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Veröffentlicht: 11.07.2015, 10:45 Uhr

Ermittlungen gegen Bavaria Der Verdacht weitet sich aus

Das Kartellamt ermittelt wegen möglicher Preisabsprachen gegen die größte Produktionsfirma der Öffentlich-Rechtlichen. Wie weit könnte das reichen? Es scheint, dass der Skandal noch weitere Firmen betrifft.

von Jörg Michael Seewald
© dpa „Verstehen Sie Spaß?“ Auch diese Show wird von der Bavaria produziert. Mit deren möglichen Geschäftspraktiken versteht das Bundeskartellamt offenbar keinen - Spaß.

Die polizeilichen Durchsuchungen des Bundeskartellamtes bei der Münchner Produktionsgesellschaft Bavaria führten am Freitag zu zwei gegensätzlichen Reaktionen. Während bei der Bavaria sowohl Geschäftsführer Achim Rohnke („Fragen Sie den Pressesprecher“) als auch sein Sprecher Sebastian Feuß mit Hinweis auf „laufende Ermittlungen“ zunächst schwiegen, wurden andere gesprächig, die bislang unter dem Geschäftsgebaren der Bavaria gelitten hatten: die freien Produzenten und Dienstleister.

Am Mittwoch und am Donnerstag hatten Ermittler des Bundeskartellamts die Räume der Bavaria Studios durchsucht, einer Tochterfirma der Bavaria Film. Sie gehen „dem Verdacht kartellrechtswidriger Preis- und Angebotsabsprachen bei Auftragsvergaben durch Fernsehsender und Produktionsfirmen nach“, wie Kay Weidner, der Sprecher des Bundeskartellamts, im Gespräch mit FAZ.NET sagte.

Preisdumping kostet viele die Existenz

Preisabsprachen? Mit dem Stichwort rennt man bei all jenen offene Türen ein, die unter der Marktbeherrschung von Produktionsfirmen leiden, die in der Hand der öffentlich-rechtlichen Sender sind. In einer Pressemitteilung der Allianz unabhängiger Filmdienstleister (AUF) hieß es gerade, „der Preiswettbewerb der letzten Jahre“ habe viele „die Existenz“ gekostet. Und das werde weitergehen. Nutznießer des Preiskampfs seien die Dienstleistungstöchter von ARD und ZDF, „die dank eigener Spielregeln weiter wachsen“. Der Vorsitzende des Verbands, Martin Ludwig (Ludwig Kameraverleih), begrüßt mit Blick auf die aktuellen Ermittlungen denn auch, „dass das Kartellamt eigenständig tätig geworden ist“. Man sei dabei, „weitere Informationen zu sammeln und dem Kartellamt zur Verfügung zu stellen“.

Ludwig nennt als Beispiel die Bavaria-Tochter Cinemobil, die es dank Preisdumpings geschafft habe „vierzig Prozent des freien Marktes und achtzig Prozent der gebundenen Produktionen an sich zu ziehen“. Der Vorwurf laute, dass „aus unserer Sicht Gewinne der Bavaria, also öffentliche Gelder, die den Gesellschaftern, also den Sendern, zustehen, benutzt werden, um die Cinemobil quer zu finanzieren“. Dadurch können diese „Niedrigpreise anbieten, die zu einer prekären Marktsituation geführt haben. Mit diesen Preisen ist für die freien Produzenten kein gesichertes Überleben möglich.“

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Dass in der Branche Gerüchte im Umlauf sind, die Bavaria habe ein Bonussystem eingeführt, das freie Produzenten damit ködere, bei einem Engagement der Cinemobil zu unschlagbar günstigen Preisen auch noch Bavaria-Studiofläche zur Verfügung zu stellen, will Ludwig nicht kommentieren. Für ihn steht jedoch fest, dass entsprechende „Praktiken nicht im Januar 2014 aufgehört haben, sondern bis zum heutigen Tag trotz gegenteiliger Beteuerungen andauern“. [...] Der zweite Geschäftsführer Achim Rohnke war damals wie heute dabei.

EINGANG TAG © Bavaria Film/ Manfred Lämmerer Vergrößern Hier fuhr das Kartellamt schon vor: Die Bavaria Film in München.

Auch die Produzentin Sharon von Wietersheim ist dankbar für die Untersuchungen des Kartellamtes. Um Transparenz zu schaffen, habe sie als damaliger Vorstand des Verbands Deutscher Filmproduzenten untersucht, wer welche Produktionen in Deutschland bekomme, und sei zu dem Ergebnis gekommen: „2013 gab es 270 Fernsehfilm-Ausstrahlungen, 163 Filme, also rund sechzig Prozent, wurden von zehn Produktionsunternehmen produziert.“ Die übrigen 107 Filme seien von 53 verschiedenen Produzenten erstellt worden. Allein, dass sie dies festgestellt habe, habe ihr „schlimme Anfeindungen eingebracht. Die wenigsten in der Branche trauen sich doch, an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzen. Sonst bekommen sie von den Sendern keine Aufträge mehr.“

Fragezeichen bei vielen Projekten

Absprachen hinter den Kulissen sind in der hiesigen Produktionslandschaft ein großes Thema, zudem es Hinweise gibt, ohne dass sich daraus ein Skandal entwickelt hätte, wie ihn seinerzeit wiederum die Bavaria mit der sogenannten „Marienhof“-Affäre erlebte, bei der es um Schleichwerbung in großem Stil ging.

Fragezeichen gibt es zu vielen Projekten, zum Beispiel auch zu der Show „Verstehen Sie Spaß?“. Diese hatte der SWR im vergangenen Jahr ausgeschrieben. Den Zuschlag erhielt – die Bavaria. Das Studio Berlin und die Firma MMC in Köln hätten günstigere Angebote abgegeben, sagt ein Eingeweihter. Zum Zuge aber kam die Bavaria – an welcher der SWR beteiligt ist, genauso wie BR, MDR, WDR und das Land Bayern. Preiswerter habe die Produktion werden sollen, was kleinere Löhne etwa für die Kameraleute bedeutet hätte, doch gehe die Rechnung am Ende nicht auf, weil beim SWR Festangestellte nun tatenlos herumsäßen.

Es geht nicht nur um die Bavaria

Die Bavaria wird wohl rasch reagieren müssen, auch was den Chef der Tochterfirma Bavaria Studios, Martin Moll, angeht. Es ist schon von einem möglichen Nachfolger die Rede: Der Geschäftsführer der MMC, Friedhelm Bixschlag, soll sich mit der Bavaria handelseinig sein und zum 1.September kommen.

Am Ende äußert sich der Bavaria-Sprecher Feuß doch noch zu dem herrschenden Verdacht: „Die Untersuchungen des Bundeskartellamts“, sagt er, „betreffen nicht allein die Bavaria Studios & Production Services GmbH, sondern auch weitere Marktteilnehmer. Die Bavaria Studios & Production Services GmbH kooperiert vollumfänglich mit der Kartellbehörde.“ Kay Weidner vom Kartellamt bestätigt das: Es habe noch weitere Durchsuchungen gegeben. „Wo, können wir aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.“ Man setze darauf, dass nun weitere Hinweise eingingen – nicht nur von Informanten. „Wenn Beschuldigte vollumfänglich mit uns zusammenarbeiten, kann so ein Verfahren in einigen Monaten abgeschlossen sein“, sagt Weidner. „Es kann sich aber auch bis zu fünf Jahren hinziehen.“ Das Problem scheint also größer als die Bavaria zu sein.

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