen. Das kann aber auch unser Gehirn bequemer und langsamer machen.

          Aber das hängt dann von uns ab.

          Die Technologie, die wir jetzt haben, ist ein Tool, mit dem wir alles Menschliche, das wir vorher getan haben, auch tun. Nur, dass diese Technologie uns jetzt noch ganz andere Möglichkeiten bietet. Technologie war früher Rezeption: Ich hab was gehört, ich hab was gesehen, ich habe allenfalls ein Videospiel mit ein paar Freunden gespielt. Das war auf einen gewissen Personenkreis begrenzt. Heute kann ich mit vielen Leuten Kontakt aufnehmen. Das hat viele Vorteile: In meiner Schulzeit hatten wir in meiner Klasse Jugendliche, bei denen man merkte, die haben ein Problem mit sich, mit ihrer Identität, auch mit ihrer Sexualität – mit wem konnten die dann sprechen? Heute habe ich einen viel größeren Personenkreis zur Verfügung, und das tut einem auch gut!

          Die Fragen stellte Andrea Diener.

          Catarina Katzer ist Volkswirtin und Sozialpsychologin. Sie forscht auf den Gebieten Cyberpsychologie und Medienethik. Zuletzt erschien von ihr bei dtv der Band „Cyberpsychologie. Leben im Netz: Wie das Internet uns ver@ndert“.

          Quelle: F.A.Z.

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