23.11.2009 · Der RAF-Terrorismus in der großen deutschen Sonntagabendsendung als Flaschenpost: Das war etwas sehr Seltenes, eine Diskussionssendung über ein historisches Thema, bei dem die Geschichte plötzlich wieder quicklebendig und unberechenbar wirkte.
Von Nils MinkmarEs könnte sein, dass die letzte Minute der gestrigen Sendung von Anne Will in die Geschichte eingeht. Michael Buback, der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, blickte in die Kamera und richtete eine Botschaft an die Frau, die, wie er glaubt, seinen Vater erschossen hat. „Vielleicht sieht sie heute zu. Sie soll wissen: Wenn sie mir schreibt, dann antworte ich.“
Die große deutsche Sonntagabendsendung als Flaschenpost. Wir wissen nicht, ob Verena Becker in ihrer Haftanstalt abends fernsieht und wenn, ob sie solche Sendungen einschaltet. Sie hätte einen Mann aus ihrer Vergangenheit wiedersehen können, den Polizisten Wolfgang Seliger, der als zwanzigjähriger Beamter 1977 in Singen ihre Ausweispapiere sehen wollte und dann von ihr und Günter Sonnenberg zusammengeschossen wurde. Sie schossen ihm in die Hand, dann in den Oberschenkel. Anne Will fragt behutsam, präzise. Seliger zögert kurz, fügt an, „dann ging es weiter“. Sonnenberg leerte sein ganzes Magazin auf den wehrlos am Boden liegenden Mann, eine Orgie der Gewalt.
Eine Lektion in angewandter Geschichtswissenschaft
Es war eine schwierige Sendung, eine Lektion in angewandter Geschichtswissenschaft und deren Risiken. Sie kam im Anschluss an die Ausstrahlung des Baader-Meinhof-Films von Bernd Eichinger, nach dem Buch von Stefan Aust (siehe auch: Video-Filmkritik: „Der Baader Meinhof Komplex“). In diesem Film wird, wie im Buch, der Besuch des Shahs von Persien in Berlin und die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg als Initialzündung zur Radikalisierung einer Gruppe der Achtundsechziger dargestellt. Doch diese These war am gestrigen Abend durch neue Quellenfunde überholt. Der Polizist, der - man weiß bis heute nicht, warum - Ohnesorg in einer Seitenstrasse erschoss, war zugleich ein höchst engagierter Agent der Stasi (siehe auch: Ohnesorgs Todesschütze gibt IM-Tätigkeit zu). Zwei Strafverfahren und etliche journalistische wie wissenschaftliche Arbeiten haben dieses Tatsache nicht zutage gefördert. Diese Erkenntnis erschüttert alles.
Das hatte der Film, auf den sich die Sendung beziehen sollte, nicht für möglich gehalten. So sah man etwas sehr Seltenes, eine Diskussionssendung über ein historisches Thema, bei dem die Geschichte plötzlich wieder quicklebendig und unberechenbar wirkte.
Die Sendung zerfiel in zwei Teile: im ersten wurde noch versucht, das vertraute Narrativ von der Radikalisierung der Studentenproteste als Reaktion auf die nationalsozialistisch belastete Elterngeneration zu wiederholen, aber es geschah nur mehr vorsichtig tastend, als würde das dünne Eis vielleicht gar nicht mehr tragen. Dass wichtige Bücher von Gerd Koenen und Bettina Roehl unterdessen die komplexen Vorgeschichten von Gudrun Ensslin und Urike Meinhof erhellt haben, und zwar auf eine Weise, die gar nicht in dieses naive Verlaufsschema passt, sei hier nur erwähnt.
Im zweiten Teil ging es um die Recherchen von Michael Buback nach den Mördern seines Vaters (siehe auch: Die Einsamkeit des Michael Buback). Jahrelang wurde der Mann ausgelacht, nun sitzt die Frau, die er für die Täterin hält, seit Sommer in Haft. Erklären kann das niemand. So schwankt der Boden, auf dem die Geschichte der RAF bislang so seelenruhig diskutiert werden konnte, beträchtlich. Ach, eigentlich ist er gar nicht mehr da, alles hängt in der Luft.
Stoiber mit einem seiner besten Auftritte
Das sagte dann auch Edmund Stoiber. Es war einer seiner besten Auftritte. Bescheiden, nachdenklich. Immer wieder sagte er, was Politiker selten sagen und gestern zum Leitsatz der gesamten Sendung wurde: Ich konnte mir das nicht vorstellen. Dass Kurras bei der Stasi war. Dass Verena Becker viel stärker am Mord des Generalbundesanwalts beteiligt war, als es immer hieß. Und dass sie dann doch, in diesem Sommer, festgenommen wurde.
Der Bruch zwischen dem alten und dem neuen Narrativ bezüglich des deutschen Linksterrorismus wurde vollends in einem kurzen Austausch zwischen Gerhard Baum und Michael Buback deutlich. Baum sprach selbstkritisch von den überzogenen repressiven Maßnahmen des Staates, dass man also mit bestimmten strafrechtlichen Instrumenten weit mehr Menschen haftbar gemacht hat, als das zuvor in Mordprozessen möglich gewesen wäre. Doch Buback entgegnete, im Falle von Verena Becker sei sie ja gerade herausgenommen worden aus dem Verfahren zu den Morden von Karlsruhe. Alle möglichen unschuldigen Menschen hat man drangsaliert und für Dinge verurteilt, die sie nicht begangen haben, aber diese Frau wurde anders behandelt. Warum? Der Staat war, wie die Geschichtsschreibung, seltsam selektiv und unfair.
Die Geschichten der Opfer wurden erst in den letzten Jahren wirklich wahr genommen. Die Rolle der Geheimdienste ist noch völlig ungeklärt. Interessant war es, noch einmal von Peter Jürgen Boock zu hören, dass alle RAF Mitglieder ungehindert durch die Ostblockstaaten reisen konnten. Michael Buback zitierte in diesem Zusammenhang Corinna Ponto mit dem Satz, die RAF-ler „hingen an Fäden, deren Enden sie gar nicht sahen.“
Was unerwähnt blieb
Unerwähnt blieb in der Sendung leider auch der Mord an Alfred Herrhausen, der sich zum zwanzigsten Mal jährt und der nicht aufgeklärt ist. Unerwähnt blieben die internationalen Bezüge, etwa nach Italien, wo Forscher heute sehr deutlich die aktive Rolle der Dienste bei der - einer perversen politischen Dialektik anhängend - Unterstützung des Linksterrorismus benennen.
Justiz, Wissenschaft und Medien scheinen gar nicht über adäquate Instrumente zu verfügen, den wirklichen Fragen zur Geschichte des Linksterrorismus beizukommen. Vielleicht ist es auch ein Mangel an der deutschen Vorstellungskraft, jedenfalls beschloss man den Fernsehabend mit der Ahnung, dass dies nicht die letzte Sendung gewesen sein dürfte, in der es hieß: Ich habe mir das gar nicht vorstellen können.
Vielleicht kommt auch eine Flaschenpost zurück. Einmal hat Verena Becker ja bereits an Michael Buback geschrieben, doch ihr Anwalt hat ihr geraten, den Brief nicht abzuschicken. Was stand wohl drin?
Klar beim Namen nenne...
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 23.11.2009, 08:52 Uhr
gar nichts wird erschüttert.
Horst Dettweiler (dettw)
- 23.11.2009, 09:17 Uhr
diese Erkenntnis erschüttert?
Axel Arnold Bangert (axelarnoldbangert)
- 23.11.2009, 09:40 Uhr
Wer ermordete Alfred Herrhausen?
Andreas Fleischmann (Flesh_FAZ)
- 23.11.2009, 10:25 Uhr
Mutiger Artikel
Stefan Uhlig (printul)
- 23.11.2009, 11:24 Uhr