12.04.2010 · Casting-Shows sind inszenierte Evolution. Der Zufall ist Programm: Nicht jeder kann ein Star sein - aber jeder kann einer werden. Das führt dazu, dass bei diesen Spektakeln vor allem Leute zuschauen, die nichts zu verlieren haben und sich nach einem Einkommen ohne Arbeit sehnen.
Von Jürgen KaubeDeutschland sucht gerade wieder, sucht eigentlich seit Jahren ständig den Superstar (RTL), das nächste Topmodel (ProSieben) und bald bei „Popstars“ (ProSieben) erneut die Girlgroup der Saison. Schon gefunden sind „unser Star für Oslo“ (ARD und ProSieben), das Supertalent (RTL) - ein Hundedresseur knapp vor einer Opernsängerin - und der nächste Uri Geller (ProSieben). Mitunter scheinen ganze Sender aus der Suche nach Stars zu bestehen. Auch in anderen Ländern wird unter Titeln wie „Indonesian Idol“, „Kaks takti ette“, „Afghan Star“ oder „Starmania“ auf dieselbe Weise gesucht.
Käme Besuch aus einer Region, die nicht an diese weltweite Starsuche angeschlossen wäre, müsste er sich über sie wundern. Denn weshalb eigentlich wird unter großer Anteilnahme vor allem des jugendlichen Publikums etwas eigens gesucht, das es doch in Überfülle gibt? Die Stars wachsen schließlich seit Jahren wie die Pilze. Ihre Zahl scheint inzwischen auch ohne Casting-Shows proportional zu den Fernsehprogrammen und Gazetten. Köche, Tätowierer und Frisöre sind Stars, Biathletinnen und Schriftsteller, Exsportler und Exgeliebte, aber umgekehrt werden auch Päpste und Präsidenten als Stars behandelt, und es gibt sogar reine Stars, ohne weitere Qualifikation oder vormaligen Beruf.
Wer jedenfalls ohne Spezialkenntnis die bunten Zeitschriften durchblättert, trifft wöchentlich auf ganze Hundertschaften an Prominenz, die ihm nichts sagen müssen. So mögen große Teile des Adels einst, als er noch etwas zu sagen hatte, dem gemeinen Volk erschienen sein: irgendwie für viele wichtig, irgendwie beachtenswert, aber im Einzelnen eventuell auch völlig unbekannt. Wissen Sie, wer Bar Refaeli und Alexander Klaws, Elli Erl, Kellan Lutz und Phil Hellmuth sind?
Damit fotografiert werde
Dass die Kenntnis der Stars davon abhängt, welche Massenmedien man intensiv nutzt, liegt auf der Hand. Der amerikanische Historiker Daniel Boorstin sagt, Stars seien als „menschliche Pseudo-Ereignisse“ vor allem „bekannt für ihre Bekanntheit“. Will sagen: Sie sind in erster Linie dazu da, dass über sie berichtet werden kann, der Sache nach haben sie keine Funktion. In der Tat: Wer könnte auch nur eine einzige These von Starintellektuellen wie Bernard-Henry Lévy erinnern oder sagen, was an der Trennung des Exehemanns einer Exnachrichtensprecherin von einer Exshowmasterin - jüngst auf dem Titelblatt der „Bunten“ - informativ sein soll? Schon 1924 traf sich der amerikanische Präsident Calvin Coolidge mit Broadway-Stars im Weißen Haus aus genau diesem Grund: damit es fotografiert werde.
Insofern greifen auch alle Deutungen des Starwesens, die davon sprechen, „eine Gesellschaft neuen Typs“ bringe es hervor, am Phänomen vorbei. Was allenfalls neu ist, ist nicht die Existenz von Stars, sondern ihre immense Zahl und damit die Inklusivität des Begriffs. Eigentlich muss man es paradox formulieren: die Inklusivität der Exklusivität. Denn selbstverständlich ist ein Merkmal von Stars, dass sie knapp sind, dass mehr Leute sie sehen als von ihnen gesehen werden und dass von ihren Partys eigens mitgeteilt wird, nicht jeder sei zu ihnen eingeladen.
Das führt zu einer ersten Antwort auf die Frage nach dem sozialen Sinn von Casting-Shows. Sie führen diese Inklusivität der Exklusivität vor. Zum einen tun sie das, indem sie auch diesseits von Dschungelcamps „survival of the most popular“, also Selektion spielen. Deswegen ist es wie für die Evolution im Tierreich auch hier so wichtig, dass nicht nur die Zahl der Konkurrenten hoch ist - mehr als zweitausend junge Damen, wird mitgeteilt, hätten sich für Heidi Klums jüngsten Demütigungsparcours beworben, 34 000 Bewerber waren es bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Auch die Kriterien des Überlebens müssen widersprüchlich genug sein, um evolutionäre Überraschungen beim Kampf ums Starsein zuzulassen.
Endlich endlos über Geschmack streiten
Was für einen Kandidaten sprechen kann, muss also auch gegen ihn sprechen können: frech oder schnippisch, cool oder kühl, professionell oder abgebrüht, schlank oder mager? Mal wird von den Kandidaten ein „Feuerwerk“ gefordert, dann wieder werden sie wegen „zu viel Energie“ gemaßregelt. Die einen können kein Englisch und werden dafür geschmäht, Lena Meyer-Landrut hingegen singt mit „interessantem Akzent“. „Du hast extrem interessante Augen, und das spricht für dich“, ließ die Sozialdarwinistin Klum soeben eine Verliererin wissen, „aber irgendwie kommst du nicht auf den Punkt.“ Die Todesursachen in der Natur sind vergleichweise nachvollziehbar dagegen.
Die inszenierte Evolution ist mithin von vornherein ungerecht und wird auch als ungerecht, um nicht zu sagen: sozialsadistisch inszeniert - etwa wenn die Models erst in knappste Höschen gesteckt werden, worauf sich die Jury dann über „Po-Alarm“ mokiert und Kandidatinnen anherrscht, den Rock doch bitte mehr nach unten zu ziehen. Was aber noch wichtiger scheint: Die inszenierte Konkurrenz erlaubt ihren Zuschauern endlos, über Geschmack zu streiten, gerade weil es für die Leistungen dieser Stars gar keine Experten mit objektivierbaren Gesichtspunkten gibt. Für Urteile wie „Du schaust ja gar nicht in die Kamera!“, „Du singst so was von Scheiße“ oder „Irgendwie süß“ bräuchte es erkennbar gar keine humanen Pseudo-Ereignisse des Typs Bohlen oder Klum. Deren eigene Position beruht schließlich ebenfalls nicht auf Expertenurteilen, sondern auf Beliebtheit am Markt.
Zum anderen spielen die Casting-Shows vor, dass zwar nicht alle Stars sein können, aber jeder einer werden kann. Stars sind Symbole für Aufwärts- und Abwärtsmobilität. Das führt nicht dazu, dass das Casting-Spektakel vor allem Leute anschauen, die nichts zu verlieren haben. Der Kölner Soziologe Jörg Hagenah vertritt auch aufgrund von Auswertungen des Publikums von DSDS die These, dass Leute mit Abitur oder Hochschulabschluss zwar weniger fernsehen, aber kaum andere Sendungen als schlechter gebildete Schichten. Der Begriff „Unterschichtenfernsehen“ wäre insofern eine typisch zeitdiagnostische Erfindung.
Betriebswirtschaftslehre der Selbstdarstellung
Sozioökonomisch ist an den Casting-Shows viel interessanter, welche Einstellung zur sozialen Mobilität sie vermitteln. Zunächst löschen sie die Unterscheidung von Leistung und Beliebtheit als ganz verschiedene Grundlagen von Aufstieg: Beliebtheit soll selbst auf Leistung beruhen, die Leistung wiederum aber auf Begabung, dem Geschenk einer Stimme, eines Aussehens, einer körperlichen Mitgift und dem, was eine Ich-AG daraus macht.
Wirtschaftlich betrachtet, beziehen die meisten Stars ein arbeitsloses Einkommen, eine Rente, so wie ein Grundbesitzer, der einfach nur im Besitz von etwas ist, was andere haben wollen, aber keine Leistung erbringt. Wendelin Wiedekings berühmter Selbstvergleich mit der damals bestbezahlten Aktrice - „Auch bei einer Julia Roberts wird es niemandem einfallen, den Stundenlohn auszurechnen“ - war insofern mikroökonomisch korrekt. „Gemeine Naturen zahlen mit dem, was sie tun“, hieß es bei Friedrich Schiller, „edle mit dem, was sie sind“, nur dass bei den Stars die Zahlungsströme in der Gegenrichtung noch stets auffälliger waren.
Für die Jugendlichen, die das Gros der Zuschauerschaft stellen, enthalten die Castings neben der Möglichkeit, den eigenen Sinn für Personenbeurteilung zu überprüfen, an dieser Stelle offenbar Informationen über die Berufswelt als solche. Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen will herausgefunden haben, dass es gewissermaßen Sprichwörter fürs weitere Leben sind, die den Sendungen entnommen werden: Das Beste für seinen Traum geben, durch Disziplin Erfolg erzwingen und immer an sich selbst glauben. Was sagt es über Elternhäuser aus, wenn für solche Mitteilungen Herr Bohlen und Frau Klum bewundert werden?
Tatsächlich hämmert gerade die Klum-Show ihren „Mädchen“ eine Art Betriebswirtschaftslehre der kommunikativen Selbstdarstellung ein: so oft wie hier dürften die Worte „Selbstbewusstsein“ einerseits, „Unsicherheit“ andererseits in keinem anderen nichttherapeutischen Kontext fallen. Jeder Misserfolg beruht, das ist die Botschaft, auf Unsicherheit, und die ist, wenn sie nicht abgestellt wird, ein Karriere-, wenn nicht ein Charakterfehler. „Deine Persönlichkeit und dein Selbstbewusstsein müssen noch wachsen“, bekam die Verliererin gesagt, aber das müsse nun ohne die Model-Show geschehen: Persönlichkeitswachstum durch Kleidervorführen.
Natürlich werden Stars seit jeher anders gemacht
Man sollte diesen Umfrage-Befund, dass viele Jugendliche die Casting-Shows als Verhaltenslehre verstehen, ernst nehmen. Die Heidi-Klum-Modelauswahl sahen zuletzt knapp drei Millionen Zuschauer, etwas weniger als zehn Prozent der gesamten Zuschauerschaft um diese Uhrzeit; aber es sind zugleich fast dreißig Prozent der 14- bis 29-Jährigen, die zu dieser Zeit vor dem Fernseher sitzen. Für DSDS sind die entsprechenden Marktanteile noch höher. Und die Jugendlichen sehen: dass es nicht klassische Arbeit an Objekten ist, die - beruhend auf Geduld, Nerven, Sichnichtwichtignehmen, Erkenntnis, Bildung - zum Erfolg führt, sondern Selbstbewirtschaftung, Bewerbung, Impression-Management. Die Casting-Show stellt die Welt des Erwachsenwerdens als ein einziges Assessment-Center dar. In ihm gibt es nichts Unpersönliches, und in ihm ist alles Kommunikation. Man könnte das auch die Facebook-Welt nennen, denn für diese Systeme gilt dasselbe.
Natürlich werden Stars seit jeher anders gemacht. Der Agent einer ziemlich unbekannten Nebendarstellerin der dreißiger Jahre schickte ihr eines Tages unter dem Namen des Präsidenten einer von ihm erfundenen Organisation die telegraphische Mitteilung, man habe sie zur bestangezogenen Schauspielerin Hollywoods gewählt. Als sie ihrem Agenten das Telegramm zeigte, tat er erstaunt und rief das Modemagazin „Look“ an, sie sollten darüber doch eine Geschichte machen, um anschließend das Kaufhaus Saks zu überreden, ihr zwei Garderoben zu stellen, man werde erwähnen, dass sie überhaupt nur bei Saks kaufe. So kam sie aufs Titelblatt, Rita Hayworth.
Alle wissen, dass es so laufen kann, und der ganze Traum vom Star beruht auf dieser Möglichkeit, ihn, den Star, fast willkürlich zu erzeugen. Eine Möglichkeit, die zugleich negiert werden muss durch die Erzählung vom unendlich harten Showgeschäft, in dem sich nur die Besten durchsetzen, die ständig an sich arbeiten. „An sich arbeiten“ - es gibt keine bessere Formel für die Erziehungsmaxime der Casting-Show und ihre Arbeit am Mythos der Stars.
auf den punkt gebracht
niels boeing (nboeing)
- 12.04.2010, 10:50 Uhr
Das ist
Alphonso Porcamadonna (donalphonso)
- 12.04.2010, 11:22 Uhr
Herrlich
Pia Bücken (muscat)
- 12.04.2010, 11:23 Uhr
Jetzt bin ich aber überrascht...
Jan Matthias (JanMatthias)
- 12.04.2010, 11:33 Uhr
Tun, aber richtig
Marvin Running (Marvinrunning)
- 12.04.2010, 11:37 Uhr