10.02.2012 · Erfolgreicher als „Unser Star für Baku“ und ernsthafter als „Deutschland sucht den Superstar“: mit „The Voice“ hat Pro Sieben Sat.1 einen Casting-Hit gelandet.
Von Peer SchaderVor einer Woche war Halbfinale bei Deutschlands jüngster TV-Talentsuche. Die ersten beiden Kandidatinnen hatten ihre Auftritte auf der riesigen Bühne gerade absolviert, da konnte sich Nena in ihrem roten Jurysessel nicht mehr zurückhalten: „Das ist so abgefahren, hier zu sitzen, in einer Castingshow, die so viel Spaß macht und wo die Leute echt ihre eigenen Songs singen können!“
Mit ihrer Euphorie ist die Sängerin nicht allein. Aus dem Stand heraus begeisterte „The Voice of Germany“ in den vergangenen drei Monaten ein Millionenpublikum, das tatsächlich Kandidaten im Fernsehen zuhören wollte, wie sie besonders gut singen. Mehr als fünf Millionen hatten im Dezember eingeschaltet, als die Show noch abwechselnd bei Pro Sieben und Sat.1 lief. Nach der Weihnachtspause sind die Zuschauerzahlen mit Beginn der Liveshows zwar gesunken, in der vergangenen Woche sahen noch 3,18 Millionen zu. Doch die Show ist trotzdem ein Erfolg für die Sendergruppe - einerlei, wer am Freitag von den Zuschauern zum Sieger gewählt wird.
Weil sich Pro Sieben Anfang Januar aus der Ausstrahlung verabschiedete, um „Unser Star für Baku“ zu starten, hat vor allem Sat.1 von der Show profitiert - weil der Sender damit Marktanteile erzielte, von denen die Verantwortlichen sonst nur träumen. Und weil Sat.1 endlich beweisen konnte, dass professionelles Livefernsehen nicht nur bei der Konkurrenz läuft.
Was den Aufwand angeht, die große Bühne und die gespannte Atmosphäre, kann sich „The Voice“ jederzeit mit „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) messen. Inhaltlich ist die Show allerdings meilenweit entfernt vom RTL-Casting, das immer stärker als Dokusoap inszeniert wird, weshalb das Können der Teilnehmer oft nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.
„Ich habe immer daran geglaubt: Wenn wir noch mal eine neue Castingshow machen, müssen wir dafür einen ganz anderen Weg gehen - absolut konsequent“, sagt Wolfgang Link, der „The Voice of Germany“ bei Pro Sieben Sat.1 verantwortet. Wichtigstes Kriterium dafür war das Prinzip der „Blind Auditions“: In der Auswahlphase stellten sich die Kandidaten der Jury zunächst nur mit ihrer Stimme vor, ohne von den Juroren gesehen zu werden. Wer sich für ein Talent begeisterte, drehte sich herum - und holte den Bewerber damit in sein Team. Dadurch erhielten auch Sänger eine Chance, denen man auf den ersten Blick sonst vielleicht keine Popstar-Eignung attestiert hätte.
Das Konzept der Show stammt von dem „Big Brother“-Erfinder John de Mol, der „The Voice“ erst im holländischen Fernsehen erfolgreich testete und dann in die Vereinigten Staaten exportierte, wo sie 2011 beim Network NBC zum Erfolg wurde. Am Sonntag startete dort die zweite Staffel, direkt im Anschluss an die Übertragung des Super Bowl - und mit fast 38 Millionen Zuschauern.
Um die Idee, dass wirklich nur die Stimme zählt, auch in Deutschland glaubwürdig umzusetzen, verpflichtete Pro Sieben Sat.1 die Musiker Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey und die Mitglieder der Countrypop-Band The Boss Hoss als „Coaches“, die sich von Beginn an gut gelaunt um die besten Kandidaten stritten, ohne dass einer von ihnen die Deutungshoheit für sich beanspruchte. Während Dieter Bohlen bei DSDS vor lauter Selbstüberzeugung kaum noch laufen kann und seine Jurykollegen eher als schmückendes Beiwerk begreift, stehen die Talentprüfer bei „The Voice“ tatsächlich in direktem Wettbewerb miteinander. Jeder will die besten Künstler, um am Ende sagen zu können, dass sein Team gewonnen hat. Dabei wird schon mal geschubst und gestichelt, aber herablassend oder beleidigend äußert sich keiner.
Zu den Schwachpunkten der Show gehört, dass das Grundprinzip mit dem Ende der Castings verloren geht. Sobald die Bewerber ihren prominenten Team-Leitern zugeteilt sind, ist der Überraschungseffekt dahin. In sogenannten „Battles“ mussten die Teilnehmer zwar noch einmal gegen ihre direkten Konkurrenten antreten, bevor der Weg in die anschließenden Liveshows frei war. Aber spätestens mit deren Beginn riskierte „The Voice of Germany“, nur noch als eine Castingshow unter vielen wahrgenommen zu werden, die stur auf das Finale hinsteuert.
Selbst wenn die ersten Shows etwas langatmig gerieten, ist es dazu nicht gekommen. Zuletzt hat die Sendung sogar noch mal deutlich an Fahrt gewonnen. „Es ist durchaus eine Herausforderung, die einzelnen Liveshows so zu gestalten, dass sie sich deutlich von anderen Castingshows unterscheiden“, sagt Link. „Durch den neuen Aufbau und die schnelleren Entscheidungen können wir uns da noch mal abheben.“
Anstatt die Zuschauer die ganze Sendung über für alle Kandidaten anrufen zu lassen und die Entscheidung möglichst lange hinauszuzögern, traten die Kandidaten jedes Jurymitglieds vom Viertelfinale an direkt nacheinander auf. Anschließend entschieden der jeweilige Mentor und das Publikum per Telefonanruf, wer weiterkommen sollte. Eine Entscheidungsshow am späten Abend, wie sie ursprünglich geplant war und bei DSDS die Regel ist, wurde damit überflüssig.
Trotz sinkender Quoten hat Sat.1 das Versprechen gehalten, dass sich bei „The Voice of Germany“ bis zum Schluss alles um die Musik dreht. Auf der Bühne wurden die Kandidaten von Lillo Scrimali und seiner Band begleitet, die bis vor einigen Jahren noch bei DSDS spielte, wo die Musik inzwischen aus der Konserve kommt. Auch die Lebensbeichten der Teilnehmer bei „The Voice“ hielten sich in erträglichen Grenzen. Damit hat die Show all jene Zuschauer für sich gewinnen können, die bei der RTL-Extremvariante inzwischen abschalten.
Auch die Jurymitglieder haben durch ihre Beteiligung an der Show gewonnen: Xavier Naidoo konnte zeigen, dass er ziemlich viel Humor besitzt; und Nena hätte im Überschwang am liebsten die ganze Welt umarmt. „Das Besondere an ,The Voice of Germany’ ist für mich, dass die Coaches sehr stark in die Show und ihren Ablauf involviert sind“, sagt der Unterhaltungschef Link. „Bei ihrer Zusage haben uns alle fünf versprochen, mit voller Energie dabei zu sein - und daran halten sie sich auch.“
So angenehm die gegenseitige Unterstützung und der respektvolle Umgang auch sind: Dass die Show zur Übertreibung neigt, ist ihr größtes Manko. „Du hast eine magische Art“, werden Kandidaten gelobt. Oder: „Deine Stimme geht mir ins Herz!“ Manche könnten „jederzeit die Grammys eröffnen“, denn sie sind „Las Vegas in Person“. Sicher lebt diese Art Unterhaltungsfernsehen auch von der Überhöhung seiner Teilnehmer, ebenso wie von der Inszenierung einer Livestimmung, die manchen Studiozuschauer schnell an den Rand der Heiserkeit bringt. Aber die Zuschauer zu Hause merken sofort, wenn ein gewisses Maß überschritten wird, weil zu viel Lob schnell unglaubwürdig wirkt.
Dass „The Voice of Germany“ auch mit gemäßigtem Überschwang sehenswert bleibt, kann das Team beim nächsten Mal beweisen. Die Fortsetzung ist bereits beschlossene Sache. Nur wann es weitergeht und ob Pro Sieben dann über die gesamte Staffel an der Ausstrahlung beteiligt ist, steht noch nicht fest. Die Trailer laufen schon im Programm, gesucht werden „Musiker mit Leib und Seele“.
Wenn das Finale am Freitagabend zu Ende ist, muss Pro Sieben Sat.1 aber zunächst einmal beweisen, dass die Show wirklich der erfolgreiche Start in eine Musikkarriere sein kann. Das geht nicht, indem Schnellschüsse in Albenform abgefeuert werden, um noch möglichst viel Geld mit dem Sieger zu verdienen, bevor die nächste Runde beginnt. Der größte Test steht „The Voice of Germany“ also erst noch bevor.
Die Musik...
gerd hodina (hodger)
- 11.02.2012, 18:50 Uhr