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Bürgerphilosoph Unser Lehrer Dr. Precht

 ·  Richard David Precht ist derzeit der populärste Intellektuelle des Landes. Er äußert sich zu allem, er wird aber auch von jedem gefragt. Wie konnte das eigentlich passieren?

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Von den vielen Porträts, die über Richard David Precht in den letzten Jahren geschrieben worden sind, kommen sowohl die hämischen als auch die freundlichen irgendwann immer auf die Elefantenrüsselfische zu sprechen. Elefantenrüsselfische gehören zur Ordnung der Knochzünglerfische, sie werden bis zu dreißig Zentimeter groß und verfügen über ein interessantes elektrisches Radar, mit dem sie ihre Umgebung abtasten, um Beute zu finden. In der freien Natur leben sie in den Seen und Flüssen Zentralafrikas und werden von den Einheimischen in den Topf geworfen. In der Kölner Wohnung von Richard David Precht leben sie in einem riesigen Aquarium, das in der Küche steht, und dienen den Journalisten dazu, Richard David Precht zu porträtieren. Meistens muss er ihnen dabei helfen.

„Diese Fische sind sehr emotional“, sagt er dann gern. Oder: „Sie haben im Verhältnis zu ihrem Körper ein besonders großes Gehirn.“ Oder: „Die sind intelligenter als Delfine.“

Wer Journalisten in die Wohnung lässt, muss damit rechnen, dass sie auch stumme Details zum Sprechen bringen. Bei Horst Seehofer war es die Modelleisenbahn, die in seinem Keller mit einer Figur von Angela Merkel herumfuhr, von der auf den Politiker geschlossen wurde. Bei Richard David Precht sind es die Rüsselfische, mit denen der Philosoph erklärt werden soll. Aber das weiß Richard David Precht. Er hat sie ja eingeladen.

Einblick ins Gesellschaftsbecken

Dabei sind die Fische bei Richard David gar nicht der Punkt. Es ist das Becken.

Wer nie ein Aquarium besessen hat, mag es für Dekoration halten oder für einen Ausschnitt aus der Natur. Es ist beides nicht. Nirgendwo sieht die Natur aus wie im Aquarium, und wer dekorieren möchte, kauft sich ein Bild, das macht weniger Arbeit. Menschen, die ein Aquarium einrichten, erschaffen eine Welt nach ihren Vorstellungen und setzen darin Lebewesen aus. Paare entstehen, Gebiete werden besetzt, Hierarchien finden sich, und dann verschiebt man einen Stein und ändert eine Reviergrenze, setzt ein neues Männchen ein und verändert die Hierarchie, baut die Welt um und erlebt Anpassung. Wer mit diesem Blick in ein Aquarium schaut, schaut in ein Gesellschaftsbecken.

Richard David Precht ist der populärste Intellektuelle des Landes. Er ist zweifacher Honorarprofessor und mehrfacher Bestsellerautor. Er schreibt Essays zum Afghanistankrieg, zur Wahl des Bundespräsidenten und zur Krise der repräsentativen Demokratie, er äußert sich zu Moral, Liebe, Stuttgart 21 und einem sozialen Pflichtjahr für Junge und Alte, er hält bis zu hundert Vorträge im Jahr und wird gern in Talkshows eingeladen. Von diesem Sonntag an hat er selbst eine.

Ist es nicht unlogisch, dass einer, der so ankommt wie er, von sich glaubt, er sei über weite Teile seines Lebens nicht anschlussfähig gewesen?

„Ich gehörte nie zum Mainstream“, sagt Richard David Precht. Oder: „Ich war nie in dem Trend, in dem man zu einem Zeitpunkt war.“ Oder: „Ich war nie Teil irgendeiner Szene.“

Das schräge E

Er sitzt in einem leergeräumten Büro im Hauptstadtstudio des Zweiten Deutschen Fernsehens und macht einen freundlichen, offenen Eindruck. Er hört zu, denkt mit und sowohl seine Stimme als auch sein Blick, die in öffentlichen Veranstaltungen zur Überbetonung neigen, bleiben gelassen und weich. Er befindet sich im letzten Drittel des sechsstündigen Marathons, in dem er an diesem Tag den Journalisten seine Sendung vorstellt. Sie heißt wie er, „Precht“, wobei das „E“ im Schriftzug schräg gestellt ist, so dass es nach „Echt“ aussieht. Es ist die neue Philosophiesendung im Programm und Nachfolgerin des „Philosophischen Quartetts“, das von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski moderiert wurde und in dessen Namen sich die Buchstaben nicht so leicht schrägstellen ließen, um mehrdeutig zu werden.

Für Richard David Precht liegt sein Außenseitertum in seiner Kindheit begründet. Er wurde 1964 in Solingen geboren. Sein Vater arbeitet als Industriedesigner bei Krups, seine Mutter in einem Kinderhilfswerk, sie sind das, was man später Achtundsechziger nannte. In einer Stadt, die größer ist als Solingen, wären sie damit Teil eines Milieus gewesen, über das sie hätten nach außen treten können, so aber leben sie auf einer Insel und wirkten eher nach innen und in die Familie hinein. Neben Richard David haben sie zwei eigene Kinder, Johanna Maria und Georg, sowie zwei vietnamesische Waisenkinder, die sie aus Protest gegen den Vietnamkrieg adoptieren und Marcel und Louise nennen. „Kinder kommen aus Mamas Bauch oder aus Vietnam“, hieß das bei den Prechts.

Vor ein paar Jahren hat Richard David Precht einen Dokumentarfilm über seine Familie gedreht. Er heißt wie das Buch, das er zuvor darüber geschrieben hat, „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ und zeigt eine Kindheit, in der es viel Konzept, aber wenig Wärme gegeben zu haben schien und Eltern, für die an der Welt mehr Dinge schlecht waren als gut. Alles Amerikanische - Ketchup, Coca-Cola, Popmusik und Jeans - war beispielsweise schlecht, alles was von links kam, war gut. Zuerst war es der Sozialismus, dann der Feminismus, dann die antiautoritäre Erziehung, bei der die Kinder die Wände ihrer Zimmer bemalen durften, aber nicht Zähneputzen mussten. Erzählt wird das im Ton eines fröhlichen Märchens, zwischen das sich Nachrichten aus der damaligen Zeit blenden, Atomwaffentests, Demonstrationen, Fußballspiele. Der Film ist so sehr darum bemüht, das Beispiel dieses anderen Aufwachsens weltpolitisch zu begründen, dass ihm die Familie ganz aus dem Blick gerät.

Kein Anschluss unter dieser Kindheit

„Es gab so viele Geschichten, wie schlimm es war, Kind von Achtundsechzigern zu sein“, sagt Richard David Precht, „ich wollte die andere Seite zeigen. Ich fand meine Kindheit interessant.“

Dennoch klingt, wenn er im Film mit seinen Geschwistern spricht, immer wieder an, welchen Preis sie für diese Kindheit im Interesse einer besseren Welt bezahlt haben. Seiner Schwester Johanna spricht, als ob sie sich um etwas betrogen sieht, sagt, dass ihr Ordnung und Herzlichkeit fehlten. Sein vietnamesischer Bruder Marcel sagt, er könne einen guten Menschen wie seinen Adoptivvater nicht schlechtreden, aber er selbst würde nie ein Kind adoptieren, die Entwurzelung, die das bedeute, mache sich niemand klar. Von den Eltern äußert sich nur der Vater, seit Ende der Achtziger Jahre leben er und seine Frau getrennt. Es ist, als gebe es etwas, das nicht genannt werden darf, obwohl es der Film von Richard David Precht ist und der seiner Familie, die darin spricht. Aber es wird kein Vorwurf formuliert, wenigstens nicht im Film.

„Ich habe eigentlich erst in meinem Studium gelernt, den Formalismus meiner Eltern zu überwinden“, sagt Richard David Precht. Als Kind sei er in Hobbys ausgewichen, habe sich für Tiere interessiert, Fische gehalten, Greifvögel beobachtet, was er heute noch macht. Als Jugendlicher sei er, klein und kurzsichtig, einer gewesen, dem oft die Klamotten oder Witze fehlten, um Anschluss zu finden.

Das klingt wie die Geschichten, die Hollywoodstars über ihre Jugend erzählen, bevor sie dann überraschenderweise dennoch berühmt wurden. Aber es gibt eine Szene im Film, in der wird klar, dass Richard David Precht immer wusste, was er konnte, aber dafür noch keinen Ausdruck fand. In dieser Szene fragt er seine vietnamesische Schwester Louise, die heute mit ihrer Familie von Hartz IV lebt, woran sie sich aus dieser Kindheit erinnert.

„Dass Du mir das kleine Einmaleins beigebracht hast“, sagt sie.

„Dass Du Dich ausgerechnet daran erinnerst“, sagt er.

„Weil es halt sitzt.“

„Ich war ganz stolz darauf, dass ich Dir mal was beibringen durfte.“

„Das hast Du aber auch ausgekostet.“

Dann erzählt sie, dass es ihm großen Spaß gemacht habe, sich Punkte auszudenken, die er ihr dann nicht gegeben habe. Er sagt, dass er von den Eltern fünf Mark bekam, damit er ihr Nachhilfe gibt.

„Ich wollte Deinen sportlichen Ehrgeiz wecken“, sagt er, „und Du siehst ja, es war sehr effektiv.“

„Ich weiß, dass es effektiv war, aber es hat mir nicht wirklich Spaß gemacht.“

Im Nachhinein wirken die nächsten Jahre wie eine Zeit, in der sich Richard David Precht aufgeladen hat, wie er das von seinem Vater kannte, dessen Wissen, Meinungen und Haltungen bis in tiefste Detail hinein durchdacht und unterfüttert waren, ohne dass er mit ihnen jemals nach außen trat, um zu wirken. Es gibt diese Menschen, die ihre Talente entwickeln, aber für sich behalten. Das, hatte sein Sohn sich vorgenommen, sollte ihm nicht passieren. Es sah zuerst aber danach aus. Vier Jahre studierte er in Köln Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte, fünf Jahre arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent in einem Projekt, bei dem es darum ging, graphisch darzustellen welche Bewegungen die Gedanken machen, wenn ein Text auf sie trifft.

„Den machen wir berühmt“

Wenn er heute darüber spricht klingt es nach einer hochkomplexen und extrem brotlosen Arbeit. Als ihm die Universität dann keine Stelle gab, schlug er sich als Autor durch. Er hatte bereits einen Detektivroman, einen Berlin-Roman und ein Sachbuch über Tiere geschrieben, die sich allesamt kaum verkauften, dazu mehrere Artikel für Zeitungen, als er mit einem Buch über Philosophie von Elke Heidenreich in ihre Sendung „Lesen!“ eingeladen wurde.

„Er war mir auf einer Diskussion aufgefallen“, sagt sie, „er war klug und ruhig, und dann war er auch noch schön. Aber jemand, der klug ist, ist immer schön.“ Sie las sein Buch über Tiere, das ihr auf empathische Weise zeigte, dass der Mensch jedes Tier nur danach anschaut, ob er es essen oder streicheln kann. Das hat sie sehr gerührt. Sie suchte für den Anfang ihrer Sendung immer nach Büchern, die wie eine Fangleine die Leute erst einmal hinein holten. Als sie dann seine Einführung in die Philosophie sah, in der sie etwa Platons Höhlengleichnis besser beschrieben fand als irgendwo sonst, dazu Verweise zu Filmen, Büchern, Situationen, die jeder kannte, lud sie ihn ein und entschied: „Den machen wir berühmt.“

Nach der Sendung verkaufte sich das Buch „Wer bin ich - und wenn ja wie viele“ mehr als achthunderttausend Mal. Es war ein großer Erfolg, für sie beide, weil es zeigte, dass sich an den Zirkeln aus Wissenschaft oder Literaturkritik vorbei Bestseller machen ließen.

Ist alles eine Frage der Moral?

Wenn sie beschreibt, was danach passiert, fließen ihr die eigenen Erfahrungen immer wieder mit dem Leben von Richard David Precht zusammen. Das Glück nach langen Jahren des stillen Studierens auf einmal öffentlich zu sein, in die Welt hinauszutreten, die Freude gefragt zu werden, die Verführung zu antworten, zu oft zu antworten, zu wenig auszuwählen, falsch auszuwählen, die Sorge, alles könnte sich wieder gegen einen wenden, bevor die nächste Stufe der Karriere erreicht ist. Natürlich hat er sich in der letzten Zeit häufig zu verschiedenen Themen in der Öffentlichkeit gemeldet. Aber womöglich ist die Frage, wie er dazu kommt, sich zu allem zu äußern, nicht so interessant wie die Frage, wie wir dazu kommen, ihn zu allem zu fragen.

Ein Abend mit Frank-Walter Steinmeier. Der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD hat zu einer Diskussion in den Berliner Admiralspalast geladen. Die Veranstaltung ist ausverkauft und musste schon in einen größeren Saal verlegt werden. Auf dem Podium sitzen David Graeber, dessen Buch über Schulden die Finanzkrise mit einem Schlag zu erklären und gleichzeitig zu lösen scheint. Gegenüber sitzt Richard David Precht. Er soll über die moralische Seite der Krise Auskunft geben, was bei Diskussionen dieser Art meist darauf hinausläuft zu sagen, wer daran schuld hat. Doch dem verweigert er sich.

„Wir können dem Banker sein Handeln nicht vorwerfen“, sagt er, „wenn sich in seiner Gruppe alle so verhalten.“ Moral werde immer vom Kontext bestimmt.

Der ganze Precht in einem Satz

Steinmeier versteht das so, als sollten neue Gesetze her, welche das Handeln der Banker leiten, und sofort kommt er darauf, dass dies unmöglich sei, da sich bei einem Finanzmarkt, der sich seine Lücken global suchen und Länder gegeneinander ausspielen kann, die Weltgemeinschaft leider nicht auf internationale Vereinbarungen einigen könne. Er sei ja dafür, aber das funktioniere eben nicht.

„Umwälzungen des Bewusstseins entstehen nicht durch internationale Vereinbarungen“, sagt Richard David Precht.

Danach zählt er auf - Frauenwahlrecht, Krankenversicherung, Verbot von Kinderarbeit. All das sei doch nicht durch internationale Vereinbarungen erreicht worden, sondern weil es in einzelnen Ländern zu sozialen Unruhen kam, die dann die Gesetze änderten, weil sich die alten Regeln im Gegensatz zur herrschenden Moral befanden, und danach gab es diese Unruhen auch in anderen Ländern, und das hat die Gesetze internationalisiert. Es ist ein schöner Moment, der Steinmeier sprachlos zurücklässt und im Grunde schon den ganzen Precht enthält. Der Mensch ist nicht das Produkt seiner Umstände, im Gegenteil. Wer das erkennt, nimmt sein Leben jeden Tag in die Hand.

Wie fasste Elke Heidenreich es noch zusammen? „Er entlässt die Leute mit dem tröstlichen Gedanken, dass sie nicht jeden Tag alles richtig machen können, sie können es aber jeden Tag versuchen.“

Man kann das gern eine Selbstverständlichkeit finden, aber dann ist es die Selbstverständlichkeit, die einer Gesellschaft wie der westdeutschen, die vor großen Veränderungen steht, während sie von Veränderungen wie kaum eine andere Gesellschaft auf der Welt verschont geblieben ist, abhanden kam. Wenn es dazu jemanden braucht, der in seiner Kindheit und in seinem Aquarium gelernt hat, die Dinge von außen zu betrachten, ist das eben so.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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