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Bürgerjournalisten : Das Archiv der Kriegsverbrechen

Screenshot eines Handy-Videos aus Syrien Bild: Picture-Alliance

Wenn Journalisten keinen Zugang mehr zu Konfliktzonen bekommen, werden Inhalte von Jedermann immer wichtiger. Wie Bürgerjournalisten bei der Aufklärung von Menschenrechtsverstößen helfen.

          Was im Krieg passiert, das erfahren wir heute nicht mehr nur von unerschrockenen Kriegsreportern, die sich mit Kamera und Spiralblock bewaffnet in den Konflikt stürzen. Was im Krieg passiert, das erfahren wir immer häufiger aus YouTube-Videos, die von Zivilisten mit dem Smartphone gefilmt und ins Internet hochgeladen wurden. Was dabei entfällt, ist eine einordnende Instanz, die Augenzeugenbericht von Propaganda unterscheiden kann. Diese Arbeit können Redaktionen kaum leisten, denn bereits jetzt hat das gesammelte Videomaterial aus dem Syrienkrieg eine längere Laufzeit als der Krieg selbst. Wer soll das alles sichten? 

          Immer häufiger sind es freiwillige Recherchenetzwerke wie das britische Bellingcat, die diese Detektivarbeit erledigen. Bellingcat wurde unter anderem mit Recherchen zum Absturz der Passagiermaschine MH-17 bekannt sowie mit Erkenntnissen zum Krieg in der Ostukraine. Auf dem Chaos Communication Congress waren nun Jeff Deutch und Hadi Al-Khatib zu Gast, die das Projekt "Syrian Archive" (syrianarchive.org) betreiben, ein Non-Profit-Unternehmen, das Menschenrechtsverletzungen aller Beteiligten im Syrienkrieg sammelt und mit entsprechenden Beweisvideos zu verknüpfen versucht. Das Projekt begann im Jahr 2014 in der Türkei und arbeitet inzwischen mit zahlreichen Gruppen und Institutionen wie Amnesty International, der UN und auch Bellingcat zusammen. 

          Dann beginnt die Arbeit erst

          "Nutzergenerierte Inhalte werden immer wichtiger, wenn Journalisten keinen Zugang zu Konfliktzonen haben", sagt Al-Khatib. Es sei allerdings nicht ganz einfach, an diese Inhalte zu kommen, denn oft würden Telefone beschlagnahmt oder zerstört, und Videos würden nach staatlicher Intervention von Plattformen wie Facebook gelöscht. Da muss das Syrian Archive schneller sein und sofort alles potentiell Interessante archivieren.

          Doch dann beginnt die Arbeit erst. Denn die Vorkommnisse müssen nicht nur gesammelt, sondern auch bestätigt und eingeordnet werden. Selbst Menschenrechtsorganisationen, die vor Ort tätig sind, tun sich oft schwer, Dokumentation von Propaganda zu unterscheiden. Das Syrian Archive kann dabei auf einen Stamm an vertrauenswürdigen Aktivisten und Bürgerjournalisten mit Ortskunde zurückgreifen, die dabei helfen, das Material zu verifizieren. Dabei werden die Quelle, die Geolocation und das Datum von Aufnahme und Upload überprüft. Passt das alles zusammen? 

          Mit viel Geduld und Detektivarbeit

          Ein Beispiel ist der Einsatz von chemischen Waffen und Streumunition gegen die syrische Zivilbevölkerung. Der Höhepunkt war 2013, aber auch danach konnten die Syrian-Archive-Aktivisten den Einsatz von Giftgas nachweisen. Die Streumunition wurde von Russland wie von der syrischen Regierung selbst eingesetzt, obwohl Syrien dementiert, über solche Waffen zu verfügen. Wenn man Zeugenaussagen und Fotos von Luftwaffenstützpunkten, Videos und Satellitenbilder zusammensetzt und auswertet, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die syrische Regierung die Wahrheit sagt. Und wenn das russische Verteidigungsministerium angibt, die gezielte Bombardierung einer Moschee sei "nur ein weiterer Hoax der westlichen Medien", weil diese Moschee sehr wohl noch stehe, dann lässt sich mit viel Geduld und Detektivarbeit auch diese Aussage widerlegen. 

          Das gesammelte Material steht auf der Website syrianarchive.org und kann von jedermann eingesehen werden. Es ist nach UN-Standards verschlagwortet und nach bestem Wissen und Gewissen der Organisation eingeordnet und überprüft. Sämtliche Aufnahmen sind auf einer Landkarte markiert. Man kann das Archiv durchsuchen und findet übersichtlich alle dokumentierten Fälle von Plünderei, Folter und Vergewaltigung. Ob man sich die entsprechenden Videos dazu anschauen möchte, muss man selbst wissen. Die Wahrheit ist nicht schön und macht viel Arbeit, aber einer muss es ja tun. 

          Quelle: FAZ.NET

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