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Veröffentlicht: 25.03.2014, 12:06 Uhr

„Buzzfeed“ kommt nach Deutschland Das Netz der Gelangweilten

Die amerikanische Online-Plattform „Buzzfeed“ zieht mit Katzenbildern und Schmunzellisten Millionen von Nutzern an. Nun will sie auch den deutschen Markt erobern. Und journalistischer werden.

von Sabine Sasse
© REUTERS Zentrale von Buzzfeed in New York

Wenn Scott Lamb über „Buzzfeed“ spricht, klingt das so harmlos wie die putzigen Tierbilder, mit denen die amerikanische Online-Plattform seine Startseite bestückt. Noch vor einem Jahr war sie in Deutschland höchstens Eingeweihten ein Begriff, mittlerweile gilt sie als Vorzeigemodell für erfolgreiches virales Marketing - und wächst sich zum Konkurrenten traditioneller Medienunternehmen aus. Denn während die mit sinkenden Auflagen und zurückgehenden Werbeeinnahmen kämpfen, steigen die Nutzerzahlen und damit auch die Einnahmen von Buzzfeed stetig.

Lamb, ein 38 Jahre alter, jungenhafter Typ, war früher Journalist und schrieb unter anderem für Salon.com und den „Spiegel“. Heute ist er Vizepräsident von Buzzfeed („buzz“ bedeutet Begeisterung, Gerüchte oder Rauschen) und ist für das internationale Geschäft zuständig. Buzzfeed sitzt in New York und beschäftigt etwa 200 Mitarbeiter, es gibt Ableger in Großbritannien, Spanien, Brasilien und Australien. Und bald auch in Deutschland. Zur Zeit sucht Lamb drei bis vier deutsche Mitarbeiter, die noch in diesem Jahr von Berlin aus die erste deutsche Version von Buzzfeed starten sollen. Als nächstes, sagt er, denken sie über Frankreich und Japan nach.

Ein verlässliches Netzwerk

Buzzfeed wurde vor allem durch seine Listicles berühmt: kurze Artikel in Listenform mit oft kindisch anmutenden Inhalten wie „14 Gründe, die nur Jungs mit langen Haaren verstehen“ oder „12 einfache Mutproben, die jeden Tag neu beleben“, garniert mit Kochrezepten, vorzugsweise für Süßspeisen. Echte Nachrichten schaffen es nur selten auf die Startseite. Kinderkram zumeist, produziert für Teenager, konsumiert von Teenagern, deren junges Leben um Stars, das richtige Verhalten und niedliche Tiervideos kreist. Eigentlich nichts, wovor sich seriöse Medien fürchten müssten. Wäre da nicht der enorme kommerzielle Erfolg, hervorgerufen durch hohe Click- und Share-Raten, die diese Listlicles in den sozialen Netzwerken verursachen. Und die mittlerweile vor allem von Boulevard-Portalen wie der „Huffington Post“ kopiert werden.

Nach eigenen Angaben besuchen jeden Monat 130 Millionen unique user die Seite. Das sind drei- bis viermal so viel wie die Online-Angebote von „The Guardian“ oder der „New York Times“ in ihren besten Monaten auf ihre Websites ziehen. Über die Hälfte seien zwischen 18 und 34 Jahre alt (die andere Hälfte ist vermutlich jünger), die meisten kommen über Facebook, Pinterest und Twitter.

Konferenz "Online Marketing Rockstars" in Hamburg © dpa Vergrößern Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti will es mit traditionellen Medienunternehmen aufnehmen

„Es gibt Millionen von gelangweilten Büroangestellten, Schülern und Studenten, die den ganzen Tag bloggen, twittern und irgendwas auf Facebook posten“, erklärte Scott Lamb am Montag auf dem Digital Innovators Summit in Berlin. „Das ist das sogenannte gelangweilte Netzwerk, und das ist größer als irgendein anderes Netzwerk der Welt.“ Und diese gelangweilten Leute, die sich am liebsten mit sich und ihren Befindlichkeiten beschäftigen, holt Buzzfeed in den sozialen Medien ab. Und weil die gelangweilten Menschen viele andere gelangweilte Menschen kennen, verbreiten sie den Kram weiter, posten und twittern ihn, und bei jedem Post, Tweet oder Like wird Buzzfeed als Verursacher dafür mit steigenden Nutzerzahlen belohnt. Was wiederum die Werbebranche anlockt.

Ein neues Marketingmodell

Denen bietet Buzzfeed sogenanntes Content Marketing an: gesponserte Texte, in denen Marken sich selbst darstellen können und die auf den ersten Blick kaum von den nicht gesponserten Texten zu unterscheiden sind.

In der Buzzfeed-Welt ist nicht mehr die Bedeutung einer Information das tragende Element eines Textes, sondern ausschließlich die kommerzielle Verwertbarkeit. Während die traditionellen Medien ihren Lesern Texte als Information anbieten, steigt Buzzfeed seiner Zielgruppe in die sozialen Netzwerke hinterher und richtet den Inhalt von Texten und Bildern ausschließlich nach deren Geschmack.

Stephan Scherzer, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger, glaubt nicht daran, dass Phänomene wie Buzzfeed das Ende des Journalismus bedeuten. „Am Ende des Tages ist für Zeitungen und Magazine jeder eine Herausforderung, der Zeit von Menschen abruft“, sagt er. „Die Frage ist: wie wertig sind diese Kontakte, wie vermarktbar sind sie tatsächlich? Man muss beobachten, ob Buzzfeed sein gigantisches Netzwerk vermehrt dazu nutzen kann, um Premiumcontent aufzubauen.“

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Das wird man bald sehen, denn Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti will auch journalistisch durchstarten und wirbt ausgewiesene Journalisten von seriösen Zeitungen ab. Er wolle es „mit jedem traditionellen Medienunternehmen aufnehmen, das im letzten Jahrhundert den Markt beherrscht hat“, verkündete er bereits letzten September. Sein Vizepräsident schwächt das im Interview ein wenig ab. Er sagt, die Zahl der Leute, die sich für Katzenfotos interessieren, sei auf Buzzfeed noch immer um ein Vielfaches größer als die, die sich für Politik interessieren. „Wir sind nicht die Totengräber des Journalismus“, sagt er, „wir kreieren nur ein neues Marketingmodell.“

Quelle: FAZ.NET

 

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