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Bundeswehr im Ausland: Fakenews-Angriff anno 1962

© F.A.Z. - Kellermann

Fake-News-Angriff anno 1962

Von LORENZ HEMICKER

4. März 2017 · Deutsche Soldaten sind in Litauen Opfer eines üblen Gerüchts geworden. Nicht zum ersten Mal. Die Blaupause führt zurück zum Vorabend der Kuba-Krise.

Josef Frolik hätte vermutlich gelacht. Denn die Fake-News-Kampagne, der deutsche Soldaten vor wenigen Wochen in Litauen zum Opfer fielen, würde in den Ohren des 1989 gestorbenen ehemaligen tschechoslowakischen Spions verdächtig nach einem „Remake“ klingen. Frolik beschreibt in seinem 1975 veröffentlichten Buch die Blaupause einer konzertierten Fakenews-Kampagne gegen deutsche Soldaten im Ausland: „Operation Wales“ nennt der Überläufer, dessen Schilderungen der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA als glaubwürdig einstuft, die Aktion, die sich am Vorabend der Kuba-Krise in der Grafschaft Pembrokeshire, im Westen von Wales, zugetragen haben soll. Zum zweiten Mal übten 1962 Panzertruppen der noch jungen Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Castlemartin, unter Anleitung britischer Offiziere. Im Jahr zuvor hatten sich die Soldaten über einen freundlichen Empfang der Waliser freuen können, trotz der Wunden des Zweiten Weltkriegs. Nur eine Handvoll Abgeordneter des britischen Unterhauses hatte sich überhaupt gegen die Übung der Bundeswehr gewehrt, 400 weitere Menschen demonstrierten in Swansea – statt der angekündigten 2000.

© AP, UPI Premiere 1961: Am 25. August trifft ein Vorauskommando des Bundeswehr-Panzerbataillons 84 auf dem britischen Flugplatz Lyneham ein. Im Juni 1962 werden in Bremen schwere Panzer des Typs M48-2a für ein neues Gefechtsschießen auf dem walisischen Truppenübungsübungsplatz Castlemartin verladen. Wehrpflichtige üben vor ihrer Ankunft in Castlemartin die Aussprache walisischer Begriffe, etwa des Ortes Llanfairpwllgwyngyllgogerruchchwyndrobwychllanttisiliogogogoch.

Das Bonner Verteidigungsministerium hatte das Seine getan, um einen guten Eindruck bei den Briten zu erwecken. Die Wehrpflichtigen des Bundeswehr-Bataillons waren handverlesen. Begleitende Journalisten aus der Bundesrepublik hatten freudig vom friedlichem Miteinander und gegenseitigen Annäherungsversuchen zwischen jungen Waliserinnen und den „Panzers“ berichtet – das war offenkundig zu viel Eintracht in den Augen des tschechoslowakischen Geheimdienstes. Der hielt, vom sowjetischen KGB geschult, die Bundeswehr für schwach und setzte alles daran, sie im Nato-Verbund als Ansammlung alter Nazi-Generäle und willfähriger Rekruten darzustellen.

© DPA Dem Ostblock ein Dorn im Auge: Bundeswehrsoldaten bereiten sich mit britischen Verkehrszeichen im hessischen Stadtallendorf auf ihre Zeit in Castlemartin vor. In Pembroke twisten junge Wehrpflichtige mit Mädchen der nahe gelegenen Hafenstadt.

Tage nach der Ankunft der Deutschen, schreibt Frolik, wurden auf einem jüdischen Friedhof der Grafschaft Grabsteine umgestoßen und mit Hakenkreuzen besudelt. Die Reaktion der Regenbogenpresse ließ laut Angaben des Spions nicht lange auf sich warten. „Der Zwischenfall spritzte durch die Schlagzeilen zahlreicher günstigerer britischer Tageszeitungen“, so Frolik genüsslich, verbunden mit der Anspielung, die Bundeswehr sei zutiefst antisemitisch und warte nur auf den Tag, an dem sie wieder die Konzentrationslager öffnen und damit beginnen könne, die Gaskammern wieder anzuheizen. Das Verhältnis zwischen den Einheimischen und den jungen Deutschen habe sich infolge merklich abgekühlt.

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Es lässt sich heute kaum noch nachprüfen, ob „Operation Wales“ vor nunmehr 55 Jahren tatsächlich stattgefunden hat, und wenn ja, ob die Reaktionen der britischen Regenbogenpresse wirklich so aufgeregt waren. Vielleicht hat Frolik die Episode in seinem Buch nur aufgebauscht, oder seine Mitstreiter in Großbritannien stellten ihm die Folgen übertrieben dar. Der damalige sicherheitspolitische Korrespondent dieser Zeitung bekam von der Aktion jedenfalls offenbar ebenso wenig mit wie die übrigen deutschen Kollegen, die die Bundeswehr begleiteten und über die Übungen ausführlich berichteten. Doch Froliks Aufzeichnungen belegen eines: Die Idee, die Bundeswehr im Ausland durch Falschmeldungen in Schwierigkeiten zu bringen, gibt es seit Jahrzehnten. „Aktive Maßnahmen“, raffinierte Fälschungen und Falschmeldungen also, brachten die Geheimdienste des Warschauer Paktes seit Anfang der sechziger Jahre in Umlauf oder lancierten sie gezielt an die Presse. Und die Parallelen zur Fake-News-Kampagne, die sich vor wenigen Wochen gegen die Bundeswehr in Litauen richtete, sind in der Tat verblüffend.

Am 14. Februar erhielten der litauische Parlamentspräsident und einige Medien des Landes eine ausführliche E-Mail zugespielt; kurz, nachdem die ersten deutschen Soldaten des im Rahmen der „enhanced forward presence“ nach Litauen entsandten multinationalen Nato-Kampfverbands in ihrem Hauptquartier in Rukla angekommen waren. In dem Schreiben wurden Bundeswehrsoldaten des Verbands der Vergewaltigung eines minderjährigen Mädchens am 9. Februar in der Ortschaft Jonava bezichtigt, die nur eine kurze Autofahrt von Rukla entfernt liegt. Die mit der Ermittlung beauftragten litauischen Behörden fanden in den folgenden Stunden und Tagen nichts: weder Zeugen, noch Täter, noch ein Opfer. Doch da hatten kleinere litauische Medien die vermeintliche Nachricht bereits veröffentlicht.

© EPA, DPA Tage nach ihrer Ankunft wurden sie zum Opfer einer Fake-News-Kampagne: Bundeswehrsoldaten der vorgeschobenen Nato-Präsenz an der Ostflanke des Bündnisses beim Entladen von Schützenpanzern des Typs „Marder“ am Bahnhof von Sestokai (Litauen)

Aus Nato-Kreisen wurde postwendend die Vermutung laut, dass Russland hinter der Aktion stecke. Auch das Nachrichtenportal „Spiegel Online“, das in Deutschland als erstes über den Vorfall berichtete, schrieb zunächst direkt von Russland als Urheber der Kampagne.

Die Aktion würde ins Bild passen. Denn die Methode fügt sich ein in das Bild der Informationskriegführung, wie sie laut Frolik über Jahrzehnte vom KGB inklusive verbündeter Auslandsdienste und Auftragnehmer praktiziert worden ist und offenbar bis heute Nachahmer findet – gerade auch in Litauen. Während der Militärübung „Sword-Stroke“ knackten Hacker 2015 die Internetseite der litauischen Streitkräfte und veröffentlichten auf ihr eine Mitteilung, nach der die Nato die russische Exklave Kaliningrad (Königsberg) gedenke einzunehmen. Das litauische Verteidigungsministerium dementierte und klärte den Vorfall damals umgehend auf, musste infolge aber registrieren, dass russische Medien die Geschichte für bare Münze nahmen und als Rechtfertigung für große Manöver der russischen Streitkräfte anführten, die einen „Präventivangriff“ auf die baltischen Staaten übten.

Gewissheit darüber, ob tatsächlich der Kreml hinter dem jüngsten Fake-News-Angriff auf die Bundeswehr steckt, dürfte nur schwer zu erlangen sein – vermutlich ein Grund dafür, warum „Spiegel Online“ auch später zurückruderte. Ein Sprecher der litauischen Streitkräfte teilte dieser Zeitung zwar mit, dass die ermittelnden Polizeibehörden den Absender der Fake-News-E-Mail inzwischen im Ausland verorten konnten. Doch könnten auch kriminelle oder nationalistische Gruppen hinter der Kampagne stecken, deren Ziel es ist, die angespannte Situation zwischen Russland und der Nato am Köcheln zu halten.

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Um deutsche Soldaten zu vertreiben oder das Misstrauen zwischen ihren Verbündeten nachhaltig zu schädigen, reichen diese Fake-News-Kampagnen aber sicher nicht aus. Das Vertrauen der Litauer in den großen Nato-Partner ist vermutlich noch deutlich stärker als das der Engländer vor 55 Jahren. Die Bundeswehr richtete sich nach der „Operation Wales“ damals in Castlemartin ein und gab den Truppenübungsplatz erst 1996 aus Kostengründen auf. Der britische Rundfunksender BBC würdigte die jahrzehntelange Präsenz der Bundeswehr zum Abschied in einer für ihn eher untypischen Begeisterung als „größten Erfolg, den die deutsche Armee je errungen hat.“

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 02.03.2017 18:46 Uhr