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Bürger Lars Dietrich Nehmt euch in Acht, Pulloverträger!

29.05.2008 ·  „Jetzt bin ich ein Popstar“, dachte der Rapper Bürger Lars Dietrich einmal kurz nach seinem frühen musikalischen Durchbruch, doch er irrte sich. Jetzt ulkt er sich durchs Kinderfernsehen. Und es sieht fast so aus, als würde er sich dort zuhause fühlen. Peer Schader über einen Unentwegten.

Von Peer Schader
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Anke Engelke hat das ZDF-Ferienprogramm moderiert, bevor sie für ihre Comedy-Rollen mit Fernsehpreisen überschüttet wurde. Christian Ulmen war beim „Disney-Club“, bevor er für MTV Leute verulken durfte. Und Kermit der Frosch hat sich auch erst in der „Sesamstraße“ behaupten müssen, bevor man ihm die „Muppet Show“ anvertraute. Bei Bürger Lars Dietrich läuft das etwas anders. Einmal die Woche moderiert der 35-Jährige die Erklärshow „Alles Nick“ beim Kindersender Nickelodeon, in der junge Zuschauer gezeigt bekommen, warum Eskimos nicht frieren, wie man Schiri in der Bundesliga wird und weshalb man beim Tauchen nicht untergeht. Aber nicht, um nachher auch mal eine richtige Sendung zu kriegen.

Moderator im Kinderfernsehen ist in Deutschland keine besonders dankbare Aufgabe. Den meisten wird das Studio irgendwann zu klein. Dietrich nicht. Der Berliner muss den gut gelaunten Moderator nicht spielen, er ist sowieso gern albern. Mit Stefan Raab hat er „Hier kommt die Maus“ getextet, zum 20. Geburtstag für Peter Lustig bei „Löwenzahn“ gerappt und ein Lied für die Comicfigur Spongebob geschrieben, die den sympathischen Titel „Schwammalarm im Ozean“ trägt. Fragen Sie mal Ihre Kinder, die werden das wissen. Wobei: Die Erwachsenen kennen ihn ja auch. Entweder aus der RTL-Improshow „Frei Schnauze XXL“, aus „Extreme Activity“ bei Pro Sieben oder „Promi ärgere dich nicht“ auf Sat.1, weil er gerne als Gast eingeladen wird, wenn das Fernsehen witzig sein will. Das Alter der Zuschauer ist dann egal.

Die Hosen des ewigen Rappers

„Im Osten sahen die Moderatoren im Kinderfernsehen früher alle aus wie Lehrer, die auch mal lustig sein wollten“, sagt Dietrich. Und: „Nichts ist schlimmer als Leute, die sich einen blauen Pullover anziehen und dann so tun, als wüssten sie, wie man Kinder unterhält.“ Andererseits: Sind blaue Pullover wirklich so viel alberner als Adidas-Anzüge mit viel zu weiten Hosen, bei denen einem ganz schwindelig werden kann vor lauter aufgenähten Streifen? Das kommt darauf an, ob die Anzüge bloß zur Requisite gehören. Und versuchen Sie mal, Bürger Lars Dietrich ohne Streifen auf der Jacke zu fotografieren. Geht nicht. Ein echter Hiphopper kennt keine blauen Pullover.

„Mädchenmillionär“ heißt sein erstes Album, mit dem Dietrich 1994 auf Promotion-Tour geht und ziemlich bald bei Stefan Raab landet, der ihn in seine Show beim gerade gestarteten Musiksender Viva einlädt und so lange zu Ukulelengezupfe rappen lässt, bis er überzeugt ist: Der macht ja ganz schön viel Unsinn mit. Ein Jahr später sind Raab und Dietrich mit ihrer Rap-Version des Schlagers „Ein Bett im Kornfeld“ in den Charts und drehen in L. A. unter Polizeischutz das dazugehörige Video mit sämtlichen Hip-Hop-Klischees, die den beiden einfallen. Bürger Lars Dietrich ist 22 und berühmt. Sein nächster Titel „Sexy Eis“ wird im Radio rauf und runter gespielt. „Ich hab' erst gedacht: Ich bin Popstar, und das wird immer so bleiben.“ Aber das war natürlich Unsinn.

Der missverstandene Dauergast

Schon die zweite Single will keiner mehr spielen. Schlimmer noch: manche Radiosender boykottieren „Ich bring dich um“ - zu brutal, heißt es in den Neunzigern, als Bushido noch zur Schule geht. Dabei singt Dietrich doch bloß: Ich bring dich um - den Verstand. „Das sind die Momente, in denen man wachgerüttelt wird“, sagt er. Dann folgt eine lange Pause, bis Sat.1 anruft und fragt, ob er Lust hat, in der „Wochenshow“ mitzumachen. Zugegeben: Daran erinnert man sich heute nicht mehr so gut. Aber es verwundert auch nicht, dass Bürger Lars Dietrich nicht einfach irgendwann aufgegeben hat, sondern immer noch da ist. „Man kann auch in schlechten Sendungen eine gute Figur machen“, sagt er auf die Frage, ob das nicht lästig sei, als Dauergast missverstanden zu werden.

Dabei hat es eigentlich einen ganz anderen Plan gegeben. Dietrich wird 1973 in Potsdam geboren, wächst in Ost-Berlin auf und besucht gerne seine Nachbarn, die ein Farbfernsehgerät besitzen. Bei Thomas Gottschalk in „Na sowas“ sieht er als Teenager zum ersten Mal Leute, die dem deutschen Publikum vorführen, was Breakdance ist, und weiß sofort: Das will ich auch können. Also stellt er sich vor den Spiegel: „Wir haben uns das alles abgeguckt und so lange daran gefeilt, bis es aussah wie bei denen im Fernsehen.“ Die Hip-Hop-Szene, die sich Ende der achtziger Jahre in der DDR entwickelt, ist für Dietrich ideal, um sich auszuprobieren. Er schreibt eigene Raps und übt Breakdance, bis die Kusine auf der Ballettschule in Dresden das sieht und sagt: Du hast ja Talent, wir suchen noch Jungs. Ja, na klar - guter Witz.

Vom Rap zum Ballett und wieder zurück

Vom lässigen Straßen-Hip-Hop zum hochseriösen Ballett auf die Bühne, das geht doch gar nicht. Geht aber doch. Dietrich bewirbt sich und wird aufgenommen. „Das klang schon nach was Großem. Weil das natürlich bedeutete, dass es die Chance gab, in der Welt herumzukommen. Deshalb haben mich meine Hip-Hop-Freunde auch nicht belächelt, sondern gesagt: Toll, einer aus unseren Reihen hat die Chance, professioneller Künstler zu werden.“ Auf der Palucca-Ballettschule steht außer Tanz- und Musikgeschichte auch Staatsbürgerkunde und Leninismus auf dem Lehrplan. Die Ausbildung ist angesehen, und Dietrich kann davon träumen, als Showtänzer beim Fernsehballett unterzukommen oder im Friedrichstadtpalast aufzutreten. Also geht er nach Dresden. Das war 1989. Ein paar Monate später muss er noch mal neu planen.

Als plötzlich die Mauer offen war, sagt Dietrich, war das erst mal ein Schock. Den Westen kannte er nur vom Blick aus dem Kinderzimmerfenster und aus dem West-Fernsehen, wo bei „Aktenzeichen XY“ ständig Mörder und Bankräuber gesucht wurden. Da war die Angst, dass es im Osten auch so unübersichtlich werden könnte - aber auch die Ahnung, welche Möglichkeiten sich ihm bieten würden. „Ich konnte mir am Anfang gar nicht vorstellen, in den Plattenladen zu gehen und einfach so eine Rap-Platte rauszusuchen.“

Bühne als Beruf

Die Schule in Dresden macht er trotzdem fertig, heuert danach aber als Stuntman in den Babelsberger Defa-Studios an („Bei Prügelszenen war das ideal, sich so verbiegen zu können, wie man das beim Ballett lernt“), bis plötzlich das Angebot kommt, die Platte aufzunehmen. Kein schlechter Weg für jemandem, dem Lehrer und Eltern früher immer gesagt haben: Was soll bloß mal aus dir werden?

„Ich wollte immer auf die Bühne“, sagt er. „Ich hab' nur nicht geahnt, dass man das wirklich als Beruf machen kann.“ Manchmal kann einem die Gutgelauntheit auch lästig werden. Aber wer einmal gesehen hat, wie locker und wie interessiert Bürger Lars Dietrich bei „Alles Nick“ seine jungen Studiogäste empfängt, der weiß, dass er das gut macht, weil man auch als Zuschauer, bei dem die Schule schon eine Weile her ist, Spaß hat. Und wer wissen will, was ihn als Kind im Fernsehen geprägt hat, kriegt eine überraschende Antwort. Es gibt nicht mehr viele Leute, die Peter Alexander und Heinz Erhardt als Vorbilder angeben würden. Dietrich sagt, er bewundere die Souveränität, mit der die Entertainer früher vor ihr Publikum getreten seien und die ganze Familie unterhalten hätten. Aber wie übersetzt man das in eine Zeit, in der das Fernsehen so was nicht mehr braucht?

Als er sich im Januar in der Pro-Sieben-Show „Stars on Ice“ das Wadenbein brach, hat er sich zwei Wochen später einfach mit Gips in die Show rollen lassen, um einen Titel aus seinem neuen Album zu singen, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. „Damenwahl“ ist eine Swing-Platte, auf der Dietrich als Hommage an die Entertainer aus seiner Kindheit Titel von Heinz Erhardt und Rudi Carrell neu interpretiert. Hoffnungslos altmodisch! Und sehr gut gelaunt. Die Verkaufszahlen sind bisher so mittelgut. Aber im Herbst soll „Damenwahl“ auf Tour gehen, mit Zwölf-Mann-Orchester und Ballett, als Revueshow, in der getanzt, gesungen und gescherzt wird. Dann muss er schon wieder ein neues Publikum überzeugen. Peter Alexander kann ruhig ein bisschen stolz sein.

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